Ein Physiklehrer wird in Emporia, Kansas, während einer öffentlichen Anhörung zur Umwidmung eines Industriegebiets für einen geplanten Datenpark abgeführt und festgenommen. Seine einzige „Straftat“: Er applaudierte den Redebeiträgen von Gegnern des Projekts. Der Vorfall markiert einen neuen Höhepunkt in den sich bundesweit verschärfenden Auseinandsetzungen um den Bau riesiger Rechenzentren – und wirft grundlegende Fragen zur Meinungsfreiheit in kommunalen Sitzungen auf.
Applaus als Störung: Die Festnahme des Lehrers Lux Claridge
Am 22. Juli, Ortszeit, wurde der 37-jährige Physiklehrer Lux Claridge während einer Sitzung der Emporia City Commission festgenommen. Die Behörden warfen ihm „ordnungswidriges Verhalten“ und „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ vor. Der Vorfall ereignete sich mitten in einer hitzigen Debatte über die geplante Umwidmung eines Grundstücks am westlichen Stadtrand für den riesigen Datenpark „Frinkhills Digital Campus“.
Bürgermeister Becky Smith hatte zu Beginn der Sitzung jede Form von „störendem Verhalten“ verboten, einschließlich Applaus und Zwischenrufen. Mehrere Verwarnungen wurden ausgesprochen, doch Claridge applaudierte wiederholt den Rednern, die sich gegen das Projekt aussprachen. Auf Videoaufnahmen der Sitzung ist zu sehen, wie ein Kommissionsmitglied dem Polizeichef Ed Owens die Anweisung gibt: „Lassen Sie den nächsten, der klatscht, hinauswerfen.“ Als Polizisten Claridge aufforderten, den Raum zu verlassen, antwortete er: „Tragt mich hinaus.“
Vier Beamte hoben den Lehrer buchstäblich von seinem Stuhl hoch und trugen ihn aus dem Sitzungssaal. Eine weitere Person, die ebenfalls des Raumes verwiesen wurde, verließ ihn daraufhin freiwillig. Claridge wurde im Lyon County Jail inhaftiert, nach Zahlung einer Kaution jedoch wieder freigelassen. Er hat für September einen Gerichtstermin anberaumt, bei dem er auf nicht schuldig plädieren wird.
Seine Frau, Jessica Dunford, die ebenfalls anwesend war, sagte: „Es war schwer mitanzusehen, wie er so hinausgetragen wurde.“ Sein Bruder David Claridge erklärte: „Das sollte niemals vor Gericht landen. Wir prüfen rechtliche Schritte.“
Der rätselhafte „Entwickler“: Wenn der Bauherr nicht der Bauherr ist
Die Diskussion in Emporia dreht sich nicht nur um die Festnahme, sondern auch um die fragwürdigen Hintergründe des Projekts selbst. Die Firma Kanza Park Place LLC plant auf einem etwa 1.000 Hektar großen Grundstück in einem Industriegebiet den Bau eines Datenparks mit einer maximalen Anschlussleistung von einem Gigawatt. Die Fertigstellung wird auf zehn Jahre veranschlagt, verspricht 400 bis 550 dauerhafte Arbeitsplätze. Das Vorhaben profitiert von einem 20-jährigen Steuererlass für Verkaufssteuern bei Investitionen über 250 Millionen Dollar, den der Bundesstaat Kansas seit Juli 2025 gewährt.
Doch das Projekt ist von Anfang an von Intransparenz geprägt. Der Mann, der sich in den Medien als öffentliches Gesicht des Projekts präsentierte – der 84-jährige Gary Pinkston – bezeichnete sich selbst in einem Radiointerview als „Master Developer“ und behauptete, an allen Entscheidungen beteiligt zu sein. Nur vier Tage später, am 23. Juni, schwor er unter Eid bei einer Gläubigerversammlung im Rahmen seines laufenden Insolvenzverfahrens (Chapter 11), er habe „überhaupt nichts mit dem Projekt zu tun“. Er bestritt sogar jede Verbindung zu Kanza Park Place LLC und erklärte, das Unternehmen gehöre seinen Töchtern.
Pinkston hatte am 14. Mai persönlich und für mehrere Dutzend LLCs Chapter-11-Insolvenz angemeldet. Die offizielle Ankündigung des Datenparks erfolgte drei Wochen später. Im Insolvenzverfahren wurden zudem unbezahlte Steuern seit 2012 und fehlende Steuererklärungen für 2023 offengelegt. Der Reporter Max McCoy von Kansas Reflector deckte diesen Widerspruch auf Basis von Audioaufnahmen der Gläubigerversammlung auf. Der PR-Beauftragte des Projekts, Garrett Nordstrom, reagierte nicht auf Anfragen zu Pinkstons Aussagen.
