{"id":51370,"date":"2026-09-06T10:47:20","date_gmt":"2026-09-06T08:47:20","guid":{"rendered":"https:\/\/overcentral.com\/de\/?p=51370"},"modified":"2026-09-06T10:47:20","modified_gmt":"2026-09-06T08:47:20","slug":"ki-entschluesselt-tierlaute-risiken-51370","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/overcentral.com\/de\/ki-entschluesselt-tierlaute-risiken-51370\/","title":{"rendered":"KI entschl\u00fcsselt Tierlaute und enth\u00fcllt Risiken"},"content":{"rendered":"<p>Die K\u00fcnstliche Intelligenz beginnt, die Sprache der Tiere zu entschl\u00fcsseln \u2013 doch der Preis des \u201eSprechens\u201c ist noch kaum absehbar. W\u00e4hrend Biologen mit Mikrofon und Algorithmus die Rufe von Kr\u00e4hen, Zebrafinken und Walen in digitale W\u00f6rterb\u00fccher \u00fcbersetzen, w\u00e4chst die Sorge vor einer folgenschweren Grenz\u00fcberschreitung: Was, wenn das Verstehen in Manipulation umschl\u00e4gt?<\/p>\n<h2>Der Mann, den die Kr\u00e4hen nicht m\u00f6gen, und 150.000 Aufnahmen<\/h2>\n<p>Vittorio Baglione kann den V\u00f6geln nicht nahekommen. Die Aaskr\u00e4hen, die er seit drei Jahrzehnten erforscht, meiden den Menschen. \u201eSie m\u00f6gen dich nicht\u201c, sagt der Biologe von der <a href=\"https:\/\/www.unileon.es\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-iacss-external=\"1\">Universit\u00e4t Le\u00f3n<\/a>. \u201eSie wollen nicht mit dir zusammen sein.\u201c Also blieb er auf Distanz. 2018 begann er, 43 Kr\u00e4hen mit Mini-Mikrofonen auszustatten, um ihre Rufe aufzuzeichnen. Zusammen mit seiner Frau Daniela Canestrari \u00f6ffnete er die Audiodateien \u2013 und stand vor einem Meer von Zehntausenden Stunden unklassifizierbarer Laute. Das menschliche Ohr war \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Das Paar wandte sich an das <a href=\"https:\/\/www.earthspecies.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-iacss-external=\"1\">Earth Species Project<\/a>, eine Non-Profit-Organisation an der Schnittstelle <a href=\"https:\/\/overcentral.com\/de\/ki-arbeitszeugnisse-bitkom-studie-2\/\" title=\"Jede siebte Firma in Deutschland l\u00e4sst Arbeitszeugnisse von KI verfassen\" data-iacss-internal=\"1\">von KI<\/a> und Tierkommunikation. Dessen maschinelles Lernmodell konnte automatisch erkennen, welcher Laut von einem besenderten Individuum stammte, welcher von Artgenossen und welcher von anderen Quellen. Baglione hatte einen besonderen Favoriten: ein kurzes, knackiges Ger\u00e4usch, das Kr\u00e4hen aussto\u00dfen, wenn ihr Nest von einem Marder bedroht wird. \u201eHey, kommt und helft!\u201c, interpretiert er den Ruf. Denn unmittelbar danach erscheinen Artgenossen zur Verteidigung.<\/p>\n<p>Mittlerweile haben die Forscher <strong>150.000 Tonaufnahmen<\/strong> gesammelt \u2013 der gr\u00f6\u00dfte existierende Datensatz von Vogelvokalisationen. Um die KI zu trainieren, verbrachten sie neun Monate damit, 7.000 Rufe manuell zu annotieren. Im Sommer 2026 harrten sie 14 Stunden t\u00e4glich in einem kleinen Tarnzelt auf einem Acker in Nordspanien aus, protokollierten jede Bewegung am Nest. Ziel ist ein \u201eKr\u00e4hen-W\u00f6rterbuch\u201c. Doch daf\u00fcr m\u00fcssen die Forscher irgendwann \u00fcberpr\u00fcfen, ob ihre Deutung stimmt.