Der Vorwurf wiegt schwer: Rockstar Games soll einen Maulwurf in einen Discord-Server der Gewerkschaft Independent Workers‘ Union of Great Britain (IWGB) eingeschleust haben, um Gewerkschaftsmitglieder zu identifizieren und anschließend zu entlassen. Ein Arbeitsgericht in Glasgow verhandelt seit Anfang Oktober den Fall, bei dem der Publisher im vergangenen Jahr 34 Mitarbeiter – darunter 31 Gewerkschaftsmitglieder – fristlos entließ. Die Entlassungswelle am 30. Oktober 2025 war einer der größten Einschnitte in der Geschichte der Spielebranche und wirft ein grelles Licht auf die Methoden, mit denen ein globaler Konzern gegen die gewerkschaftliche Organisation seiner Belegschaft vorgeht.
Nach den Eröffnungsplädoyers der Kläger, die Game Developer vorliegen, zeichnet sich ein systematisches Vorgehen ab. Die Betroffenen werfen dem Unternehmen vor, keinen legitimen Grund für die Kündigungen gehabt zu haben, sondern einen „kalkulierten Kahlschlag“ durchgeführt zu haben. Ziel sei es gewesen, die Gewerkschaft zu zerschlagen, nachdem diese im Vereinigten Königreich die kritische 10-Prozent-Mitgliederschwelle für eine gesetzliche Anerkennung überschritten hatte. Die entscheidende Frage ist: Woher wusste Rockstar von diesem Meilenstein und wer waren die treibenden Kräfte der Gewerkschaft?
Überwachung über Jahre: Der Maulwurf im Discord
Die Antwort der Kläger ist brisant. In ihren rechtlichen Schriftsätzen behaupten sie, Rockstar habe bereits Jahre vor den Kündigungen einen Informanten – einen sogenannten „Mole“ oder Maulwurf – in den IWGB-Discord-Server eingeschleust. Dieser Spion, ein junger Mitarbeiter, soll ab Februar 2024 regelmäßig Berichte an Charlie Kinloch, dem HR-Manager und Co-Studio Operations Director, geliefert haben. Die über 21 Monate geführte Überwachung umfasste laut Gerichtsakten mindestens 26 Treffen oder Kommunikationen zwischen Kinloch und dem Informanten. Der Maulwurf lieferte nicht nur Screenshots und Aufnahmen von Chats, sondern auch konkrete Details zu Gewerkschaftstreffen, Schulungen, Mitgliederzahlen und benannte sogar einzelne Aktivisten beim Namen.
Das System eskalierte im Oktober 2025. Als der Maulwurf meldete, dass die Rekrutierung massiv zugenommen habe, suchte Rockstar rechtlichen Rat, wie die gewonnenen Informationen aus dem Discord genutzt werden könnten. Am 18. Oktober 2025 wurde die 10-Prozent-Schwelle im Server öffentlich verkündet. Zwei Tage später, am 20. Oktober, war die Nachricht bei Kinloch. Abid Ansari, Vice President of Information Security bei Rockstar, forderte daraufhin Zugriff auf den Server und ließ sich das von Kinloch angelegte Archiv mit Screenshots und Aufnahmen aushändigen. Am 29. Oktober erhielten die Manager die finalen Listen. Am nächsten Morgen begannen die Kündigungen.
Wie die Entlassungen abliefen: Keine Vorwarnung, keine Chance zur Stellungnahme
Die Berichte der betroffenen Mitarbeiter zeichnen ein düsteres Bild des Kündigungsprozesses. Sie wurden zu einem kurzen „Catch-up“ eingeladen, ohne Vorwarnung und ohne schriftliche Vorlage der angeblichen Verfehlungen. Ihnen wurde weder die genaue Beschuldigung mitgeteilt noch eine Gelegenheit gegeben, sich zu rechtfertigen. Stattdessen erhielten sie vorbereitete Kündigungsschreiben mit vagen, generischen Anschuldigungen. Mitarbeiter mit langjähriger Betriebszugehörigkeit und sauberen Disziplinarakten wurden ohne Angabe konkreter Beweise fristlos entlassen und umgehend des Hauses verwiesen. Die Kläger beschreiben die Aktion als einen Schock, der den Gewerkschaftsserver „sofort zusammenbrechen“ ließ. Die Mitgliederzahl schrumpfte rapide, da viele aus Angst austraten. Weniger als zwei Wochen nach dem Erreichen der 10-Prozent-Schwelle hatte Rockstar nicht nur das organisatorische Rückgrat der Gewerkschaft entfernt, sondern durch Einschüchterung auch die Mitgliederbasis so weit dezimiert, dass eine erneute Anerkennung unmöglich gemacht wurde.
