Windows 11 hat sich über die Jahre eine Reihe von Verhaltensweisen angewöhnt, die viele Nutzer als aufdringlich oder unausgereift empfinden – allen voran das Widget-Panel, das schon bei einer leichten Berührung aufklappte, und das Startmenü, das sich jeder Anpassung widersetzte. Mit einem aktuellen Update, das zunächst im Insider-Programm ausgerollt wird, greift Microsoft diese Kritikpunkte nun direkt an. Die Taskleiste wird ruhiger, das Startmenü bekommt echte Konfigurationsmöglichkeiten und unter der Haube verändert sich grundlegend, wie die Benutzeroberfläche arbeitet.
Widgets verlieren ihren automatischen Auftritt
Die größte Änderung betrifft das Widget-Panel, das bisher schon durch bloßes Darüberfahren mit der Maus aufklappte und dabei einen Mix aus MSN-Nachrichten und Werbung anzeigte. Künftig ist diese Hover-Aktivierung standardmäßig deaktiviert. Weder Benachrichtigungspunkte noch animierte Aktienkurse erscheinen, solange der Nutzer das Widget-Symbol nicht aktiv anklickt. Erst dann öffnet sich das Panel – und zwar mit den selbst angepinnten Inhalten wie Kalender oder Wetter im Vordergrund, während der MSN-Discover-Feed in den Hintergrund rückt.
Microsoft nimmt damit bewusst eine Reduzierung der Werbeeinnahmen in Kauf, um eine ruhigere Taskleiste zu liefern. Die Funktion wird derzeit im Experimental-Kanal der Insider getestet und soll in den kommenden Wochen auf alle PCs ausgerollt werden.
Startmenü: Jetzt mit echtem Konfigurationszugriff
Der zweite große Block betrifft das Startmenü, dessen Größe und Inhalt lange Zeit kaum beeinflussbar waren. Das ändert sich mit diesem Update grundlegend.
Einzelne Bereiche separat steuern
Bisher ließ sich das Startmenü nur als Ganzes anpassen. Neu ist die Möglichkeit, die drei Hauptbereiche – angeheftete Apps, zuletzt verwendete Dateien (bisher „Empfehlungen“) und die „Alle Apps“-Liste – unabhängig voneinander ein- oder auszublenden. Wer beispielsweise nur die angehefteten Apps sehen möchte, kann die anderen beiden Abschnitte komplett deaktivieren. Die Einstellungen dafür finden sich unter Einstellungen > Personalisierung > Start.
Größe wählbar: 6 oder 8 Spalten
Erstmals können Nutzer die Anzahl der Spalten im Startmenü selbst bestimmen. Zur Wahl stehen 6 Spalten (kleineres Layout) oder 8 Spalten (größeres Layout). Das automatische Layout gehört damit der Vergangenheit an.
„Empfehlungen“ wird zu „Zuletzt verwendet“
Ein lange kritisierter Punkt ist die Bezeichnung „Empfehlungen“, obwohl dort tatsächlich nur zuletzt installierte Apps und kürzlich geöffnete Dateien angezeigt werden – keine algorithmischen Vorschläge. Mit dem Update heißt der Bereich nun treffend „Zuletzt verwendet“. Die Funktion lässt sich weiterhin abschalten, aber anders als bisher bleibt die Jump-Liste im Explorer davon unberührt. Wer die Anzeige im Startmenü deaktiviert, verliert nicht mehr die Verlaufsdaten im Datei-Explorer.
Privatsphäre bei Präsentationen
Für Situationen mit Bildschirmfreigabe oder Präsentationen führt Microsoft einen Privatsphäre-Modus ein. Dieser blendet den Kontonamen und das Profilbild im Startmenü aus – ein Detail, das in vielen Konferenzen willkommen sein dürfte.
Audio teilen: Zwei Headsets an einem PC
Eine bereits mit dem Mai-Update (KB5089573) begonnene und im Juni auf alle PCs ausgerollte Neuerung ist die Shared Audio-Funktion. Sie erlaubt es, über Bluetooth LE gleichzeitig zwei Kopfhörer oder Headsets mit einem Windows-11-PC zu verbinden. Beide Geräte lassen sich unabhängig voneinander in der Lautstärke regeln, ein spezielles Symbol in der Taskleiste zeigt den Status an. Praktisch etwa beim gemeinsamen Anschauen von Filmen, wenn keine Lautsprecher verwendet werden können.
Neue Architektur unter der Oberfläche
Parallel zu diesen sichtbaren Änderungen arbeitet Microsoft an einer grundlegenden Umstellung der Shell-Technologie. Der „Empfehlungen“-Bereich und die „Alle Apps“-Liste im Startmenü wurden bisher mit React Native gerendert. Microsoft ersetzt diesen Teil nun durch native WinUI. Der Name WinUI 3 wird dabei aufgegeben; stattdessen setzt man auf eine modulare Engine, die einfach als WinUI bezeichnet wird. Der Umstieg wurde im Rahmen des Build 2026 offiziell angekündigt.
Ebenfalls seit dem Juni-Update auf allen PCs verfügbar ist die Low Latency Profile-Funktion. Sie hebt die CPU-Taktfrequenz kurzzeitig auf das Maximum, sobald die Benutzeroberfläche geöffnet wird – was die gefühlte Reaktionsgeschwindigkeit spürbar verbessert.
Ausblick auf die weiteren Schritte
Die jetzt im Experimental-Kanal getesteten Anpassungen von Widgets und Startmenü werden voraussichtlich nach erfolgreicher Erprobung auf alle Windows-11-Systeme ausgerollt. Microsoft hat mit diesem Update einen deutlichen Schritt in Richtung einer leiseren und anpassbareren Benutzeroberfläche gemacht. Gleichzeitig zeigt der Unterbau mit WinUI und Low Latency Profile, dass die Shell technisch auf eine effizientere und reaktionsschnellere Zukunft vorbereitet wird. Wer die Änderungen bereits heute ausprobieren möchte, kann am Insider-Programm teilnehmen.