<\/p>\n<h2>Warum der Playback-Test zur ethischen Falle wird<\/h2>\n<p>Die g\u00e4ngigste Methode zur Verifikation ist der <strong>Playback-Test<\/strong>: Ein aufgezeichneter Ruf wird einem anderen Individuum vorgespielt, um dessen Reaktion zu beobachten. Genau hier liegt der Z\u00fcndstoff. Baglione warnt: \u201eMan darf den Tieren keinen Stress zuf\u00fcgen. Man darf ihre sozialen Beziehungen nicht st\u00f6ren. Vor allem aber: Wenn man die Bedeutung nicht wirklich versteht, riskiert man Konflikte zwischen den Individuen.\u201c<\/p>\n<p>Ein eindr\u00fcckliches Beispiel lieferte die Bioakustikerin Katy Payne von der <a href=\"https:\/\/www.cornell.edu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-iacss-external=\"1\">Cornell University<\/a>. Sie hatte die Stimme einer alten Elefantenkuh namens \u201eLoraine\u201c aufgezeichnet, die Jahre zuvor gestorben war. In einem Zoo spielte sie den Ruf deren Enkelin \u201eSunshine\u201c vor. Das Tier reagierte mit Winseln und markerf\u00fclltem Trompeten. Die Reaktion einer Enkelin auf die Stimme der toten Gro\u00dfmutter.<\/p>\n<p>Andere Forscher warnen davor, dass wiederholtes Abspielen eines individuellen Rufs in einer Gruppe faktisch einem Deepfake der betreffenden Person gleichkommt \u2013 Artgenossen k\u00f6nnten das tats\u00e4chliche Verhalten des Tieres ignorieren. C\u00e9sar Rodr\u00edguez-Garavito, Leiter des More-Than-Human Life (MOTH)-Programms an der New York University, formuliert es so: \u201eDie konzentrierte Nutzung von Playbacks, die KI erm\u00f6glicht, hat niemand vorhergesehen. Die Bef\u00fcrworter haben nie ausreichend belegt, dass sie den Tieren kein Leid zuf\u00fcgen.\u201c<\/p>\n<p>Das MOTH-Programm ver\u00f6ffentlichte im November 2025 einen ethischen und rechtlichen Rahmen f\u00fcr <strong>\u201eNon-Human Animal Communication Technologies\u201c<\/strong> (NACTs). Darin skizziert es dystopische Szenarien: Menschenmassen, die Tiere bedr\u00e4ngen, um mit ihnen zu sprechen; milit\u00e4rische Nutzung zur Unterwasserortung; Fallenstellen und gezielte T\u00f6tung.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Elefanten:<\/strong> Reaktion auf die Stimme der verstorbenen Gro\u00dfmutter \u2013 Anzeichen von Trauer<\/li>\n<li><strong>Schimpansen:<\/strong> Schockreaktion auf einen versteckten Lautsprecher im Geb\u00fcsch<\/li>\n<li><strong>Zebrafinken:<\/strong> Unterscheidung von Rufen nach Bedeutung, nicht nach Klang<\/li>\n<li><strong>Streifengrasm\u00e4use:<\/strong> Reaktion auf Ultraschall, der menschlich nicht h\u00f6rbar ist<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Bis 2030 mit Tieren sprechen? Die Vision des Milliard\u00e4rs<\/h2>\n<p>Der Wunsch, mit Tieren zu kommunizieren, ist uralt. Der Philosophenstaat und die Tierpsychologin Irene Pepperberg brachte dem Afrikanischen Graupapagei \u201eAlex\u201c bei, <a href=\"https:\/\/overcentral.com\/de\/cisa-cyberangriffe-wassersysteme-50212\/\" title=\"CISA best\u00e4tigt Cyberangriffe auf \u00fcber 100 US-Wassersysteme\" data-iacss-internal=\"1\">\u00fcber 100<\/a> englische W\u00f6rter sowie Konzepte von Farbe, Form und Zahl zu verstehen. Als Alex 2007 starb, waren seine letzten Worte: \u201eTsch\u00fcss, bis morgen. Ich liebe dich.\u201c 2026 erhielt Pepperberg den <a href=\"https:\/\/www.jeremycollerfoundation.org\/news-and-insights\/press-releases\/scientists-win-us100-000-in-2026-coller-dolittle-prize\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Coller-Dolittle-Preis<\/a> f\u00fcr ihr Lebenswerk.