{"id":43028,"date":"2026-06-24T22:04:51","date_gmt":"2026-06-24T20:04:51","guid":{"rendered":"https:\/\/overcentral.com\/de\/?p=43028"},"modified":"2026-06-24T22:04:51","modified_gmt":"2026-06-24T20:04:51","slug":"360-security-yitian-tulong-chinesische-mythos-alternative","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/overcentral.com\/de\/360-security-yitian-tulong-chinesische-mythos-alternative\/","title":{"rendered":"360 Security bringt nach US-Exportstopp chinesische Mythos-Alternative"},"content":{"rendered":"<p>Zw\u00f6lf Tage, nachdem die <a href=\"https:\/\/overcentral.com\/de\/openai-ki-modelle-us-regierung-pruefung\/\" title=\"OpenAI l\u00e4sst US-Regierung KI-Modelle vor Release pr\u00fcfen\" data-iacss-internal=\"1\">US-Regierung<\/a> den Export der KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 gestoppt hat, meldet sich ein chinesischer Cybersicherheitskonzern mit einer selbsternannten Alternative zu Wort. Die <a href=\"https:\/\/www.360.cn\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-iacss-external=\"1\">360 Security Technology<\/a> (Shanghai-B\u00f6rse: 601360) hat auf der ISC.AI 2026 in Peking offiziell zwei KI-Tools vorgestellt, die nach eigenen Angaben mit dem gesperrten System von Anthropic konkurrieren sollen. Gr\u00fcnder Zhou Hongyi sprach dabei offen von einer \u201echinesischen Mythos-Alternative\u201c.<\/p>\n<h2>\u201eYitian Tulong\u201c \u2013 ein System mit mythologischem Namen<\/h2>\n<p>Zhou Hongyi, der zugleich Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes ist, pr\u00e4sentierte auf der Sicherheitskonferenz zwei Werkzeuge, die unter dem Sammelbegriff \u201eYitian Tulong\u201c (\u501a\u5929\u5c60\u9f8d) firmieren. Der Name ist dem ber\u00fchmten Wuxia-Roman \u201eThe Heaven Sword and Dragon Saber\u201c des Autors Jin Yong entlehnt und bedeutet w\u00f6rtlich \u201eHimmelsschwert und Drachent\u00f6tungsklinge\u201c.<\/p>\n<p>Das erste Tool mit der Bezeichnung \u201eTulongfeng\u201c (\u5c60\u9f8d\u92d2) ist auf die automatische Entdeckung von Software-Sicherheitsl\u00fccken spezialisiert. Zhou selbst bezeichnete es in seinem Vortrag als \u201echinesische Version von Mythos\u201c. Der zweite Baustein, \u201eYitianzhen\u201c (\u501a\u5929\u93ae), konzentriert sich auf die Automatisierung von Cyberabwehr und Incident Response. Beide Systeme sollen nach Angaben des Unternehmens sowohl f\u00fcr offensive als auch defensive Zwecke einsetzbar sein \u2013 eine F\u00e4higkeit, die Zhou als \u201estrategisches nationales Verm\u00f6gen\u201c einstufte.<\/p>\n<h2>Zahlenvergleiche mit Vorsicht zu genie\u00dfen<\/h2>\n<p>360 gibt an, mit Tulongfeng bislang 3.432 Schwachstellen in Softwareprodukten aufgesp\u00fcrt zu haben, von denen 105 von chinesischen Beh\u00f6rden best\u00e4tigt worden seien. Reuters hat diese Behauptung bislang nicht unabh\u00e4ngig verifizieren k\u00f6nnen. Ein Blick auf die Entwicklung dieser Zahlen offenbart eine bemerkenswerte Dynamik: Beim Tianfu-Cup, einem chinesischen Hacking-Wettbewerb im April 2026, sprach 360 noch von rund 1.000 entdeckten Schwachstellen. Innerhalb von zwei Monaten w\u00e4re die Zahl demnach mehr als verdreifacht worden.<\/p>\n<p>Zum Vergleich: Mythos Preview hatte nach knapp einem Monat in Zusammenarbeit mit rund 50 Partnerorganisationen des <a href=\"https:\/\/www.anthropic.com\/news\/project-glasswing\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-iacss-external=\"1\">Project Glasswing<\/a> bereits \u00fcber 10.000 schwerwiegende und kritische Schwachstellen identifiziert. Allein bei Cloudflare fanden sich 2.000 kritische L\u00fccken, bei Mozilla wurde die Bug-Rate im Vergleich zu fr\u00fcheren Versionen verzehnfacht. Die Gr\u00f6\u00dfenordnungen unterscheiden sich deutlich \u2013 auch wenn die Vergleichsbasis unterschiedliche Codebasen und Schweregradkriterien umfasst.