Nach jahrelanger Verzögerung und intensiver Vorfreude in der Gaming-Community steht Capcoms geheimnisvolles Projekt Pragmata endlich vor der Tür. Die Frage, die sich jeder stellt, lautet: Hat sich die lange Wartezeit gelohnt? Unsere Zeit mit dem Review-Build lässt eine klare und begeisternde Antwort zu. Dieser Test taucht tief in die einzigartige Mischung aus actionreichem Kampf, innovativem Hacking und einer emotionalen Story ein, die Pragmata zu einem der bemerkenswertesten neuen IPs des Jahres 2026 macht.
Eine verstörende Mission auf dem Mond
Ohne zu viel vorwegzunehmen: In Pragmata übernimmt man die Rolle von Hugh Williams, der mit seinem Team zu einer Mondbasis geschickt wird, angeblich für eine Routine-Reparatur. Die Geschichte spielt in einer fernen Zukunft, in der das mysteriöse Material Lunafilament, gewonnen aus Mond-Erz, massive 3D-Drucker antreibt, die auf dem Mond fast alles erschaffen können – von der nachgebauten Metropole New York bis hin zu üppigen Dschungellandschaften. Diese scheinbar idyllische Umgebung wird jäh gestört, als eine tödliche, renitente KI die Besatzung begrüßt. In dieser kritischen Situation trifft Hugh auf Diana, oder genauer: auf den Androiden D-I-0336-7. Sie ist ein hochmodernes Pragmata-Modell, das unerklärlicherweise das Aussehen eines siebenjährigen Mädchens mit wissbegierigen Augen und langem, platinblondem Haar trägt. Nachdem sie Hugh rettet, wird sie mit ihren speziellen Hacking-Fähigkeiten zu seinem wichtigsten Verbündeten im Überlebenskampf.
Echtzeit-Hacking als geniales Kernelement
Dianas größte Stärke sind ihre Hacking-Fähigkeiten, die in Echtzeit während des Kampfes eingesetzt werden müssen. Ob eine Tür, ein Beacon oder ein feindlicher Roboter – jedes Hacken erfolgt über ein einfaches Raster auf dem Bildschirm. Man hält L2, um ein Ziel anzuvisieren, und navigiert dann mit den Face-Buttons einen Cursor Quadrat für Quadrat zu einem Power-Button-Symbol. Klingt unter Druck vielleicht stressig, ist aber intuitiv und nach wenigen Versuchen meisterbar. Der Clou: Ein erfolgreicher Hack markiert den Gegner als OPEN, woraufhin sich Schwachstellen an seinem Körper öffnen, die mit Hughs Projektilwaffen massiven Schaden verursachen. Besonders befriedigend ist es, anfliegende Raketen umzuleiten und sie direkt auf ihren Absender zurückzuschicken. Diese Symbiose aus Puzzle-Lösen und Action-Kampf bildet das einzigartige Herzstück von Pragmata.
Vielseitige und befriedigende Kampfdynamik
Der Kampf selbst ist abwechslungsreich gestaltet. Man beginnt mit einer Grip Gun, einer Art Pistole mit unendlicher, sich wiederaufladender Munition. Im Laufe des Spiels erweitert sich das Arsenal um bis zu vier Ausrüstungsgegenstände, die über das D-Pad schnell ausgewählt werden können. Dazu gehören Schrotflinten, Sniper, Ablenkungs-Dekoys und Schutzschilde. Die Waffen fühlen sich solide an, auch wenn Hughs schwerer Raumanzug seine Bewegungen etwas träge macht. Die wahre Tiefe entfaltet sich jedoch durch die Kombination mit Dianas Hacking und der später verfügbaren Fortbewegung per Jetpack, die sogar Hacks in der Luft ermöglicht.