Rockstars Verteidigung: „Hypervigilanz“ und die Bedrohung durch Discord
In ihrer eigenen Eröffnungsnote stellt sich Rockstar als ein Unternehmen dar, das unter ständigem Beschuss steht. Der Publisher bezeichnet sich selbst als „hypervigilant“ (hyperwachsam) und verweist auf eine tief verwurzelte Kultur der Vertraulichkeit, die notwendig sei, um Geschäftsgeheimnisse zu schützen. Die Spielmechaniken und Design-Frameworks von Titeln wie GTA VI seien für das Unternehmen so wertvoll wie die Coca-Cola-Formel für den Getränkehersteller. Die Sicherheitsvorkehrungen glichen denen einer Wall-Street-Bank.
Rockstar argumentiert, dass Discord eine extrem verwundbare Plattform sei. Das Unternehmen vergleicht die Chat-Räume mit physischen Räumen, in denen Hunderte von Menschen – viele mit falschen Namen oder „Masken“ – zusammenkommen. Die zentrale Metapher der Verteidigung ist die Aufteilung in drei „Räume“:
- Raum A: Ein kleiner, privater Raum für das IWGB-Komitee, zu dem Rockstar keinen Zugang hatte.
- Raum B: Ein größerer Raum für allgemeine Gewerkschaftsmitglieder, ebenfalls versperrt.
- Raum C: Ein riesiger Raum mit fast 350 Personen, darunter ehemalige Mitarbeiter, Konkurrenten und ein Journalist, in dem nach Angaben von Rockstar „hemmungslos“ über interne Spieleentwicklung diskutiert wurde.
Der Zugang zu „Raum C“ sei für Rockstar im Oktober 2025 wie das Betreten eines Raumes gewesen, in dem die meisten Personen Masken tragen – anonym und nicht identifizierbar. Rockstar behauptet, in diesem Raum seien nicht nur Geschäftsgeheimnisse preisgegeben, sondern auch Führungskräfte und das Unternehmen selbst aufs Übelste beschimpft worden. Das Unternehmen zitiert Ausdrücke wie „feige Corporate Fucks“, „Arschlöcher“ und „missbräuchlich“. Die Behauptung: Eine einzige Veröffentlichung eines Screenshots aus diesem Raum hätte den Aktienkurs von Take-Two Interactive massiv beschädigen können.
Der juristische Dreh: Warum auch Nicht-Gewerkschaftsmitglieder entlassen wurden
Rockstar versucht, die Argumentation der Gewerkschaft zu entkräften, indem es auf die drei entlassenen Mitarbeiter in Kanada verweist, die keine Gewerkschaftsmitglieder waren. Das Unternehmen stellt sich auf den Standpunkt, es habe nicht die Gewerkschaftsaktivität an sich bestraft, sondern ein „irreparables Zerbrechen des Vertrauensverhältnisses“ aufgrund des Verhaltens im Discord. Die Kündigungen seien eine Reaktion auf das Leaken von vertraulichen Informationen und auf die öffentliche Verunglimpfung des Arbeitgebers gewesen, nicht auf die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft. Nach Ansicht der Kläger ist dies jedoch nur ein Ablenkungsmanöver, um den eigentlichen Kern des Falles zu verschleiern: die systematische Überwachung und Zerschlagung einer legalen Arbeitnehmervertretung.
Das Tribunal in Glasgow wird voraussichtlich bis zum 16. Oktober 2026 tagen. Die vorgelegten Beweise – von Chatprotokollen über die Identität des Maulwurfs bis hin zu den internen E-Mails von Kinloch – werden entscheiden, ob es sich hier um einen der „dreistesten und rücksichtslosesten Akte der Gewerkschaftsbekämpfung in der Geschichte der Spieleindustrie“ handelt, wie die Kläger argumentieren, oder um eine notwendige Sicherheitsmaßnahme eines Unternehmens, das um seine wertvollsten Geheimnisse fürchtet. Die Branche wird diesen Fall genau beobachten, denn der Ausgang könnte definieren, wie Unternehmen in Zukunft auf die digitale Organisation ihrer Belegschaft reagieren dürfen – und wo die Grenzen der Überwachung auch in scheinbar öffentlichen Chaträumen liegen.