{"id":50555,"date":"2026-08-30T17:38:27","date_gmt":"2026-08-30T15:38:27","guid":{"rendered":"https:\/\/overcentral.com\/de\/?p=50555"},"modified":"2026-08-30T17:38:27","modified_gmt":"2026-08-30T15:38:27","slug":"aws-rng-netzwerkarchitektur-50555","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/overcentral.com\/de\/aws-rng-netzwerkarchitektur-50555\/","title":{"rendered":"AWS senkt Router-Zahl um 69 Prozent und Stromverbrauch um 40 Prozent"},"content":{"rendered":"<p>Eine stille Revolution vollzieht sich in den Rechenzentren von <a href=\"https:\/\/aws.amazon.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-iacss-external=\"1\">Amazon Web Services<\/a> (AWS). Die neue Netzwerkarchitektur mit der Bezeichnung RNG (Resilient Network Graphs) hat die Anzahl der ben\u00f6tigten Router um 69 Prozent reduziert und den Stromverbrauch der Netzwerkhardware um 40 Prozent gesenkt. Seit April 2026 ist diese Technologie zur Standardkonfiguration f\u00fcr praktisch alle neuen Rechenzentren geworden. W\u00e4hrend die beeindruckenden Zahlen in der Fachwelt f\u00fcr Aufsehen sorgten, blieb ein entscheidendes Detail lange im Verborgenen: Der Schl\u00fcssel zum Erfolg liegt in einem weiteren, nur im Zusammenhang mit RNG verst\u00e4ndlichen Protokoll namens SIDR. Niemand au\u00dferhalb von AWS hatte diese beiden Puzzleteile zuvor zusammengesetzt.<\/p>\n<h2>Vom Fat Tree zum quasi-zuf\u00e4lligen Graphen<\/h2>\n<p>Der Kern der Innovation ist der Wechsel von der traditionellen Fat-Tree-Netzwerktopologie hin zu einem flachen, quasi-zuf\u00e4lligen Graphen. Im alten Modell werden Server in Racks gesteckt, mehrere Racks bilden eine Gruppe, und die Datenkommunikation zwischen Servern muss \u00fcber Switches auf dem Rack aufw\u00e4rts in h\u00f6here Hierarchieebenen und dann wieder abw\u00e4rts zum Ziel rack navigieren. Diese Struktur ist einfach zu entwerfen, aber sie leidet unter einem gravierenden Nachteil: <strong>Die Last konzentriert sich auf die Switches der oberen Ebenen<\/strong>. F\u00e4llt ein solcher zentraler Switch aus, sind alle darunterliegenden Racks betroffen.<\/p>\n<p>Bereits in den fr\u00fchen 1990er Jahren bewiesen Mathematiker, dass ein Netzwerk am effizientesten und ausfallsichersten ist, wenn Router zuf\u00e4llig miteinander verbunden werden. Zwischen zwei beliebigen Knoten existieren dann viele unabh\u00e4ngige Pfade, und der Ausfall eines einzelnen Knotens wirkt sich nur proportional aus \u2013 bei 1 Prozent ausgefallener Router reduziert sich die Bandbreite um gerade einmal 1 Prozent. Die Theorie war klar und alt. Was fehlte, war eine praktikable Methode, sie in einer realen Umgebung mit Tausenden von Knoten umzusetzen.<\/p>\n<p>AWS gelang dies mit RNG. Zwei Hauptherausforderungen mussten daf\u00fcr gel\u00f6st werden. Die erste war die Verkabelung. Zuf\u00e4llige Verbindungen in einem Rechenzentrum physikalisch herzustellen, ist nahezu unm\u00f6glich. AWS entwickelte daf\u00fcr ein passives optisches Ger\u00e4t namens ShuffleBox. Diese Box hat auf einer Seite Ports f\u00fcr die Router und auf der anderen Seite Ports f\u00fcr weitere ShuffleBoxen. Im Inneren werden die Glasfaserkabel nach einem bestimmten Muster vertauscht. Ein Techniker muss einen neuen Router daher nur noch in einen freien Port der lokalen ShuffleBox stecken \u2013 der Verkabelungsaufwand bleibt vergleichbar mit dem eines Fat Tree.<\/p>\n<h2>SIDR und Spraypoint: Das fehlende Puzzlest\u00fcck<\/h2>\n<p>Die zweite Herausforderung betraf das Routing selbst. In einer Fat Tree ist der Pfad durch die Hierarchie vorgegeben. In einem quasi-zuf\u00e4lligen Graphen mit Tausenden gleichwertigen Pfaden zwischen zwei Punkten verliert das Konzept des k\u00fcrzesten Weges seine Bedeutung. Klassische Protokolle wie BGP oder OSPF, die stets den k\u00fcrzesten Weg berechnen, sind hierf\u00fcr ungeeignet.