<\/p>\n<p>Heute treiben KI und Biologging die Forschung rasant voran. Jeremy Coller, Milliard\u00e4r und Hauptf\u00f6rderer des Feldes, sagte im Juni 2026: \u201eKI entwickelt sich mit beispielloser Geschwindigkeit. <strong>Ich bin \u00fcberzeugt, dass wir bis 2030 den Code geknackt haben.<\/strong>\u201c Viele Forscher teilen seine Motivation: Wenn der Mensch das Innenleben anderer Spezies versteht, k\u00f6nnte die Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber dem Klimawandel schwinden, die Unterst\u00fctzung f\u00fcr industrielle Tierhaltung br\u00f6ckeln und die Zerst\u00f6rung von Lebensr\u00e4umen schwerer fallen.<\/p>\n<p>Doch die Technik hat eine dunkle Seite. Rodr\u00edguez-Garavito erinnert an die Vergangenheit: Walf\u00e4nger im 20. Jahrhundert nutzten Sonar, um Wale in Panik zu versetzen und an die Wasseroberfl\u00e4che zu treiben. Wilderer verwenden automatische Vogelruf-Schleifen, um Beute in Fallen zu locken. Baglione selbst r\u00e4umt ein, dass seine Forschung missbraucht werden k\u00f6nnte \u2013 etwa um Kr\u00e4hen mit einem \u201eKomm, es ist sicher\u201c-Ruf anzulocken.<\/p>\n<p>Der Bedarf an Daten ist bereits enorm. Forscher versenken Hydrophone in den Ozeanen, um Wale zu belauschen, r\u00fcsten Delfine mit Biologgern aus und entwickeln rucksackartige Mikrofone f\u00fcr V\u00f6gel. Manche Tiersch\u00fctzer fordern ein Recht auf Privatsph\u00e4re f\u00fcr Tiere.<\/p>\n<h2>Der Preis des Verstehens<\/h2>\n<p>Die Kommunikation von Tieren unterscheidet sich fundamental von der menschlichen Sprache. Sie umfasst nicht nur Laute, sondern auch Ger\u00fcche, K\u00f6rperhaltungen und Ultraschall. Einen \u201eGoogle Translate f\u00fcr Tiere\u201c wird es nie geben. Umso wichtiger ist die \u00dcberpr\u00fcfung \u2013 und umstrittener der Playback.<\/p>\n<p>Der Coller-Dolittle-Challenge, ein j\u00e4hrlich mit 100.000 US-Dollar dotierter Preis f\u00fcr interspezies-Kommunikation, verlieh 2026 den Hauptpreis an Julie Elie von der University of California, Berkeley. Sie kombinierte maschinelles Lernen mit Verhaltensbeobachtung und erstellte ein \u201eW\u00f6rterbuch\u201c der Zebrafinken-Rufe mit <strong>11 Bedeutungskategorien<\/strong> \u2013 von Angriff \u00fcber Hunger bis hin zu sozialer Bindung. Besonders bemerkenswert: Elie stattete die V\u00f6gel mit Kn\u00f6pfen aus, die bestimmte Rufe abspielten, und lie\u00df die V\u00f6gel selbst w\u00e4hlen. Die Zebrafinken unterschieden die Kategorien nicht nach Klang\u00e4hnlichkeit, sondern <strong>nach Bedeutungs\u00e4hnlichkeit<\/strong>. Sie verwechselten kurze Kontaktrufe mit kurzen Warnrufen, aber nie mit langen Rufen \u2013 obwohl die akustische \u00c4hnlichkeit teilweise gr\u00f6\u00dfer war.<\/p>\n<p>Der Wettbewerb hat noch einen gr\u00f6\u00dferen Preis ausgelobt: 10 Millionen US-Dollar (oder 500.<a href=\"https:\/\/overcentral.com\/de\/bitcoin-70-000-dollar-trump-treffen-49498\/\" title=\"Bitcoin knackt 70.000-Dollar-Marke nach Trump-Treffen\" data-iacss-internal=\"1\">000 Dollar<\/a> in bar) f\u00fcr ein Projekt, das eine bidirektionale Kommunikation mit einem Tier erm\u00f6glicht, ohne dass das Tier merkt, dass es mit einem Menschen kommuniziert. \u201eEine vollst\u00e4ndig autonome Vorrichtung\u201c, erkl\u00e4rte der Wettbewerbsvorsitzende Yossi Yovel von der Universit\u00e4t Tel Aviv. Yovel selbst bet\u00e4ubt Flederm\u00e4use, legt sie in einen MRT-Scanner und spielt ihnen die Rufe anderer Flederm\u00e4use vor, w\u00e4hrend sie langsam aufwachen. Er betont: \u201eDer Nutzen \u00fcberwiegt den Schaden. Das ist der Ma\u00dfstab.