Anthropic öffnet Claude für geprüfte Sicherheitsteams: Am 7. Oktober 2026 hat das KI-Unternehmen das Cyber Verification Program vorgestellt. Es erlaubt qualifizierten Cybersicherheitsexperten den Zugriff auf seine fortschrittlichsten Modelle – mit reduzierten Schutzmechanismen und weniger restriktiven Sicherheitsfiltern.
Die Öffnung baut auf den Ergebnissen von Project Glasswing auf. Die Initiative hat zwischen April und Juli 2026 mindestens 129.000 verifizierte Schwachstellen in Software gefunden, dazu kommen 5.500 bestätigte Sicherheitslücken aus Open-Source-Scans zwischen April und Oktober 2026. Von den verifizierten Lücken sind bislang mehr als 33.000 als kritisch oder hoch eingestuft. Da die Zahlen auf Umfragen nur eines Teils der Glasswing-Partner beruhen, rechnet Anthropic mit einem mindestens fünfmal so hohen tatsächlichen Umfang.
Anthropic öffnet Claude für geprüfte Sicherheitsteams: Drei Zugriffsstufen im Detail
Das Cyber Verification Program ist ein gestuftes Zugangsmodell für Organisationen und Sicherheitsteams. Je nach Aufgabenbereich können sie sich für eine der drei Stufen bewerben: Defense Access, Red Team Access oder Specialized Access.
| Zugriffsstufe | Erlaubte Tätigkeiten | Zielgruppe |
|---|---|---|
| Defense Access | Incident Response, Malware-Reverse-Engineering sowie Analyse und Validierung von Schwachstellen | Defensiv arbeitende Sicherheitsteams |
| Red Team Access | Zusätzlich zu den Defense-Aufgaben autorisierte Penetrationstests und Red Teaming | Sicherheitsteams mit Auftrag für offensive Tests |
| Specialized Access | Tests der KI-Sicherheitsmechanismen selbst | Begrenzter Kreis verifizierter Organisationen |
In allen Stufen stehen Claude Opus 5.5, Claude Sonnet 5.5, Claude Mythos 5.1 sowie künftige Modellgenerationen bereit.
Wie sich die reduzierten Schutzmechanismen auswirken
Bei einer CyScenarioBench-Evaluierung auf Claude Opus 5.5 hat Anthropic die Stufen getestet. Ohne CVP-Zugang blockierte das Modell jede sicherheitskritische Aufgabe bereits beim ersten Prompt. Im Defense-Modus wurden 46 von 50 Aufgaben blockiert. Im Red-Team-Modus wurden dagegen keine Aufgaben blockiert; das Modell schloss 34 von 50 Aufgaben ab – genauso viele wie ganz ohne Schutzmechanismen.
Für Anthropic sind die Ergebnisse der Beleg, dass sich erweiterte Cyberfähigkeiten sicher an Verteidiger ausgeben lassen. Das Unternehmen stellt die Werkzeuge bewusst auch für defensive Zwecke bereit, weil moderne KI-Modelle eine Dual-Use-Natur haben: Dieselben Fähigkeiten, die Angreifer missbrauchen könnten, helfen Verteidigern, Systeme zu härten.
Viele Schwachstellen gefunden, wenige ausgenutzt
Der VulnCheck-Forscher Patrick Garrity hat Ende September eine Analyse der von Anthropic beziehungsweise Project Glasswing entdeckten Schwachstellen veröffentlicht. Von den untersuchten 300 Lücken wurde bislang nur zwei aktiv ausgenutzt – das entspricht 0,67 Prozent. Bei den Schweregraden weisen 39 der Lücken die Einstufung kritisch auf, 141 hoch, 81 mittel und 18 niedrig.
Bei den beiden aktiv angegriffenen Lücken handelt es sich um CVE-2026-26980, eine SQL-Injection-Schwachstelle in Ghost CMS, und CVE-2026-61500, eine Session-Forgery-Schwachstelle im Rejetto HTTP File Server.
Diese Zahlen deuten darauf hin, dass KI die Hürde zur Entdeckung von Schwachstellen senkt, aber nicht jede gefundene Lücke für Angreifer praktisch nutzbar ist oder schwerwiegende Auswirkungen hat.
Neue Risiken durch KI-generierte Patches
Parallel zeigt sich, dass KI nicht nur beim Finden, sondern auch beim Beheben von Schwachstellen Risiken birgt. Untersuchungen von 1Password und Veracode kommen zu dem Schluss, dass KI-generierte Patches neue Sicherheitslücken öffnen können. Veracode beziffert den Anteil riskanter Schwachstellen in Tests auf rund 44 Prozent der KI-gestützten Codegenerierungsaufgaben. Die durchschnittliche Sicherheitsquote über alle Modelle liegt bei 56 Prozent – kaum verändert gegenüber 55 Prozent im ersten Bericht. Mit anderen Worten: Die Sicherheitsleistung stagniert, während die Menge an KI-generiertem Code in den Pipelines stark steigt.
Die Öffnung von Claude ist damit ein wichtiger Schritt, aber keine einfache Lösung. Project Glasswing senkt die Hürde für Schwachstellenanalysen, die geringe Ausbeutungsquote relativiert die praktische Gefahr einzelner Funde jedoch ebenso wie die neuen Risiken durch KI-generierte Korrekturen. Ob die Initiative die Sicherheitslage nachhaltig verbessert, wird davon abhängen, wie zuverlässig Verteidiger die Erkenntnisse in widerstandsfähigere Systeme übersetzen – und ob automatisierte Korrekturen nicht selbst zum Einfallstor werden.