Chronologie eines undurchsichtigen Projekts
- 14. Mai: Gary Pinkston meldet persönlich und für Dutzende LLCs Chapter-11-Insolvenz an.
- 2. Juni: Offizielle Ankündigung des „Frinkhills Digital Campus“ mit bis zu 1 GW Leistung.
- 19. Juni: Pinkston bezeichnet sich im Radio als „Master Developer“ des Projekts.
- 23. Juni: Vor dem Insolvenzgericht schwört Pinkston unter Eid, er habe nichts mit dem Projekt zu tun.
- 21. Juli: Eine Bürgerinitiative reicht eine wirksame Petition für ein Referendum gegen den Datenpark ein.
- 22. Juli: Lehrer festgenommen; die Umwidmung wird dennoch einstimmig (5:0) beschlossen.
- September: Gerichtstermin für Lux Claridge, der auf nicht schuldig plädiert.
„Störung“ oder „Meinungsäußerung“? Die rechtliche Dimension des Applauses
Die Festnahme wegen bloßen Applauses könnte grundsätzliche Fragen zur Definition von „Störung“ in öffentlichen Versammlungen aufwerfen. Organisationen wie die First Amendment Coalition argumentieren, dass Kommunen Verhalten nicht willkürlich als „störend“ einstufen dürften, um Bürger auszuschließen, wenn die Sitzung dadurch nicht tatsächlich beeinträchtigt werde.
Ein Urteil des Ninth Circuit Court of Appeals (Norse v. City of Santa Cruz, 2010) stellt klar: Ohne eine „tatsächliche Störung“ darf ein Bürger nicht des Saales verwiesen werden. Selbst stummer Protest in Form von stehendem Applaus wurde dort als verfassungsrechtlich geschützt angesehen. Kansas liegt zwar nicht im Zuständigkeitsbereich dieses Gerichts, doch das Urteil könnte als wegweisendes Argument für die Verteidigung von Claridge dienen. Die Polizei von Emporia erklärte in einer Stellungnahme, man bemühe sich um „sichere und geordnete Sitzungen“ bei gleichzeitiger Wahrung des Rechts auf politische Teilhabe.
Der Fall zeigt: Der Applaus eines Bürgers ist nicht per se eine Störung – es sei denn, er wird dazu erklärt. Ob ein Gericht diese Definition in Kansas stützt, wird sich im September zeigen. Sollte Claridge freigesprochen werden, könnte dies Signalwirkung für ähnliche Konflikte in anderen Gemeinden haben.
Einmütige Zustimmung trotz Chaos: Die Kommission entscheidet
Nachdem die Aufregung um die Festnahme abgeklungen war, stimmte die Stadtkommission von Emporia mit 5:0 Stimmen für die Umwidmung. Insgesamt fünf Beschlüsse, darunter die großflächige Nutzung von Wasser- und Abwasserleitungen sowie die Einrichtung eines Sonderbezirks für den Datenpark, wurden einstimmig verabschiedet.
Bürgermeisterin Smith betonte, es handle sich um eine Abstimmung über die Landnutzung und den Bebauungsplan, nicht um eine Zustimmung zum Projekt selbst. PR-Vertreter Nordstrom kündigte an, nun beginne die Verhandlungsphase über einen Erschließungsvertrag. Dieser solle unter anderem die Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen und Bildungseinrichtungen festschreiben. Die Gegner, wie die Anwohnerin Vehige, bezeichnen die Entscheidung dagegen als „Verrat an der Gemeinde“. Sie sehen die Stimmen der Bürger ignoriert.
Emporia ist kein Einzelfall. Seit 2026 wurden in 14 Bundesstaaten Gesetze zur Einschränkung des Datencenter-Baus eingebracht, New York verhängte im Juli als erster Staat ein landesweites Moratorium. Auf kommunaler Ebene sind mehr als 100 Moratorien oder Bauverbote in Kraft. In Emporia nun wurde ein 1-GW-Projekt verabschiedet, dessen Entwickler nicht einmal eindeutig benannt werden kann – und ein Lehrer, der klatschte, sitzt auf der Anklagebank. Der Fall wird im September vor Gericht entschieden, doch die grundlegenden Fragen bleiben: Wem nützt die Beschleunigung dieser Mammutprojekte, und auf wessen Kosten?