<\/p>\n<p>Der Sicherheitsforscher Eugenio Benincasa von der ETH Z\u00fcrich wies darauf hin, dass 360 sich mit den eigenen Angaben explizit in direkte Konkurrenz zu Anthropics Mythos stelle. Wer \u201eMythos-\u00c4quivalenz\u201c beanspruche, so die implizite Kritik, m\u00fcsse sich an den Ma\u00dfst\u00e4ben des Originals messen lassen.<\/p>\n<h2>\u201eWir k\u00f6nnen nicht warten\u201c \u2013 die Logik des Aufholprozesses<\/h2>\n<p>Eine zentrale Passage in Zhou Hongyis Rede verdeutlicht die strategische Denkweise des Unternehmens. Der Gr\u00fcnder r\u00e4umte ein, dass chinesische Basismodelle bei der reinen Modellleistung noch 20 bis <a href=\"https:\/\/overcentral.com\/de\/hp-kunden-windows-10-migration\/\" title=\"30 Prozent der HP-Kunden nutzen weiterhin Windows 10\" data-iacss-internal=\"1\">30 Prozent<\/a> hinter den US-Systemen zur\u00fcckl\u00e4gen. Dann f\u00fcgte er hinzu: \u201eWir haben nicht den Luxus, erst aufzuholen und dann mit der Schwachstellensuche zu beginnen. Weil wir diesen Luxus nicht haben.\u201c<\/p>\n<p>Der Widerspruch zwischen dem Eingest\u00e4ndnis einer Leistungsl\u00fccke und der Behauptung von Gleichwertigkeit l\u00f6st sich in seiner Argumentation auf: Wo Mythos als hochoptimierter Einzelchip Schwachstellen finde, setze 360 auf einen \u201eAgenten\u201c-Ansatz \u2013 die Kombination aus KI-Modell, spezialisiertem Sicherheits-Know-how, automatisierten Analysewerkzeugen und einer umfangreichen Schwachstellendatenbank. \u201eWenn Mythos ein High-End-Chip ist, dann bauen wir eine zuverl\u00e4ssig arbeitende Komplettmaschine. 24 Stunden am Tag, mit weniger Fehlern\u201c, so Zhou. W\u00e4hrend die USA auf einzelne geniale Hacker setzten, organisiere 360 professionelle Angriffs- und Verteidigungsteams.<\/p>\n<h2>Was der Exportstopp bewirkt hat \u2013 das Gegenteil des Beabsichtigten<\/h2>\n<p>Der Zeitpunkt der Ank\u00fcndigung ist kein Zufall. Fable 5 und Mythos 5 wurden am 12. Juni durch eine Exportkontrollanordnung des US-Handelsministeriums weltweit f\u00fcr Nutzer gesperrt. Ausl\u00f6ser war ein Bericht von Project Glasswing, doch in einem Schreiben von Handelsminister Howard Lutnick an Anthropic-CEO Dario Amodei wurde die Sorge vor einer Nutzung durch Milit\u00e4rgeheimdienste in China und Russland als Begr\u00fcndung genannt. Beide Modelle bleiben bis heute offline.<\/p>\n<p>Zhou nutzte die Gelegenheit, um das Risiko einer \u201eeinseitigen Transparenz\u201c anzuprangern: Die USA k\u00f6nnten mit Mythos weiterhin Software und kritische Systeme scannen, w\u00e4hrend chinesische Unternehmen \u00fcber vergleichbare F\u00e4higkeiten nicht verf\u00fcgten. Die Ironie der Situation ist un\u00fcbersehbar: Die Exportkontrolle, die eine Verbreitung der F\u00e4higkeit verhindern sollte, hat dem betroffenen Unternehmen den Anlass und die Legitimation geliefert, eine eigene L\u00f6sung zu entwickeln. Anthropic selbst hatte im April vorausgesagt, dass die F\u00e4higkeiten der Mythos-Klasse innerhalb von sechs bis zw\u00f6lf Monaten auf andere KI-Unternehmen \u00fcbergreifen w\u00fcrden. 360s Ank\u00fcndigung ist die erste konkrete Best\u00e4tigung dieser Prognose.<\/p>\n<h2>Wer ist 360? Ein Unternehmen mit politischer Vergangenheit<\/h2>\n<p>Um die Behauptungen von 360 einordnen zu k\u00f6nnen, ist ein Blick auf die Geschichte des Unternehmens unerl\u00e4sslich. Zhou Hongyi gr\u00fcndete Qihoo 360 im Jahr 2005 und eroberte mit einer kostenlosen Antivirensoftware den chinesischen PC-Markt. 