Anwohner reichen erste US-Sammelklage gegen AI-Datenzentrum in Michigan ein

Anwohner einer Kleinstadt in Michigan ziehen vor Gericht, um sich gegen die Lärmbelästigung eines KI-Datenzentrums zu wehren.

Die erste US-Sammelklage gegen ein KI-Datenzentrum wegen Lärms wurde am 26. Mai 2026 in Michigan eingereicht.
Highlights
  • Die Anwohner von Dowagiac reichten die erste US-Sammelklage gegen ein KI-Datenzentrum wegen Lärmbelästigung ein.
  • Das KI-Datenzentrum von Hyperscale Data soll laut Klägern konstanten Lärm von 50 bis 63 Dezibel verursachen.
  • Der Fall könnte Präzedenzfall für ähnliche Klagen gegen KI-Datenzentren in den USA schaffen.

In der Kleinstadt Dowagiac im Südwesten Michigans, rund 50 Kilometer vom Michigansee entfernt gelegen, haben Anwohner eine bundesweite Sammelklage gegen ein KI-Datenzentrum eingereicht. Die Bevölkerung des Ortes zählt nur etwa 5.700 Menschen. Das Verfahren, das am 26. Mai 2026 vor dem Bundesbezirksgericht für den westlichen Bezirk von Michigan eröffnet wurde, richtet sich gegen Alliance Cloud Services LLC, eine Tochtergesellschaft der in Las Vegas ansässigen Hyperscale Data, Inc. Es ist nach Angaben der Klägeranwälte die erste US-Sammelklage dieser Art gegen ein KI-Datenzentrum.

100 Jahre altes Haus: Fenster lassen sich nicht mehr öffnen

Der Fall dreht sich um ein Gelände in der 415 E. Prairie Ronde Street, auf dem sich seit 2021 eine Kryptowährungs-Mining-Anlage befand. Im Laufe des Jahres 2024 weitete sich der Betrieb aus, und die Anwohner berichten von einem permanenten, hochfrequenten Geräusch, das sie mit einem verstopften Staubsauger vergleichen. Marjorie Finn, deren Familie seit rund 100 Jahren in einem Haus an der gegenüberliegenden Straßenseite lebt, beschreibt die Situation als unerträglich. Eine Kiefernreihe, die das Grundstück einst vom Werk trennte, wurde 2018 gefällt, um Platz für neue Zufahrten zu schaffen. Ihr Nachbar Billy Finn, der direkt gegenüber der Anlage wohnt, beziffert die Lärmbelastung in seinem Haus auf konstant zwischen 50 und 63 Dezibel – selbst bei geschlossenen Fenstern und laufendem Fernseher. Die Nutzung der eigenen Terrasse sei nicht mehr möglich. Lindy Valenzuela, eine weitere Klägerin, berichtet, dass das Brummen der Kühlventilatoren nachts bis zum Kinderbett ihres 17 Monate alten Sohnes dringe, dessen Zimmer zur Anlage zeigt. Sie selbst ist schwanger.

Die Anlage wird von Alliance Cloud Services LLC betrieben, einer Tochter von Hyperscale Data. Das Unternehmen selbst beschreibt die Einrichtung als 24/7-Betrieb für KI-Verarbeitung und fortgeschrittene Robotik. Im März 2026 verabschiedete die Stadt Dowagiac erstmals eine gewerbliche Lärmschutzverordnung, die tagsüber 65 Dezibel und nachts 55 Dezibel als Obergrenze festlegt. Die Stadtverwaltung bestätigt, dass Hyperscale Data gegen diese Verordnung verstoßen hat und mit Bußgeldern belegt wurde. Das Unternehmen bestreitet die Messmethode der Stadt.

„Erste US-Sammelklage“ zu KI-Datenzentrum-Lärm

Die am 26. Mai 2026 von Lindy Valenzuela und John Valdes eingereichte Klage (Aktenzeichen 1:2026cv01694) zielt auf die Anerkennung als Class Action ab. Die Kläger argumentieren, dass alle rund 1.300 Haushalte im Umkreis von etwa 1,6 Kilometern um die Anlage von der Lärmbelästigung betroffen seien. Die Klagegründe sind private Belästigung (Nuisance) und Fahrlässigkeit, insbesondere das Unterlassen von Schallschutzmaßnahmen. Die Kanzlei Liddle Sheets, P.C., die die Kläger vertritt, bezeichnet das Verfahren als „erste US-Sammelklage“ gegen ein Datenzentrum wegen Lärms. Laura Sheets, die leitende Anwältin, erklärte, die Bewohner hätten keinerlei Mitspracherecht bei der Ansiedlung dieser massiven Anlage in ihrer ruhigen Gemeinde gehabt. Sie ergänzte, dass die Bewohner keine Wahl hatten, als dieses große, lärmende Datenzentrum in ihre ruhige Gemeinde zu kommen.

