Eigentlich wollte Joel Bylos über die Zukunft von Funcom sprechen, doch schnell wird klar, dass es dabei auch um eine grundlegende Frage der Spieleentwicklung geht: Muss es immer fotorealistischer werden? Der Kreativdirektor von Funcom hat darauf eine klare Antwort – und die lautet: Nein. Mit Dune Awakening setzt das Studio bewusst auf Stil statt auf Fotorealismus, und genau das könnte sich als zukunftsweisend erweisen.
Stil statt Fotorealismus: Warum Dune Awakening eine neue Richtung einschlägt
Bylos beobachtet die Branche mit gemischten Gefühlen. Die Jagd nach der perfekten Beleuchtung und den detailverliebtesten Texturen verschlingt Unsummen, führt aber nicht zwangsläufig zu besseren Spielen. Die Generation, die mit Roblox aufgewachsen ist, habe dafür schlicht kein Auge. „Die interessieren sich keinen Deut für Grafik“, sagt Bylos. „Sie wollen Gameplay.“ Statt in aufwendige Motion-Capturing-Verfahren und 8K-Texturen zu investieren, setzt Funcom deshalb auf eine verlässliche Kunstrichtung. Er verweist auf World of Warcraft, das seit fast zwei Jahrzehnten funktioniert, weil der Look von Anfang an stimmig war. Die Antwort von Bylos ist eindeutig: Die Zukunft der Spiele gehört nicht der technischen Perfektion, sondern einem unverwechselbaren Stil. Ein Spiel wie World of Warcraft zeige, dass gute Kunstrichtung Jahrzehnte überdauert, während fotorealistische Grafiken schnell altern. Dune Awakening soll davon profitieren – und sich bewusst von der Konkurrenz abheben.
Von Jira-Tickets bis Villeneuve: Die Zusammenarbeit mit Hollywood
Die Arbeit an einer Marke wie Dune bringt einige Besonderheiten mit sich. Funcom muss viele Entscheidungen mit Legendary abstimmen, dem Studio hinter den aktuellen Filmen. Das passiert nicht per Telefonat, sondern über das Projektmanagement-Tool Jira. „Wir reichen Dinge ein, und wenn sie nicht rechtzeitig freigeben, eskalieren wir“, erklärt Bylos. Mit der Zeit sei jedoch Vertrauen entstanden. Man habe bewiesen, dass man das Erbe der Vorlage respektiert. Gelegentlich schaltet sich auch Regisseur Denis Villeneuve ein. Bylos erinnert sich an eine Rückmeldung, der Titel des Spiels klinge zu sehr nach Star Wars – konkret nach The Force Awakens. Am Ende setzte sich aber der eigene Titel durch.
Interessant ist Bylos‘ Blick auf die wirtschaftliche Struktur der Branche. Während Filmstudios für jedes Projekt eine eigene Firma gründen, um das finanzielle Risiko zu verteilen, tragen Spieleentwickler das Geld meist als Ganzes. Diese Zeiten könnten bald vorbei sein. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Spielprojekte dem Modell der Filmindustrie folgen werden“, sagt er. Allerdings warnt er vor den Schattenseiten: Der Hollywood-Erfolg basiere auf starken Gewerkschaften. „Es ist leicht, Menschen auszubeuten, wenn man keine starken Gewerkschaften hat.“
Vom Australier zum norwegischen Spielemacher: Die Karriere von Joel Bylos
Der Mann, der heute über die Zukunft von Funcom wacht, hat einen ungewöhnlichen Weg hinter sich. In den frühen 2000er-Jahren zog er von Australien nach Norwegen, heiratete und stand vor der Herausforderung, dass er erst einmal Norwegisch lernen musste, um überhaupt einen Job zu bekommen. 2007 gelang ihm der Durchbruch als Questdesigner bei Age of Conan. Danach arbeitete er sich weiter nach oben, wurde Creative Director bei Conan Exiles und übernahm 2019 die neu geschaffene Rolle des Chief Creative Officer. Sein Aufstieg ist also eng mit der Geschichte von Funcom verbunden.
Rundumerneuerung: Singleplayer, Kreativmodus und die Balance
Für Dune Awakening steht nun ein großer Moment an: der Release auf den Konsolen, begleitet von einem massiven Update. Die auffälligste Neuerung ist ein kompletter Singleplayer-Modus. Bylos erklärt, dass man zudem auf das Feedback der Community gehört und verschiedene Schwierigkeitsgrade eingebaut habe. „Es ist im Grunde der Kreativmodus aus Minecraft“, sagt er. Diese Umstellung sei keine Kleinigkeit gewesen. Die Balance in einem Multiplayer-Spiel sei eine völlig andere als im Einzelspieler. Doch die Mühe habe sich gelohnt, denn die einzigartigen Mechaniken der Vorlage – etwa die Sandwürmer und die Vibrationen, wenn man sich über den Wüstenboden bewegt – entfalten ihre Wirkung im Einzelspieler erst so richtig.
Ein Blick zurück: Funcom und die Erfindung der In-Game-Werbung
Beim Geschäftsmodell geht Funcom derzeit einen konservativen Weg: Dune Awakening kostet Geld, dazu kommen optionale DLCs. Das war nicht immer so. Bylos erinnert sich an Experimente mit Conan Exiles. „Wir haben einen Battle Pass eingeführt, dann wieder abgeschafft, weil das nicht das Richtige war. Der Store blieb.“ Man müsse Trends eben erst einmal beobachten. Dass In-Game-Werbung derzeit ein großes Thema ist, findet er übrigens amüsant. „Viele wissen nicht, dass wir das mit Anarchy Online bereits 2001 gemacht haben.“ In der Science-Fiction-Stadt hingen damals bezahlte Banner von echten Unternehmen. Dass diese Idee jetzt wiederaufersteht, kommentiert er mit einem Schmunzeln.
Nach den Entlassungen: Wie es bei Funcom weitergeht
Das vergangene Jahr war für Funcom nicht einfach. Ende 2025 wurden Entlassungen angekündigt, um sich voll auf Dune Awakening zu konzentrieren. Das Studio The Outsiders, das erst Metal: Hellsinger entwickelt hatte, wurde geschlossen. Bylos stellt klar, dass man noch nicht ausschließlich an dem Wüstenepos arbeite. „Einige Leute betreuen noch Conan Exiles“, sagt er. Die Mehrheit der Belegschaft stecke aber in Dune Awakening. Neue Projekte seien derzeit nur vage Ideen. Mobile Spiele sieht er nicht als das Kerngebiet von Funcom, auch wenn er den Trend zu Geräten wie dem Steam-Deck durchaus erkannt hat. Die Konsolenhersteller wiederum müssten sich Gedanken über die Speicherkrise machen, bevor neue Generationen erscheinen.
Während Dune Awakening also den Sprung auf die heimischen Sofas schafft, arbeitet Funcom bereits an der Zukunft. Bylos Denken dreht sich nicht um die nächste Grafikkarte, sondern um die nächste Spielidee. Wenn seine Einschätzung stimmt, wird der Markt in den kommenden Jahren von Titeln überschwemmt, die sich auf das Wesentliche besinnen: gutes Gameplay, starke Kunst und eine stabile Technik. Das ist keine Abkehr vom Blockbuster-Kino, sondern eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Mediums.