Zwölf Tage, nachdem die US-Regierung den Export der KI-Modelle Fable 5 und Mythos 5 gestoppt hat, meldet sich ein chinesischer Cybersicherheitskonzern mit einer selbsternannten Alternative zu Wort. Die 360 Security Technology (Shanghai-Börse: 601360) hat auf der ISC.AI 2026 in Peking offiziell zwei KI-Tools vorgestellt, die nach eigenen Angaben mit dem gesperrten System von Anthropic konkurrieren sollen. Gründer Zhou Hongyi sprach dabei offen von einer „chinesischen Mythos-Alternative“.
„Yitian Tulong“ – ein System mit mythologischem Namen
Zhou Hongyi, der zugleich Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes ist, präsentierte auf der Sicherheitskonferenz zwei Werkzeuge, die unter dem Sammelbegriff „Yitian Tulong“ (倚天屠龍) firmieren. Der Name ist dem berühmten Wuxia-Roman „The Heaven Sword and Dragon Saber“ des Autors Jin Yong entlehnt und bedeutet wörtlich „Himmelsschwert und Drachentötungsklinge“.
Das erste Tool mit der Bezeichnung „Tulongfeng“ (屠龍鋒) ist auf die automatische Entdeckung von Software-Sicherheitslücken spezialisiert. Zhou selbst bezeichnete es in seinem Vortrag als „chinesische Version von Mythos“. Der zweite Baustein, „Yitianzhen“ (倚天鎮), konzentriert sich auf die Automatisierung von Cyberabwehr und Incident Response. Beide Systeme sollen nach Angaben des Unternehmens sowohl für offensive als auch defensive Zwecke einsetzbar sein – eine Fähigkeit, die Zhou als „strategisches nationales Vermögen“ einstufte.
Zahlenvergleiche mit Vorsicht zu genießen
360 gibt an, mit Tulongfeng bislang 3.432 Schwachstellen in Softwareprodukten aufgespürt zu haben, von denen 105 von chinesischen Behörden bestätigt worden seien. Reuters hat diese Behauptung bislang nicht unabhängig verifizieren können. Ein Blick auf die Entwicklung dieser Zahlen offenbart eine bemerkenswerte Dynamik: Beim Tianfu-Cup, einem chinesischen Hacking-Wettbewerb im April 2026, sprach 360 noch von rund 1.000 entdeckten Schwachstellen. Innerhalb von zwei Monaten wäre die Zahl demnach mehr als verdreifacht worden.
Zum Vergleich: Mythos Preview hatte nach knapp einem Monat in Zusammenarbeit mit rund 50 Partnerorganisationen des Project Glasswing bereits über 10.000 schwerwiegende und kritische Schwachstellen identifiziert. Allein bei Cloudflare fanden sich 2.000 kritische Lücken, bei Mozilla wurde die Bug-Rate im Vergleich zu früheren Versionen verzehnfacht. Die Größenordnungen unterscheiden sich deutlich – auch wenn die Vergleichsbasis unterschiedliche Codebasen und Schweregradkriterien umfasst.
Der Sicherheitsforscher Eugenio Benincasa von der ETH Zürich wies darauf hin, dass 360 sich mit den eigenen Angaben explizit in direkte Konkurrenz zu Anthropics Mythos stelle. Wer „Mythos-Äquivalenz“ beanspruche, so die implizite Kritik, müsse sich an den Maßstäben des Originals messen lassen.
„Wir können nicht warten“ – die Logik des Aufholprozesses
Eine zentrale Passage in Zhou Hongyis Rede verdeutlicht die strategische Denkweise des Unternehmens. Der Gründer räumte ein, dass chinesische Basismodelle bei der reinen Modellleistung noch 20 bis 30 Prozent hinter den US-Systemen zurücklägen. Dann fügte er hinzu: „Wir haben nicht den Luxus, erst aufzuholen und dann mit der Schwachstellensuche zu beginnen. Weil wir diesen Luxus nicht haben.“
Der Widerspruch zwischen dem Eingeständnis einer Leistungslücke und der Behauptung von Gleichwertigkeit löst sich in seiner Argumentation auf: Wo Mythos als hochoptimierter Einzelchip Schwachstellen finde, setze 360 auf einen „Agenten“-Ansatz – die Kombination aus KI-Modell, spezialisiertem Sicherheits-Know-how, automatisierten Analysewerkzeugen und einer umfangreichen Schwachstellendatenbank. „Wenn Mythos ein High-End-Chip ist, dann bauen wir eine zuverlässig arbeitende Komplettmaschine. 24 Stunden am Tag, mit weniger Fehlern“, so Zhou. Während die USA auf einzelne geniale Hacker setzten, organisiere 360 professionelle Angriffs- und Verteidigungsteams.