2011 ging das Unternehmen an die New Yorker B\u00f6rse, wurde 2016 f\u00fcr rund 9,3 <a href=\"https:\/\/overcentral.com\/de\/pc-markt-globaler-spielemarkt-rekord-200-milliarden\/\" title=\"PC-Markt treibt globalen Spielemarkt auf Rekord: 200 Milliarden Dollar\" data-iacss-internal=\"1\">Milliarden Dollar<\/a> privatisiert und kehrte anschlie\u00dfend an den Shanghaier Markt zur\u00fcck \u2013 inzwischen ein Staatskonzern mit Sicherheitsauftrag.<\/p>\n<p>Im Mai 2020 setzte das US-Handelsministerium Qihoo 360 auf die Entity List \u2013 mit der Begr\u00fcndung, das Unternehmen sei in milit\u00e4rische Beschaffungsaktivit\u00e4ten in China verwickelt. In derselben Verf\u00fcgung wurden auch Firmen genannt, die an \u00dcberwachungsaktivit\u00e4ten in Xinjiang beteiligt gewesen sein sollen. Zhou selbst hat die Sanktionen stets als Vergeltungsma\u00dfnahme bezeichnet, weil 360 angeblich chinesische Hacking-Aktivit\u00e4ten von CIA und NSA aufgedeckt habe. Dass nun ausgerechnet der Chef eines sanktionierten Unternehmens die US-Exportkontrollpolitik kritisiert und eine \u201echinesische Mythos-Alternative\u201c ausruft, macht die technischen Behauptungen zu einer hochpolitischen Aussage.<\/p>\n<h2>Die eigentliche Frage liegt jenseits der Technik<\/h2>\n<p>Ob die Zahl von 3.432 Schwachstellen, die Reuters nicht verifizieren kann, nun stimmt oder nicht \u2013 das ist nicht der Kern dieser Entwicklung. Die eigentliche Botschaft lautet: Exportkontrollen sto\u00dfen dort an ihre Grenzen, wo die F\u00e4higkeit zur Schwachstellensuche durch KI sich ausbreitet. Selbst wenn chinesische Modelle in der reinen Leistung 20 bis 30 Prozent zur\u00fcckliegen, bleibt der Weg \u00fcber eine agentenbasierte Kombination aus Modell, Prozessautomatisierung und Expertenwissen offen.<\/p>\n<p>Was Dario Amodei von Anthropic als \u201esechs bis zw\u00f6lf Monate bis zur Verbreitung\u201c prognostiziert hatte, hat 360 unter dem Namen \u201eYitian Tulong\u201c bereits zwei Monate nach dem Exportstopp f\u00fcr sich reklamiert. Je l\u00e4nger die Sperre f\u00fcr Fable 5 und Mythos 5 andauert, desto st\u00e4rker wird dieser Prozess beschleunigt. Die Erz\u00e4hlung, die USA h\u00e4tten ein Monopol auf KI-Angriffsf\u00e4higkeiten, mag technisch angreifbar sein \u2013 politisch wirkt sie in China als Motor f\u00fcr die nationale Entwicklung eigener L\u00f6sungen. Dass Zhou Hongyi diese Botschaft als Mitglied der politischen Konsultativkonferenz vortr\u00e4gt, macht die Ank\u00fcndigung zu mehr als einem Produkt-Launch.<\/p>\n<p>\u201eWer Himmelsschwert und Drachent\u00f6tungsklinge in H\u00e4nden h\u00e4lt, kann der Welt gebieten\u201c, schrieb Jin Yong. Die KI-Version von Schwert und Klinge vermehrt sich \u2013 gerade dadurch, dass man sie aufzuhalten versuchte.<\/p>\n<h3>Quellen<\/h3>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.securityweek.com\/chinese-cybersecurity-firms-ai-hacking-claims-draw-comparisons-to-claude-mythos\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SecurityWeek \u2013 Chinese Cybersecurity Firm&#8217;s AI Hacking Claims Draw Comparisons to Claude Mythos<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/legal\/litigation\/chinas-360-says-it-has-developed-tools-match-anthropics-mythos-2026-06-24\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reuters \u2013 Chin&#8217;s 360 says it has developed tools to match Anthropic&#8217;s Mythos<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.anthropic.com\/research\/glasswing-initial-update\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Anthropic \u2013 Project Glasswing: An initial update<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zw\u00f6lf Tage, nachdem die US-Regierung den Export der KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 gestoppt hat, meldet sich ein chinesischer Cybersicherheitskonzern mit einer selbsternannten Alternative zu Wort. 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