Grindr, die weltweit größte Dating-Plattform für die LGBTQ+-Community, hat sich im Vereinigten Königreich mit einer Vergleichszahlung von 26 Millionen Pfund (umgerechnet rund 35,1 Millionen US-Dollar) bereit erklärt, einen Rechtsstreit über die Weitergabe sensibler Nutzerdaten beizulegen. Im Kern des Verfahrens stand der Vorwurf, die App habe unter anderem den HIV-Status sowie das Datum des letzten Tests ihrer Nutzer unrechtmäßig an Drittfirmen weitergegeben.
Hintergrund der Sammelklage in Großbritannien
Die im April 2024 in Großbritannien eingereichte Sammelklage warf Grindr Verstöße gegen britische Datenschutzgesetze vor. Konkret ging es um die Weitergabe persönlicher Daten für kommerzielle Zwecke wie Werbung. Die Klage wurde im Auftrag von mehr als 10.000 Mandanten eingereicht, deren sensible Informationen, darunter Angaben zum Gesundheitszustand, ohne ausreichende Rechtsgrundlage geteilt worden sein sollen. Die Verhandlungen bezogen sich ausschließlich auf Praktiken aus der Zeit vor 2020, als die Plattform noch von dem chinesischen Spielekonzern Kunlun betrieben wurde.
Die Details des Vergleichs
Laut einer Einreichung bei der US-Börsenaufsicht SEC vom 2. September 2026 sieht die Vereinbarung vor, dass Grindr die Summe in zwei Tranchen zahlt: 13 Millionen Pfund bis zum 31. Dezember 2026 und weitere 13 Millionen Pfund bis zum 31. März 2027. Das Unternehmen betonte in der offiziellen Stellungnahme, dass der Vergleich weder ein Schuldeingeständnis noch eine gerichtliche Feststellung der Haftung beinhalte. Gleichwohl räumte man ein, die durch die historischen Datenpraktiken entstandene Verunsicherung und Vertrauensverluste bei britischen Nutzern zu erkennen.
Grindl stellte zudem klar, dass man das Datenschutzprogramm seit 2020 grundlegend überarbeitet habe. Die Plattform sei weiterhin ein sicherer Raum für die Community, und man setze sich für Transparenz, Nutzerkontrolle und einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten ein. Diese Aussage unterstreicht den Wandel, den das Unternehmen nach dem Verkauf an die Investorengruppe San Vicente Acquisition LLC im Mai 2020 vollzogen haben will.
Chronologie der Datenschutzverstöße
Die Wurzeln des Skandals reichen bis ins Frühjahr 2018 zurück. Damals deckte die norwegische Forschungsgruppe SINTEF auf, dass Grindr sensible Gesundheitsdaten, konkret den HIV-Status und das Datum des letzten Tests, mit den Analysefirmen Apptimize und Localytics teilte. Diese waren mit der Optimierung der App betraut. Die Enthüllung führte zu einem sofortigen öffentlichen Aufschrei und zu der Zusage von Grindr, die Praxis umgehend einzustellen. Damals beteuerte das Unternehmen, niemals Nutzerdaten verkauft zu haben oder dies künftig zu tun. Die Weitergabe sei ausschließlich zur Erbringung von Dienstleistungen durch die genannten Drittfirmen erfolgt.
Über die Jahre häuften sich jedoch die regulatorischen Folgen. Im Januar 2021 verhängte die norwegische Datenschutzbehörde eine Geldstrafe von zunächst 8,6 Millionen Pfund gegen Grindr, die später auf 5,5 Millionen Pfund reduziert wurde. Der Vorwurf lautete auf Verstöße gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), da die App unter anderem Standortdaten, sexuelle Orientierung und Informationen zur psychischen Gesundheit ohne ausreichende Rechtsgrundlage an Werbetreibende weitergegeben habe. Grindr legte Rechtsmittel ein, verlor jedoch im Oktober 2024 endgültig vor dem norwegischen Berufungsgericht.
Die nun in Großbritannien getroffene Einigung ist ein deutliches Signal für die wachsende Durchsetzung von Datenschutzrechten, insbesondere wenn es um höchstpersönliche Gesundheitsdaten geht. Während das Unternehmen die Vorwürfe weiterhin bestreitet, zeigt die hohe Vergleichssumme, wie schwerwiegend die Verstöße aus Sicht der Kläger und der Öffentlichkeit wiegen. Die Neustrukturierung der Datenschutzpraktiken ab 2020 könnte für Grindr den Weg zu einem nachhaltigeren Umgang mit Nutzerdaten ebnen, doch der Imageschaden und die finanziellen Folgen dieses Falls werden das Unternehmen noch lange begleiten.