Was der Exportstopp bewirkt hat – das Gegenteil des Beabsichtigten
Der Zeitpunkt der Ankündigung ist kein Zufall. Fable 5 und Mythos 5 wurden am 12. Juni durch eine Exportkontrollanordnung des US-Handelsministeriums weltweit für Nutzer gesperrt. Auslöser war ein Bericht von Project Glasswing, doch in einem Schreiben von Handelsminister Howard Lutnick an Anthropic-CEO Dario Amodei wurde die Sorge vor einer Nutzung durch Militärgeheimdienste in China und Russland als Begründung genannt. Beide Modelle bleiben bis heute offline.
Zhou nutzte die Gelegenheit, um das Risiko einer „einseitigen Transparenz“ anzuprangern: Die USA könnten mit Mythos weiterhin Software und kritische Systeme scannen, während chinesische Unternehmen über vergleichbare Fähigkeiten nicht verfügten. Die Ironie der Situation ist unübersehbar: Die Exportkontrolle, die eine Verbreitung der Fähigkeit verhindern sollte, hat dem betroffenen Unternehmen den Anlass und die Legitimation geliefert, eine eigene Lösung zu entwickeln. Anthropic selbst hatte im April vorausgesagt, dass die Fähigkeiten der Mythos-Klasse innerhalb von sechs bis zwölf Monaten auf andere KI-Unternehmen übergreifen würden. 360s Ankündigung ist die erste konkrete Bestätigung dieser Prognose.
Wer ist 360? Ein Unternehmen mit politischer Vergangenheit
Um die Behauptungen von 360 einordnen zu können, ist ein Blick auf die Geschichte des Unternehmens unerlässlich. Zhou Hongyi gründete Qihoo 360 im Jahr 2005 und eroberte mit einer kostenlosen Antivirensoftware den chinesischen PC-Markt. 2011 ging das Unternehmen an die New Yorker Börse, wurde 2016 für rund 9,3 Milliarden Dollar privatisiert und kehrte anschließend an den Shanghaier Markt zurück – inzwischen ein Staatskonzern mit Sicherheitsauftrag.
Im Mai 2020 setzte das US-Handelsministerium Qihoo 360 auf die Entity List – mit der Begründung, das Unternehmen sei in militärische Beschaffungsaktivitäten in China verwickelt. In derselben Verfügung wurden auch Firmen genannt, die an Überwachungsaktivitäten in Xinjiang beteiligt gewesen sein sollen. Zhou selbst hat die Sanktionen stets als Vergeltungsmaßnahme bezeichnet, weil 360 angeblich chinesische Hacking-Aktivitäten von CIA und NSA aufgedeckt habe. Dass nun ausgerechnet der Chef eines sanktionierten Unternehmens die US-Exportkontrollpolitik kritisiert und eine „chinesische Mythos-Alternative“ ausruft, macht die technischen Behauptungen zu einer hochpolitischen Aussage.
Die eigentliche Frage liegt jenseits der Technik
Ob die Zahl von 3.432 Schwachstellen, die Reuters nicht verifizieren kann, nun stimmt oder nicht – das ist nicht der Kern dieser Entwicklung. Die eigentliche Botschaft lautet: Exportkontrollen stoßen dort an ihre Grenzen, wo die Fähigkeit zur Schwachstellensuche durch KI sich ausbreitet. Selbst wenn chinesische Modelle in der reinen Leistung 20 bis 30 Prozent zurückliegen, bleibt der Weg über eine agentenbasierte Kombination aus Modell, Prozessautomatisierung und Expertenwissen offen.
Was Dario Amodei von Anthropic als „sechs bis zwölf Monate bis zur Verbreitung“ prognostiziert hatte, hat 360 unter dem Namen „Yitian Tulong“ bereits zwei Monate nach dem Exportstopp für sich reklamiert. Je länger die Sperre für Fable 5 und Mythos 5 andauert, desto stärker wird dieser Prozess beschleunigt. Die Erzählung, die USA hätten ein Monopol auf KI-Angriffsfähigkeiten, mag technisch angreifbar sein – politisch wirkt sie in China als Motor für die nationale Entwicklung eigener Lösungen. Dass Zhou Hongyi diese Botschaft als Mitglied der politischen Konsultativkonferenz vorträgt, macht die Ankündigung zu mehr als einem Produkt-Launch.
„Wer Himmelsschwert und Drachentötungsklinge in Händen hält, kann der Welt gebieten“, schrieb Jin Yong. Die KI-Version von Schwert und Klinge vermehrt sich – gerade dadurch, dass man sie aufzuhalten versuchte.