<\/p>\n<p>AWS l\u00f6ste dieses Problem mit SIDR (Scalable Intent-Driven Routing, ausgesprochen \u201eSaider\u201c). SIDR \u00fcbernimmt die zentrale Steuerungsebene der Netzwerkplanung, kombiniert dies aber mit einer dezentralen Ausf\u00fchrung. F\u00e4llt ein Knoten aus, erfolgt die Umleitung in weniger als einer Sekunde \u2013 etwa zehnmal schneller als bei herk\u00f6mmlichen Verfahren. Die eigentliche Paket\u00fcbertragung \u00fcbernimmt ein weiteres Protokoll namens Spraypoint. Der sendende Router spr\u00fcht die Pakete wie ein Nebel an benachbarte Knoten und leitet sie \u00fcber speziell eingerichtete Wegpunkte zum Ziel. Dies sichert nahezu die doppelte Anzahl unabh\u00e4ngiger Pfade im Vergleich zur Standard-Routing-Methode und macht das Netzwerk extrem widerstandsf\u00e4hig gegen Ausf\u00e4lle und \u00dcberlastungen.<\/p>\n<p>SIDR wurde von Stephen Callaghan auf der re:Invent 2023 vorgestellt und tauchte 2024 auch in einer Keynote von Peter DeSantis auf. Die bahnbrechende RNG-Arbeit wurde dagegen im April 2026 auf arXiv ver\u00f6ffentlicht. Interessanterweise enthielt das RNG-Papier <strong>keinen einzigen Verweis auf SIDR<\/strong>. Corey Quinn von der Duckbill Group, der die AWS-Ingenieure f\u00fcr The Register interviewte, stellte fest, dass <strong>niemand au\u00dferhalb von AWS diese Verbindung zuvor hergestellt hatte<\/strong>. Es war kein Geheimnis \u2013 es war nur nie jemandem aufgefallen, die beiden Puzzleteile zusammenzuf\u00fcgen.<\/p>\n<h2>Wohin flie\u00dfen die Kosteneinsparungen?<\/h2>\n<p>Die Ergebnisse von RNG sind beeindruckend und klar beziffert: <strong>69 Prozent weniger Router<\/strong>, eine Steigerung des Datendurchsatzes um bis zu 33 Prozent, und eine <strong>Reduzierung des Stromverbrauchs der Netzwerkger\u00e4te um 40 Prozent<\/strong>. Das Forschungspapier gibt Kosteneinsparungen zwischen 9 und 45 Prozent im Vergleich zur Fat-Tree-Architektur an, bei gleichwertiger oder besserer Leistung. Der erste Produktionseinsatz begann Ende 2024 in der N\u00e4he von Dublin, gefolgt von Tests in Deutschland und Spanien. Seit April 2026 ist RNG der Standard f\u00fcr fast alle neuen Rechenzentren, mit Ausnahme von GPU-Clustern.<\/p>\n<p>Die zentrale Frage, die Quinn den AWS-Verantwortlichen stellte, war direkt: \u201eKann ich sagen, dass Sie die Kostensenkungen als Gewinn einbehalten und nicht an die Kunden weitergeben?\u201c Die Antwort war eindeutig:<\/p>\n<p><strong>\u201eFrom a cost perspective? Effectively, yes.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Man mag dies kritisieren, doch der Kontext ist wichtig. Anders als viele Wettbewerber hat AWS die Preise f\u00fcr bestehende SKUs nicht erh\u00f6ht. Eine EC2-Instanz mit 64 GB RAM, die 2020 verf\u00fcgbar war, kostet heute noch denselben Preis \u2013 ohne Ber\u00fccksichtigung der Inflation. Einzig bei Generationenwechseln wie von Graviton4 (c8g.2xlarge) auf Graviton5 (c9g.2xlarge) gab es eine Preiserh\u00f6hung von 9 Prozent. Diese Erh\u00f6hung ist jedoch gemessen an den gestiegenen Komponentenkosten eher moderat, wie Quinn betont. Ein Upgrade ist zudem nicht erzwungen; \u00e4ltere Instanzen bleiben weiterhin nutzbar.<\/p>\n<h2>Der Trend zur Flatrate<\/h2>\n<p>Parallel zu diesen internen Kostensenkungen ver\u00e4ndert AWS auch die Preismodelle f\u00fcr Netzwerkprodukte. Daten\u00fcbertragungen innerhalb einer Availability Zone (AZ) waren schon immer kostenlos. Der Traffic zwischen AZs kostet 2 Cent pro GB (1 Cent rein, 1 Cent raus). Dass eine AZ aus mehreren Rechenzentren besteht und st\u00e4ndig w\u00e4chst, macht diese kostenlose interne Daten\u00fcbertragung zu einem erheblichen, von AWS absorbierten Kostenfaktor, der leicht \u00fcbersehen wird.