\u201c<\/p>\n<h2>Zuh\u00f6ren oder Ansprechen?<\/h2>\n<p>In der Forschergemeinschaft klafft ein fundamentaler Graben. Kristin Andrews, Philosophieprofessorin an der City University of New York, sagt: \u201eWenn wir anfangen, mit Tieren zu sprechen, bringen wir uns selbst in ihr Leben. Das ist bedeutsam.\u201c Sie argumentiert jedoch, dass ohne echte Zwei-Wege-Kommunikation \u2013 zumindest aus Sicht des Tieres \u2013 kein tiefes Verst\u00e4ndnis m\u00f6glich sei. \u201eOhne dass das Tier die Kommunikation als gegenseitig erlebt, werden wir nie erfahren, was es denkt und wie es denkt.\u201c<\/p>\n<p>Andrews schl\u00e4gt vor, Playback-Experimente auf Tiere zu beschr\u00e4nken, die Menschen von sich aus aufsuchen \u2013 wie Delfine, die freiwillig in der N\u00e4he von Forschern verweilen. \u201eSie f\u00fchren ein bikulturelles Leben\u201c, sagt sie. Baglione wiederum gibt zu, dass er nicht wei\u00df, wohin seine Arbeit f\u00fchren wird. Welche langfristigen Folgen sie f\u00fcr die Kr\u00e4hen haben wird, die er 30 Jahre lang verfolgte, ist unklar.<\/p>\n<p>Sein Fazit klingt wie eine Warnung: \u201eJeder Fortschritt ist fantastisch. Solange dieses Wissen nicht gegen die Tiere verwendet wird.\u201c Der entscheidende Punkt ist: Die Technik kann die Kr\u00e4henstimmen aufzeichnen, klassifizieren und ihre Bedeutung ableiten. Aber das Eine, das Baglione in drei Jahrzehnten gelernt hat, ist simpler. Die Kr\u00e4hen wollen nicht in der N\u00e4he des Menschen sein. Ob wir diesen Willen respektieren, ist keine Frage der Leistungsf\u00e4higkeit von KI. Es ist eine Frage der Entscheidung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die K\u00fcnstliche Intelligenz beginnt, die Sprache der Tiere zu entschl\u00fcsseln \u2013 doch der Preis des \u201eSprechens\u201c ist noch kaum absehbar. W\u00e4hrend Biologen mit Mikrofon und Algorithmus die Rufe von Kr\u00e4hen, Zebrafinken und Walen in digitale W\u00f6rterb\u00fccher \u00fcbersetzen, w\u00e4chst die Sorge vor einer folgenschweren Grenz\u00fcberschreitung: Was, wenn das Verstehen in Manipulation umschl\u00e4gt? Der Mann, den die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":54017,"comment_status":"closed","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"https:\/\/cards.overcentral.com\/cards\/de\/51370.png","fifu_image_alt":"KI entschl\u00fcsselt Tierlaute und enth\u00fcllt Risiken","footnotes":""},"categories":[6672],"tags":[],"class_list":["post-51370","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-technologie"],"fifu_image_url":"https:\/\/cards.overcentral.com\/cards\/de\/51370.png","fifu_image_alt":"KI entschl\u00fcsselt Tierlaute und enth\u00fcllt Risiken","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51370"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51370\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":51372,"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51370\/revisions\/51372"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/54017"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/overcentral.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}