Phishing-Kampagne umgeht Filter mit unsichtbaren Unicode-Zeichen

Eine groß angelegte Phishing-Kampagne setzt unsichtbare Unicode-Zeichen ein, um E-Mail-Filter zu umgehen und täglich Millionen Mails zuzustellen.

Die Technik des ASCII Smugglings verbirgt Finanz-Schlagwörter in unsichtbaren Unicode-Tag-Zeichen, um Sicherheitslösungen zu täuschen.
Highlights
  • Die Phishing-Kampagne erreichte zwischen Februar und Mai 2026 einen Spitzenwert von 2,37 Millionen E-Mails pro Tag.
  • Die Angreifer nutzen den Unicode-Tags-Block, um Schlüsselwörter wie 'funding' zu fragmentieren und Filter zu umgehen.
  • Die E-Mails stammen von der vertrauenswürdigen Marketing-Plattform ActiveCampaign, was die Spam-Erkennung erschwert.

Eine neuartige Phishing-Kampagne nutzt unsichtbare Unicode-Zeichen, um Sicherheitsfilter zu umgehen und täglich Millionen betrügerischer E-Mails zuzustellen. Die Angreifer verwenden eine als „ASCII Smuggling“ bekannte Technik, um Finanz-Schlagwörter wie „Funding“ zu verschleiern und so die Erkennung durch E-Mail-Sicherheitslösungen zu verhindern. Microsoft hat die Aktivität als „High-Volume-Phishing-Kampagne“ eingestuft und detailliert beschrieben, wie die Täter mit unsichtbaren Unicode-Tag-Zeichen arbeiten.

Was ist ASCII Smuggling und wie funktioniert die Tarnung mit unsichtbaren Unicode-Zeichen?

ASCII Smuggling bezeichnet eine Methode, bei der nicht darstellbare Unicode-Zeichen verwendet werden, um Nachrichten oder Anweisungen in scheinbar harmlosem Text zu verbergen. Menschliche Benutzeroberflächen rendern diese Zeichen nicht, sodass der Text für den Empfänger völlig normal erscheint. E-Mail-Filter oder KI-Sprachmodelle hingegen interpretieren den Inhalt als echten Text, ohne die versteckten Zeichen zu ignorieren. Dies ermöglicht eine Umgehung von Sicherheitskontrollen, indem etwa das Wort „funding“ durch ein unsichtbares Leerzeichen aus dem Unicode-Tags-Block (z. B. U+E0020) in „fun⟨U+E0020⟩ding“ aufgespalten wird – für den Betrachter lesbar, für einen auf exakte Zeichenketten prüfenden Filter jedoch nicht mehr als zusammenhängendes Schlüsselwort erkennbar.

Der am häufigsten missbrauchte Bereich ist der Unicode-Tags-Block (U+E0000 bis U+E007F). Dieser Block enthält eine Schattenkopie der druckbaren ASCII-Zeichen: So entspricht U+E0041 dem Buchstaben „A“ und U+E0061 dem „a“. Ursprünglich für Sprachmarkierungen vorgesehen, ist der Block heute weitgehend veraltet und wird von vielen Systemen nicht mehr korrekt verarbeitet. Genau diese Lücke nutzen die Angreifer gezielt aus.

Umfang und zeitlicher Verlauf der Kampagne

Die Kampagne befand sich laut Microsoft zwischen Februar und Mai 2026 in einer Hochphase. Nach dem 15. Mai 2026 brach das Volumen abrupt ein. Die Aktivität folgte einem wöchentlichen Rhythmus: An Wochenenden nahezu keine Nachrichten, montags dann wieder in voller Stärke. An Werktagen erreichte das E-Mail-Aufkommen schätzungsweise zwischen einer und 2,37 Millionen Nachrichten, mit einem Spitzenwert am 26. Februar 2026. Insgesamt sind in diesem Zeitraum mehrere hundert Millionen Phishing-Mails zugestellt worden.

Die Forscher von Microsoft sehen einen Zusammenhang mit einer breiter angelegten Phishing-Kampagne, die über die Marketing- und Automatisierungsplattform ActiveCampaign tausende KI-generierte Phishing-E-Mails an Antragsteller von SBA-Darlehen (Small Business Administration) verschickte. Bereits im September 2025 hatte das Fortra Intelligence and Research Team (FIRE) Details zu dieser Operation veröffentlicht. Die Täter sammelten dabei umfassende Geschäfts- und Finanzinformationen, vermutlich um später gezielte Spear-Phishing-Angriffe durchzuführen. Die Besonderheit dieser Kampagne lag in der Fähigkeit, massenhaft überzeugende, maßgeschneiderte Websites zu generieren, die sich an verschiedene illegitime oder imitierte Domains anpassten. ActiveCampaigns KI-gestützte Marketing-Automatisierung erlaubte es den Angreifern, Design, Inhalt und Ablauf der Phishing-Seiten schnell zu variieren und so noch authentischer zu wirken.

