Grubers X-Rückkehr-These widerspricht den Nutzerdaten

John Gruber sieht X als wiederbelebt, doch Nutzerdaten zeigen ein anderes Bild: Threads wächst, X schrumpft.

Highlights
  • X verlor im Jahresvergleich 7 % seiner täglich aktiven mobilen Nutzer, während Threads um 21,3 % zulegte.
  • Grubers These basiert auf der exklusiven X-Nutzung von Apple-CEO John Ternus, nicht auf repräsentativen Daten.
  • Die Electronic Frontier Foundation verließ X im April 2026 wegen einer gesunkenen organischen Reichweite auf unter 3 %.

Der Apple-Blogger John Gruber hat mit seinem jüngsten Essay eine Debatte entfacht: Seiner These zufolge sei X (ehemals Twitter) wieder „interessanter“ als Threads, Bluesky und Mastodon zusammen. Doch die Nutzerdaten des Analysehauses Similarweb zeichnen ein differenzierteres Bild: Während X im Jahresvergleich an mobilen Nutzern verliert, wachsen die von Gruber abgetanen Alternativen – allen voran Threads. Die Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung eines einflussreichen Power-Users und der aggregierten Plattformstatistik wirft grundlegende Fragen zur Bewertung sozialer Netzwerke auf.

Grubers These: X als wiederbelebte Plattform

Gruber, Betreiber des Apple-Blogs Daring Fireball, argumentierte am 11. Oktober, dass X mehr „interessante Beiträge“ biete als Threads, Bluesky und Mastodon zusammen. Als zentralen Beleg führte er die Social-Media-Strategie von Apples neuem CEO John Ternus an: Ternus postet seit seinem Amtsantritt Anfang September ausschließlich auf X – von der Begrüßung („hello“) über iPhone-Teaser bis zur Trauer um Steve Jobs. Auch Marketing-Chef Greg Joswiak teilt dort exklusiv Inhalte. Gruber zufolge habe X zudem heimlich seinen Algorithmus „ent-muskt“, also die Aufdringlichkeit von Elon Musks eigenen Beiträgen reduziert. Seit der Veröffentlichung des Algorithmus-Codes und der Umstellung auf eine Grok-basierte Transformer-Architektur im Jahr 2026 sei der Feed wieder relevanter geworden. Er beschreibt die derzeitige X-Kultur als „überraschend freundlich, inklusiv und heiter“.

Gleichzeitig geißelt Gruber die Konkurrenz: Threads sei „langweilig und voller Engagement-Bait“, Bluesky und Mastodon seien zu klein, und wer dort über KI diskutiere, bekomme sofort moralisierende Kommentare. Mastodon-Nutzern wirft er vor, Rückkehrern zu X vorzuwerfen, „Nazis zu füttern“.

Die Datenbasis: Schrumpfung bei X, Wachstum bei Threads

Die von Similarweb erhobenen Zahlen aus dem Sommer 2026 zeigen jedoch ein anderes Bild. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Kennzahlen der mobilen Apps zusammen:

Kennzahl X Threads Bluesky
Monatlich aktive Nutzer (MAU) ca. 302 Mio. — ca. 10,4 Mio.
Täglich aktive Nutzer (DAU) 123,7 Mio. 147 Mio. ca. 3 Mio.
MAU Veränderung (Vorjahr) −3 % — −27 %
DAU Veränderung (Vorjahr) −7 % +21,3 % −26 %

Anmerkung: Threads gibt monatliche Nutzerzahlen nicht bekannt. Die Web-Zugriffe von X stiegen im selben Zeitraum um 5,3 % auf 4,7 Milliarden Besuche, was die mobilen Verluste teilweise kompensiert. Threads verzeichnete sogar einen Web-Zuwachs von 112 %.

Während X also langsam erodiert, gewinnt Threads deutlich hinzu und überholt X bei den täglich aktiven mobilen Nutzern bereits. Bluesky hingegen schrumpft, wie Gruber zu Recht feststellt – seine monatlichen Nutzer haben sich seit dem Höchststand Ende 2024 mehr als halbiert.

Die blinden Flecken der Power-User-Perspektive

Grubers Analyse leidet unter einem methodischen Problem: Sie spiegelt die Realität eines englischsprachigen Tech-Insiders, der viele Apple-Manager und Entwickler folgt. Deren exklusive X-Postings machen seinen Feed tatsächlich attraktiv. Doch die Plattform hat andere Gesichter. Die Electronic Frontier Foundation (EFF) verließ X im April 2026, weil die organische Reichweite eines einzelnen Posts auf weniger als 3 % des Niveaus von vor sieben Jahren gefallen war. Die EU verhängte eine Geldstrafe von 120 Millionen Euro wegen Verstößen gegen den Digital Services Act, und die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt gegen X, Elon Musk und xAI.

Grubers These blendet zudem aus, dass die Attraktivität eines Netzwerks nicht allein an der Zahl prominenter Postings gemessen werden kann. Die „Interessantheit“ ist eine höchst subjektive Kategorie. Für einen deutschen Journalisten, der über Klimapolitik schreibt, mag Mastodon relevanter sein; für eine Marketingfachfrau in Brasilien sind es vielleicht die wachsenden Communities auf Threads.

Wem gehört die Zukunft der sozialen Netzwerke?

Grubers Essay enthält einen bemerkenswert ehrlichen Satz: Er selbst nutze Mastodon am liebsten, weil es „keine Zeitverschwendung“ sei – da kaum etwas Interessantes auftauche. Das offenbart das Paradoxon: Die Qualität eines Netzwerks liegt im Auge des Betrachters. X bleibt mit rund 300 Millionen monatlichen Nutzern die größte der betrachteten Plattformen, aber die Wachstumsdynamik hat sich verschoben. Dass ein Apple-CEO exklusiv auf X postet, ist ein starkes Signal, aber es sagt wenig über den Zustand des gesamten Ökosystems. Die Daten zeigen: X ist nicht „zurück“, es hält sich stabil auf hohem Niveau, während Threads aufholt. Wer das als Wiederauferstehung deutet, verwechselt die eigene Filterblase mit der Wirklichkeit.

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