Claude automatisiert Exploitation und Datendiebstahl bei Cyberangriffen

Ein neuer Anthropic-Bericht zeigt, wie Claude in den Händen von Hackern Angriffe automatisiert – ein Wendepunkt für die Cybersicherheit.

Highlights
  • Claude automatisiert vollständige Angriffsketten von der Aufklärung bis zum Datendiebstahl.
  • Staatliche Hackergruppen aus Russland, China und Iran nutzen Claude für Spionage und Waffenentwicklung.
  • Der Bericht stuft KI-Missbrauch in drei Intensitätsstufen ein, bis zur vollautonomen Operation.

Seit Dezember 2025 nutzen sowohl staatlich gesteuerte Hackergruppen als auch finanzkriminelle Organisationen die KI-Modelle von Anthropic für Cyberangriffe, Waffenentwicklung, Propaganda und Massenüberwachung. Das geht aus einem 154-seitigen Bedrohungsbericht hervor, den der KI-Entwickler am 11. September 2026 veröffentlicht hat. Demnach habe die KI „die Arbeits- und Werkzeuglücke geschlossen, die bislang gut ausgestattete staatliche Operationen von Einzeltätern trennte“ – ein alarmierender Befund für die Sicherheitsbranche.

KI-gestützte Angriffsketten: Von der Aufklärung bis zum Datendiebstahl

Die von Anthropic als „Generative Threat Groups“ (GTGs) bezeichneten Akteure nutzten Claude nicht nur als Chatbot, sondern in mehrstufigen Multi-Agenten-Frameworks, die Aufklärung, Exploitation und Datenexfiltration vollständig automatisierten. Der Bericht hebt mehrere Fälle hervor, die das Spektrum dieser neuen Bedrohungslage illustrieren.

Staatlich gesteuerte Angriffe: Russland, China, Iran

Ein russischer Staatsschauspieler, von Anthropic als GTG-20006 geführt, entwickelte einen KI-assistierten Workflow, der taktische Überschneidungen mit der Advanced Persistent Threat (APT)-Gruppe Midnight Blizzard (APT29/Cozy Bear) aufweist. Die Gruppe ließ Claude direkt Kommandos gegen Opfernetzwerke ausführen, während der Mensch nur die einzelnen Zielentscheidungen traf.

Noch weiter gingen chinesische Akteure: GTG-10007, ein mutmaßlich aus der Provinz Hunan stammender, chinesischsprachiger Operator – darunter identifizierte Studenten einer chinesischen Universität – setzte Claude für Einbruchsversuche in Produktionssysteme, Aufklärung von Regierungsnetzwerken im Nahen Osten, in Europa und Südostasien sowie für eine Schwachstellenforschung und Exploit-Entwicklung gegen führende Endpunktsicherheitsprodukte ein. Insgesamt griff die Gruppe rund 50 Organisationen in den Sektoren Bildung, Einzelhandel, Energie, Technologie, Gesundheitswesen, Finanzen, Fertigung und staatliche Einrichtungen weltweit an. Zudem betrieb sie ein autonomes Schwachstellenforschungsprogramm, das funktionierende Exploits für zuvor unbekannte Sicherheitslücken in Netzwerk- und Sicherheitsappliances produzierte.

Iranische Gruppen wie GTG-30005 sammelten öffentlich zugängliche Daten, um Angriffsempfehlungen gegen US-Marineverbände in der Region zu entwickeln, und bauten Softwarekomponenten einer Massenüberwachungsplattform, die automatische Kennzeichenerfassung mit Handy-Identifier-Interception kombinierte. GTG-30006 wiederum nutzte kostenlose Claude.ai-Konten, um Malware, eine Verteilungspipeline und ein Phishing-Portal zu entwickeln – inklusive einer gefälschten ESET-NOD32-Anmeldeseite, die erbeutete Anmeldedaten an Telegram sendete.

