In der KI-App von Meta hat sich ein bemerkenswerter Code versteckt: Er enthüllt eine Gesichtserkennungsfunktion für die hauseigenen Smart Glasses, die bislang nicht öffentlich bekannt war. Der Code ist zwar weder aktiv noch für Nutzer zugänglich, zeigt aber, dass Meta weiterhin intensiv daran arbeitet, biometrische Erkennung auf die Brille zu bringen. Ein Sicherheitsforscher bestätigte, dass derzeit keinerlei biometrische Daten an die Server von Meta gesendet werden – dennoch wirft die Existenz des Codes grundlegende Fragen zum Umgang mit Privatsphäre und Überwachung auf.
Was der entdeckte Code über „NameTag“ verrät
Der von Wired analysierte Code trägt im Inneren der Meta-KI-App den Projektnamen „NameTag“. Die Funktion ist darauf ausgelegt, mit den Smart Glasses Gesichter von Personen zu erfassen und den Brillenträger später zu benachrichtigen, sobald eines der zuvor aufgezeichneten Gesichter wieder erkannt wird. Das erinnert an eine persönliche Gesichtsdatenbank, die auf dem Gerät selbst läuft und ohne aktive Serververbindung auskommt.
Interessant ist, dass frühere Versionen der App bereits Interface-Elemente für die Funktion enthielten. So fand sich ein „Connectionsaaaa“-Menü, das Nutzer aufforderte, „sich an die Menschen zu erinnern, die man getroffen hat“. Dies deutet darauf hin, dass die Entwicklung von NameTag schon seit geraumer Zeit im Unternehmen vorangetrieben wird – und das Projekt offenbar weit über eine reine Ideenphase hinaus ist.
Metas wechselhafte Geschichte mit Gesichtserkennung
Meta ist kein Neuling im Bereich der Gesichtserkennung. Bereits auf Facebook betrieb das Unternehmen eine umfassende Gesichtserkennung zur Markierung von Fotos, stellte diese jedoch 2021 nach massiven Datenschutzbedenken ein. Drei Jahre später, 2024, führte Meta die Technologie auf Instagram und Facebook wieder ein – diesmal als Sicherheitsfunktion zur Erkennung von Gesichtern in betrügerischen Werbeanzeigen.
Der nun entdeckte Code passt in dieses Muster eines Unternehmens, das die technischen Möglichkeiten der Gesichtserkennung immer wieder auslotet, sich aber öffentlich zurückhaltend gibt. Die Smart Glasses von Meta – die in Kooperation mit Ray-Ban und Oakley vertrieben werden – könnten der nächste logische Schritt sein, um die Technologie in den Alltag zu integrieren.
Ethische Implikationen und Datenschutzbedenken
Die Möglichkeit, mit einer Brille unauffällig Gesichter zu scannen und später wiederzuerkennen, birgt enormes Missbrauchspotenzial. Auch wenn Meta betont, keine zentrale Gesichtsdatenbank aufbauen zu wollen, bleibt die Frage, wer letztlich die Kontrolle über die erfassten biometrischen Daten hat. Ein Szenario, in dem die Brille in Echtzeit Personen identifiziert, ohne dass diese es wissen oder einwilligen, widerspricht den geltenden Datenschutzprinzipien in der EU und vielen anderen Rechtsräumen.
Befürworter verweisen auf potenzielle Vorteile: Für sehbeeinträchtigte Menschen könnte eine Brille, die Gesichter erkennt und ansagt, eine echte Hilfe im Alltag sein. Doch dieser Nutzen wiegt die Risiken einer allgegenwärtigen, unsichtbaren Gesichtserkennung nicht auf. Kritiker warnen vor einer neuen Stufe der Überwachung, die im öffentlichen Raum praktisch nicht zu kontrollieren wäre.
Warum der Zeitpunkt der Berichterstattung brisant ist
Laut anonymen Meta-Quellen, die mit der New York Times sprachen, zeigte sich das Unternehmen intern interessiert daran, die Funktion in einem „dynamischen politischen Umfeld“ einzuführen. Die Begründung: Zivilgesellschaftliche Gruppen, die Meta üblicherweise für solche Vorstöße kritisieren, hätten dann ihre Ressourcen auf andere Themen konzentriert. Diese Taktik – wenn sie tatsächlich verfolgt wurde – wäre ein bezeichnendes Licht auf die strategische Planung des Konzerns.
Metas offizielle Stellungnahme
Meta-Sprecher Ryan Daniels ließ auf Anfrage mitteilen: „Unabhängig von reißerischen Berichten sind die Fakten einfach: Wir haben schon zuvor gesagt, dass wir solche Funktionen erkunden, und was Sie sehen, ist lediglich ein Beleg für diese Erkundung. Es wurde nichts an Kunden ausgeliefert, und es wurde noch keine endgültige Entscheidung getroffen, was hier getan wird. Falls wir uns für eine Einführung entscheiden, werden wir einen durchdachten Ansatz wählen und dies mit vollständiger Transparenz tun.“
Die Aussage ist klar: Meta stellt die Existenz des Codes nicht in Abrede, relativiert ihn aber als bloße Erkundungsarbeit. Dass jedoch bereits Interface-Elemente existieren und der Funktionsumfang im Code detailliert beschrieben ist, deutet darauf hin, dass die Arbeiten weit fortgeschritten sind.
Was bedeutet NameTag für die Zukunft der Smart Glasses?
Derzeit gibt es keine konkreten Hinweise darauf, dass NameTag in einer der nächsten Generationen der Meta-Smart-Glasses zum Einsatz kommen wird. Dass der Code aber überhaupt existiert und immer wieder in neuen Versionen der App auftaucht, zeigt, dass das Unternehmen die Option ernsthaft prüft. Die Technologie selbst ist reif, die Hardware leistungsfähig genug – was fehlt, ist der gesellschaftliche und regulatorische Rahmen, der einen solchen Schritt absichert.
Meta steht vor einem Dilemma: Einerseits will das Unternehmen die technischen Grenzen seiner Geräte ausreizen, andererseits darf es das Vertrauen der Nutzer nicht verspielen. NameTag könnte eine der umstrittensten Funktionen werden, die jemals auf einer Consumer-Brille ausgeliefert wurde. Die Entscheidung darüber, ob und wann der Code aktiviert wird, dürfte Meta nicht allein im Silicon Valley treffen – sie wird auch von Gesetzgebern, Bürgerrechtlern und nicht zuletzt den Käufern selbst abhängen.