<\/p>\n<p>Ein weiterer Schritt war die Einf\u00fchrung von AWS Interconnect \u2013 multicloud im April 2026. Statt nach \u00fcbertragenen Gigabyte abzurechnen, wird nur noch ein zeitbasierter Portpreis f\u00e4llig. Der Dienst ist f\u00fcr Google Cloud und Oracle Cloud Infrastructure verf\u00fcgbar, Microsoft Azure soll 2026 folgen. Seit Mai 2026 gibt es pro Account und Region zudem einen kostenlosen 500-Mbps-Tarif. Bei voller Auslastung dieses Ports \u00fcber einen Monat h\u00e4tte die gleiche Datenmenge \u00fcber das offene Internet etwa 12.<a href=\"https:\/\/overcentral.com\/de\/bitcoin-70-000-dollar-trump-treffen-49498\/\" title=\"Bitcoin knackt 70.000-Dollar-Marke nach Trump-Treffen\" data-iacss-internal=\"1\">000 Dollar<\/a> gekostet.<\/p>\n<p>AWS begr\u00fcndet den Schritt mit den W\u00fcnschen der Kunden. W\u00f6rtlich hie\u00df es: <strong>\u201eWe know customers do not like rate-based network charges because it\u2018s hard to predict their cost, which is why we are moving towards flat-rate pricing for new network products.\u201c<\/strong> In einer Zeit, in der Cloud-Preise tendenziell steigen, setzt AWS bei neuen Produkten also bewusst auf feste, planbare Kosten. Dies ist ein starkes Signal an den Markt.<\/p>\n<h2>Der stille Gigant, der nicht spricht<\/h2>\n<p>AWS\u2018 Netzwerktechnologie ist gerade deshalb so erfolgreich, weil sie sich im Hintergrund abspielt. Die Kommunikation zwischen zwei beliebigen Punkten auf AWS erreicht nahezu die volle Leitungsgeschwindigkeit \u2013 und das wird von den Nutzern als selbstverst\u00e4ndlich angesehen. Wer ein eigenes Rechenzentrum betreibt, kennt die Begrenzungen: Die Bandbreite der oberen Switches ist ein Flaschenhals, nicht alle Knoten k\u00f6nnen immer mit voller Geschwindigkeit kommunizieren. Auf AWS gibt es diese Einschr\u00e4nkung nicht, wie Quinn betont.<\/p>\n<p>Die Wahrnehmung im Markt geht jedoch in eine andere Richtung. Neo-Cloud-Anbieter oder Nvidias Referenzdesigns gelten vielerorts als \u00fcberlegen. Quinn, der selbst jahrelang in der Netzwerkadministration t\u00e4tig war, widerspricht dieser Einsch\u00e4tzung entschieden. Er warnt davor, dass Unternehmen Rechenzentren bauen, ohne die Tiefe des AWS-Netzwerks wirklich zu verstehen. Die Qualit\u00e4t des Netzwerks f\u00e4llt den meisten Kunden erst auf, wenn es einmal ausf\u00e4llt. Solange es funktioniert, bleibt es unsichtbar.<\/p>\n<p>Die technische F\u00fchrerschaft von AWS in diesem Bereich wird daher oft untersch\u00e4tzt. Der von Quinn beschriebene Anekdoten-Schluss \u2013 dass AWS die Switches jedes Jahr in der Pantone-Farbe \u201eColor of the Year\u201c lackiert \u2013 mag als Running Gag erz\u00e4hlt sein, unterstreicht aber die Pointe: Was hier im Verborgenen geleistet wird, ist eine ingenieurstechnische Meisterleistung, deren Bedeutung f\u00fcr die gesamte Cloud-Infrastruktur kaum zu \u00fcbersch\u00e4tzen ist. Die Diskrepanz zwischen der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung und der realen Leistungsf\u00e4higkeit des AWS-Netzwerks k\u00f6nnte sich eines Tages schmerzhaft korrigieren \u2013 f\u00fcr all jene, die meinen, man k\u00f6nne das Rad einfach neu erfinden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine stille Revolution vollzieht sich in den Rechenzentren von Amazon Web Services (AWS). Die neue Netzwerkarchitektur mit der Bezeichnung RNG (Resilient Network Graphs) hat die Anzahl der ben\u00f6tigten Router um 69 Prozent reduziert und den Stromverbrauch der Netzwerkhardware um 40 Prozent gesenkt. 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