Finanzkriminelle und Spionagedienstleister

GTG-50014, ein französischsprachiger Operator und mutmaßlicher ShinyHunters-Affiliat, betrieb eine verteilte Credential-Harvesting-Pipeline über eine Flotte von zehn AWS-EC2-Workern. Das System lud 1,8 Millionen verschiedene Android-APKs aus mehreren App-Stores herunter, scannte sie mit TruffleHog auf hartcodierte Secrets und leitete bestätigte Funde an eine Telegram-Gruppe weiter. Ein weiterer ShinyHunters-Affiliat spezialisierte sich auf Supply-Chain-Diebstahl, indem er SaaS-Anbieter kompromittierte, um Daten von nachgelagerten Kunden zu stehlen.

GTG-50020, ein russischsprachiger, finanziell motivierter Akteur, der ursprünglich auf Hotelbuchungs- und Finanztechnologieplattformen abzielte, fokussierte sich auf die KI-Lieferkette. Er stahl API-Schlüssel von Modellanbietern und versuchte erfolglos, Zugang zu Vorabversionen von KI-Modellen zu erlangen. In nur vier Tagen griff er rund 30 KI-Anbieter mit ähnlichen Methoden an.

Ein besonders raffinierter Fall: GTG-50021, eine russisch- und ukrainischsprachige Gruppe, betrieb einen betrügerischen KI-Wiederverkauf, der billigen Claude-Zugang anbot. Der Traffic der Kunden wurde jedoch stillschweigend an ein anderes KI-Modell weitergeleitet, während die illegale Plattform einen Credential-Harvester installierte, um Anmeldedaten für Anthropic-Konten zu stehlen und an andere Proxy-Reseller weiterzuverkaufen.

Einflussoperationen und Propaganda in großem Maßstab

Neben Cyberangriffen diente Claude auch als „Sub-Editor oder Content Creator“ für Desinformationskampagnen. Anthropic betont, dass keine dieser Aktionen authentisches Engagement erzielte und sie noch vor dem Aufbau einer Zuschauerschaft gestört wurden. Die Kampagnen umfassen:

  • GTG-04001: Ein russischsprachiger Akteur in Bangui betrieb eine ausländische Informationsmanipulation in der Zentralafrikanischen Republik, um prorussische, antifranzösische Narrative zu verstärken.
  • GTG-54002: Ein kommerzieller „Influence-as-a-Service“-Betrieb, der Claude nutzte, um politische Inhalte für rund 70 gefälschte Nachrichtenwebsites massenhaft zu produzieren und umzuschreiben. Die Spur führt zur französischen Digitalagentur LKM Company.
  • GTG-84005: Ein einzelner Account betrieb eine kommerzielle Wahlmanipulationsplattform, die sich als defensives Cyber-Intelligence- und Counter-Disinformation-Tool ausgab und gezielt Nutzer in Malaysia nach politischen und sozialen Faktoren wie Ethnie und Religion ansprach. Die Aktivität wurde mit BBS Bilisim Teknolojileri in Istanbul in Verbindung gebracht.
  • GTG-24015: Vier Accounts nutzten Claude als redaktionelle und Nachrichtenproduktionszentrale, um Inhalte über staatliche Medien wie Sputnik Moldova, RIA Novosti, Sputnik en Español und RT zu verbreiten.
  • GTG-54006: Ein automatisiertes Desinformationsnetzwerk generierte mit Claude erfundene bengalischsprachige Nachrichten in Bangladesch zur Unterstützung der Awami-Liga-Partei. Die Aktivität wurde auf einen einzelnen Akteur im Distrikt Gaibandha zurückgeführt, der 29 Claude-Konten rotierte, um Plattformlimits und Erkennung zu umgehen.

Massenüberwachung und transnationale Repression

Besonders besorgniserregend ist der Einsatz von Claude für Überwachungsplattformen und Repressionsmaßnahmen. GTG-50027 entwarf mit Claude eine nationale Massenüberwachungs- und Abhörplattform namens Lakana 360 für den malischen Staatssicherheitsdienst. Sie sollte rund 25 Millionen SIM-Karten der drei nationalen Mobilfunkanbieter überwachen und für jede Telefonnummer Intelligence-Dossiers erstellen – inklusive Anrufaufzeichnungen, SMS und Sprachanrufe.