Bürgermeisters offener Brief und neue Lärmschutzverordnung

Bereits am 1. April 2026 hatte Bürgermeister Patrick Bakeman einen öffentlichen Brief an William Horne, den CEO von Hyperscale Data, veröffentlicht. In dem Schreiben wirft er dem Unternehmen vor, notwendige Baugenehmigungen für eine öffentlich angekündigte Erweiterung nicht eingeholt zu haben. Der Brief forderte das Unternehmen auf, innerhalb von 45 Tagen einen detaillierten Plan vorzulegen. Die Stadt reagierte damit auf die Ankündigung von Hyperscale Data, für 48,5 Acres (rund 19,6 Hektar) angrenzendes Land einen Kaufvertrag abgeschlossen zu haben. Im Juni 2026 wurde der Kauf abgeschlossen. Damit vergrößerte sich die Gesamtfläche des Unternehmens in Dowagiac auf 83 Acres (rund 33,6 Hektar). Bereits 2024 hatte Hyperscale Data angekündigt, das Bitcoin-Mining aus Montana in die Michigan-Anlage zu verlegen und die Kapazitäten für KI zu nutzen.

CEO tritt vor Stadtrat, bietet Hauskäufe an – und erntet Protest

Am 13. Juli 2026 erschien CEO William Horne auf Einladung des Bürgermeisters vor einer Sondersitzung des Stadtrats von Dowagiac. Hunderte Anwohner füllten den Saal. Horne stellte einen Plan vor, innerhalb von drei Monaten sämtliche Mining-Geräte abzuschalten und die Anlage vollständig auf KI und Robotik umzustellen. Er versprach Investitionen in Höhe von 100 Millionen US-Dollar (etwa 94 Millionen Euro) und die Schaffung von rund 500 Arbeitsplätzen innerhalb von drei Jahren. Zur Lärmminderung kündigte er mehrere Maßnahmen an. Den Anwohnern der Prairie Ronde Street bot er an, ihre Häuser aufzukaufen, falls sie sich weiterhin unwohl fühlten.

Die Reaktion der Bürger war überwältigend negativ. Von den Dutzenden Rednern, die sich zu Wort meldeten, sprach sich kein einziger für das Unternehmen aus. „Ihre Firma hat sich hinterhältig verhalten, war unkooperativ mit den örtlichen Vorschriften und hat die Auswirkungen des Lärms auf Dowagiac ignoriert“, sagte ein Anwohner. „Wenn das eine so tolle Idee ist, warum bauen Sie es dann nicht in Ihrem eigenen Hinterhof?“, fragte ein anderer. Der Lärm ist nicht nur ein Ärgernis. Rick Neitzel, Professor für Umweltgesundheitswissenschaften an der University of Michigan, bezeichnet Datenzentren als eine „beispiellose neue Lärmquelle“ und verweist auf Studien, die einen Zusammenhang zwischen chronischem Lärm und Bluthochdruck, Herzinfarkten und Schlaganfällen belegen. Er betont, dass diese Geräusche eine neue Art von Lärm darstellen.

Der Fall in Dowagiac ist kein Einzelfall. Am 1. Juli 2026 wurde vor dem Bezirksgericht in Mount Pleasant, Wisconsin, eine Sammelklage gegen Microsofts KI-Datenzentrum „Fairwater“ eingereicht. Die Klage vertritt rund 1.000 Haushalte im Umkreis von etwa 2,4 Kilometern und bezieht sich auf Lärm von Kühlanlagen und Dieselgeneratoren. Ähnliche Klagen wurden 2026 in Virginia, New York und New Jersey eingereicht. In Texas weitete sich eine individuelle Klage von Oktober 2024 gegen eine Bitcoin-Mine zu einer bundesweiten Sammelklage im Mai 2026 aus. Die Kanzlei Liddle Sheets gab bekannt, nach dem Dowagiac-Verfahren mehrere gleichartige Klagen gegen andere Datenzentren in verschiedenen Bundesstaaten eingereicht zu haben. Sie ermitteln auch zu Wasser- und Geruchsbelästigungen. Hyperscale Data erklärte in einer Stellungnahme, man nehme die Bedenken der jüngst klagenden Anwohner ernst. Das Unternehmen gab an, bereits etwa die Hälfte der Mining-Geräte stillgelegt zu haben; der Rest solle innerhalb von drei Monaten folgen. Am 24. Juni 2026 gab das Unternehmen bekannt, einen 20-Megawatt-KI-Kapazitäts-Leasingvertrag mit einem Cloud-Unternehmen aus Kalifornien für die Anlage in Michigan abgeschlossen zu haben. Die derzeitige Kapazität von 30 Megawatt soll auf 340 Megawatt ausgebaut werden. Ob der Lärm in drei Monaten tatsächlich verstummt, wird sich zeigen müssen. Das Verfahren hat gerade erst begonnen, und die Frage, ob das Unternehmen die Häuser der Bewohner aufkaufen muss oder ob die Klage eine umfassende Regelung für die gesamte Branche erzwingt, bleibt offen.

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