Inspirationen und eigene Wege: Von Souls bis Shelter
Pragmata bedient sich bei einigen vertrauten Mechaniken, fügt sie aber geschickt in sein eigenes Universum ein. So dient ein ausgeklügeltes Tram-System als Fast-Travel-Netzwerk, und nach dem Aktivieren eines Checkpoints hat man die Möglichkeit, über dieses System zum Shelter, der sicheren Basis, zurückzukehren. Dabei respawnen alle Gegner in der zuvor erkundeten Zone – eine klare Referenz an die Soulslike-Genre. Im Shelter kann man Hughs Anzug und Waffen verbessern, Mods ausrüsten und Dianas Hacking-Stats aufwerten. Ein freundlicher Roboter namens Cabin verwaltet hier ein Upgrade-System über ein Stempelbuch, das über rein kosmetische Verbesserungen hinaus auch spielerisch mächtige Boni für vollständige Reihen oder Spalten bietet.
Emotionale Tiefe durch „Rare Earth Memories“
Eine besondere emotionale Komponente bringen die Rare Earth Memories (REMs) ins Spiel. Dabei handelt es sich um Blaupausen für Erinnerungsstücke von der Erde – etwa einen alten Röhrenfernseher oder einen Erdglobus – die im Shelter nachgebaut und Diana geschenkt werden können. Sie nimmt diese Geschenke mit kindlicher Begeisterung an und interagiert mit ihnen, was die Bindung zwischen ihr und Hugh vertieft. Capcom ist hier ein schwieriger Spagat gelungen: Diana ist niedlich, neugierig und emotional, ohne aufdringlich oder kitschig zu wirken. Sie verleiht der düsteren Sci-Fi-Story wirkungsvolle menschliche Wärme.
Herausforderung: Zugänglich statt erbarmungslos
Während Pragmata von Soulslike-Elementen lernt, geht es bei der Schwierigkeit einen eigenen Weg. Zur Auswahl stehen zunächst nur Story– und Standard-Modus. Standard ist fordernd – Gegner können Hugh in wenigen Treffern erledigen –, doch Ausweichfenster sind großzügig und Angriffsmuster meist gut lesbar. Erfahrene Action- oder Souls-Spieler dürften sich hier nicht übermäßig gefordert fühlen. Ein härterer Modus wird nach dem ersten Durchspielen freigeschaltet. Bosskämpfe bieten dennoch mehrphasige, herausfordernde Prüfungen, bei denen ein wenig Grinden für Upgrades vor dem Kampf durchaus hilfreich sein kann.
Technische Meisterleistung mit der RE Engine
Capcoms RE Engine liefert auch in Pragmata eine absolute Glanzleistung ab. Das Spiel ist atemberaubend schön und setzt modernste Rendering-Techniken wie Raytraced Global Illumination und Path Tracing (auf PC) effektvoll ein. Die verschiedenen Mond-Biome – von futuristischen Städten bis zu üppigen, künstlichen Naturlandschaften – sind atemberaubend detailliert. Besonders Dianas Haare profitieren von der bereits in Resident Evil Requiem demonstrierten fortschrittlichen Haar-Rendering-Technologie. Die Performance ist auf anständiger Hardware stabil und ruckelfrei, selbst in hektischen Kampfsituationen mit vielen Gegnern. Jede neue Umgebung lädt dazu ein, inne zu halten und die visualisierte Pracht zu bestaunen.
Zusammenfassend stellt Pragmata unter Beweis, dass sich das Warten definitiv gelohnt hat. Capcom verschmilzt hier Action, Echtzeit-Puzzle und eine emotionale Charaktergeschichte zu einem einzigartigen und absolut fesselnden Erlebnis. Die Symbiose aus Kampf und Hacking fühlt sich frisch und genial an, die Welt ist visuell überwältigend, und die Beziehung zwischen Hugh und Diana verleiht der absurden Sci-Fi-Story Herz. Auch wenn der Standard-Schwierigkeitsgrad für Veteranen vielleicht nicht fordernd genug ist, überzeugt Pragmata auf ganzer Linie durch seinen perfekt austarierten Gameplay-Loop und seinen Mut zur Eigenständigkeit. Es ist ein kraftvolles, neues IP, das hoffentlich nicht so lange auf eine Fortsetzung warten lässt.