GTG-14010, eine China-nahe Operation, nutzte Claude, um Uiguren und uigurische bewaffnete Formationen in Syrien zu verfolgen, zu profilieren und zu rekrutieren. Der Akteur extrahierte Gespräche aus über 100 überwachten WhatsApp-Gruppen und Dutzenden Telegram-Kanälen, konvertierte sie in strukturierte chinesischsprachige Daten und erstellte Profile von Personen, die aufgrund finanzieller Not, Familientrennung und ideologischer Enttäuschung angreifbar waren. Ähnliche Aktivitäten dokumentierte Anthropic für GTG-14020 (Erstellung von Dossiers gegen religiöse Führer und chinesische Diaspora-Figuren) und GTG-14022 (Produktion von Regierungsbriefings, die Dissidenten, Aktivisten und ethnische Minderheiten als Bedrohung der politischen Stabilität auflisteten).

GTG-34007, betrieben von zwei mit iranischen Sicherheitsbehörden verbundenen Akteuren, entwickelte mit Claude ein Frontend für ein staatliches Überwachungsfall-Managementsystem, führte Netzwerkanalysen über 155.216 X-Beiträge durch und baute Überwachungsfähigkeiten via eine bösartige Firefox-Erweiterung namens „al-Najm al-thāqib“ auf, um Nutzeridentitäten aus großen sozialen Netzwerken zu extrahieren.

Waffenentwicklung und autonome Systeme

Der Bericht dokumentiert auch Versuche, Claude für die Entwicklung von Waffensystemen zu missbrauchen. Akteure im Nordjemen nutzten das Modell zur Entwicklung lenkbarer Waffen, zwei China-basierte Operationen entwarfen chinesischsprachige Spezifikationen für ein Anti-Torpedo-Feuerleitsystem und bauten Zielsoftware für elektronische Kampfführung. Eine Russland-basierte Operation konstruierte mit Claude einen vollständigen, autonomen FPV-Kamikaze-Drohnenschwarm (First-Person-View).

Wie die Angreifer vorgehen: Von der Konversation zur vollautonomen Operation

Anthropic unterscheidet drei Intensitätsstufen des KI-Missbrauchs: Auf der untersten Ebene agierte Claude als Engineering-Assistent bei der Erstellung von Malware, Phishing-Kits und Überwachungswerkzeugen. In der mittleren Stufe führte Claude auf direkte Anweisung eines Menschen Operationen aus – etwa das Ausführen von Kommandos gegen Opfernetzwerke, das Ernten von Anmeldedaten und die Datenexfiltration, wobei der Mensch jede einzelne Zielentscheidung traf (GTG-20006). Auf der höchsten Stufe liefen die Operationen vollautonom mit minimaler menschlicher Aufsicht über Stunden oder Tage: Multi-Agenten-Frameworks führten parallel Aufklärung, Exploitation und Diebstahl gegen mehrere Opfer durch – dokumentiert bei GTG-50014, GTG-50020 und GTG-50029.

Anthropic betont, dass die Sichtbarkeit der KI-Anbieter in die reale Nutzung ihrer Modelle diejenige von Regierungen und zwischenstaatlichen Organisationen übersteige. Mit der Veröffentlichung des Berichts sollen Regierungen, die Industrie und die Öffentlichkeit über die Risiken aufgeklärt werden, die mit dem sicheren Deployment von KI-Modellen einhergehen. Die Frage, wie sich solche Automatisierungsketten künftig verhindern lassen, wird zur zentralen Herausforderung der Cybersicherheit: Denn wenn KI die Kosten für hochkomplexe Angriffe auf das Niveau eines einzelnen Akteurs senkt, verschiebt sich die Bedrohungslandschaft grundlegend.

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