Technische Details: Wie die unsichtbaren Zeichen eingesetzt werden

Die eigentliche Neuerung liegt in der Wahl der Unicode-Zeichen und dem massiven Maßstab der Kampagne. Die Angreifer fügen unsichtbare Tag-Zeichen in gängige Finanzbegriffe ein, um diese zu fragmentieren. Aus „funding“ wird so beispielsweise „fun⟨U+E0020⟩ding“. Für den Empfänger und für Parsing-Pipelines, die solche Zeichen reduzieren oder normalisieren, bleibt das Wort lesbar. Ein Detektor jedoch, der nach der exakten Zeichenkette „funding“ sucht oder einen regulären Ausdruck verwendet, der nicht auf eingestreute unsichtbare Codepunkte ausgelegt ist, findet das zusammenhängende Schlüsselwort nicht mehr. Auf diese Weise umgehen die Mails sowohl einfache als auch komplexe Filtersysteme.

Die Kampagne nutzte hunderte kurzlebiger, auf Finanzthemen ausgerichteter Absender-Domains. Die Betreffzeilen und E-Mail-Inhalte imitierten übliche Phishing-Muster für Geschäftskredite, Kreditlinien und Vorfinanzierungen, wie sie typischerweise bei Betrug oder Credential-Harvesting vorkommen. Die zehn am häufigsten verwendeten Absender-Domains sind:

  • guardiangrowthfunding[.]com
  • digitalcapitalboost[.]com
  • thebusinessloanexpress[.]com
  • yourlocfunding[.]com
  • advancefundingboost[.]com
  • guardiancapitalway[.]com
  • harboradvancefunding[.]com
  • unitedfundingwave[.]com
  • directcapitalboost[.]com
  • onlinedirectfinance[.]com

Sämtliche E-Mails wurden über die ActiveCampaign-Plattform versendet. Dadurch wurden alle ausgehenden Links in den Nachrichten über die eigenen Click-Tracking-Domains (acemlnd[.]com und activehosted[.]com) geleitet. ActiveCampaign selbst teilte mit, dass seine Inhaltsmoderationssysteme Nachrichten mit unsichtbaren Unicode-Zeichen getestet haben und diese dieselbe Moderationseinstufung erhalten wie ihre unverschlüsselten Äquivalente. Ein intensiver Einsatz der Technik werde als „verdächtiges Signal“ gewertet. Microsoft ergänzt, dass die Nutzung einer seriösen Marketingplattform mit etablierter IP-Reputation und Authentifizierung die Aktivität legitimer erscheinen lasse und reputationsbasierte Filter erschwere.

Warum diese Kampagne besonders gefährlich ist

Die Verwendung von unsichtbaren oder gleich aussehenden Zeichen (Homoglyphen) ist an sich nicht neu. Neu ist jedoch die systematische Nutzung des Unicode-Tags-Blocks und die schiere Größenordnung. Die Angreifer haben eine Technik, die ursprünglich aus dem Bereich der KI-Prompt-Injection stammt (dort als „ASCII Smuggling“ bezeichnet), erfolgreich auf traditionelle Phishing-Kampagnen übertragen. Während bei Prompt-Injection unsichtbare Zeichen genutzt werden, um KI-Modelle zu manipulieren, dienen sie hier der Umgehung von E-Mail-Filtern. Die Kombination aus KI-generierten Inhalten (via ActiveCampaign) und versteckten Unicode-Zeichen macht die Erkennung für herkömmliche Sicherheitslösungen extrem schwierig.

Ein weiterer kritischer Punkt: Da die E-Mails von einer vertrauenswürdigen Marketingplattform mit guter Reputation stammen, werden sie seltener als Spam eingestuft. Die Filter der Empfänger vertrauen der Absender-Domain und der IP-Reputation, während der eigentliche schädliche Inhalt durch die Unicode-Tarnung verborgen bleibt. Dies erfordert eine Anpassung der Sicherheitsstrategien: Reine Zeichenketten- oder Regex-basierte Filter reichen nicht mehr aus. Stattdessen müssen Systeme implementiert werden, die Unicode-Normalisierung durchführen und unsichtbare Zeichen vor der Analyse entfernen. Auch das Training von KI-Modellen zur Phishing-Erkennung muss auf diese Taktik angepasst werden.

Ausblick und Handlungsempfehlungen

Der Vorfall zeigt, dass sich Angriffstechniken aus dem KI-Bereich zunehmend mit klassischen Betrugsmethoden vermischen. Unternehmen sollten ihre E-Mail-Sicherheitslösungen auf Unicode-Tag-Zeichen und andere Formen der Zeichenverschleierung prüfen. Zudem ist eine enge Zusammenarbeit mit Marketing-Plattformen wie ActiveCampaign notwendig, um Missbrauch frühzeitig zu erkennen. Da die Kampagne nach Mai 2026 abrupt abflaute, ist davon auszugehen, dass die Täter ihre Infrastruktur umbauen oder auf andere Tarnmethoden ausweichen. Die nächste Welle könnte noch raffinierter sein – etwa durch die Kombination mit homoglyphen Domains oder der Nutzung weiterer Unicode-Blöcke. Ein proaktiver Ansatz, der sowohl auf der Inhalts- als auch auf der Verhaltensebene ansetzt, wird daher unabdingbar sein, um mit der Evolution solcher Angriffe Schritt zu halten.

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