Rockstar-Mitarbeiter gründen Gewerkschaft vor GTA-VI-Start

Entlassene Rockstar-Entwickler gründen die Rockstar Game Workers Union und leiten einen spektakulären Rechtsstreit mit Take-Two ein.

Die Rockstar Game Workers Union kämpft gegen Massenentlassungen und für bessere Arbeitsbedingungen in der Spieleindustrie.
Highlights
  • 31 Rockstar-Mitarbeiter wurden im Oktober 2025 fristlos entlassen, was die Gründung der Gewerkschaft auslöste.
  • Die IWGB wirft Rockstar vor, die Kündigungen als Vergeltung für Gewerkschaftsaktivitäten konstruiert zu haben.
  • Der Fall hat politische Dimensionen erreicht, bis hin zur Befassung des britischen Premierministers.

Sechs Monate vor dem mit Spannung erwarteten Release von Grand Theft Auto VI hat eine Gruppe entlassener Entwickler von Rockstar Games einen Schritt gewagt, der in der Spieleindustrie für Aufsehen sorgt: Die Gründung einer offiziellen Gewerkschaft. Unter dem Dach der Independent Workers Union of Great Britain (IWGB) formierte sich die „Rockstar Game Workers Union“ – ein Zusammenschluss, der nicht nur die Arbeitsbedingungen bei einem der weltweit erfolgreichsten Spieleentwickler thematisiert, sondern auch einen spektakulären Rechtsstreit mit dem Mutterkonzern Take-Two Interactive einleitet.

Warum gründen Rockstar-Mitarbeiter ausgerechnet jetzt eine Gewerkschaft? Auslöser war eine Massenentlassung im Oktober 2025, bei der 31 Beschäftigte in britischen Studios fristlos und ohne vorherige Anhörung entlassen wurden. Die Betroffenen sind nach Angaben der IWGB ausschließlich Gewerkschaftsmitglieder gewesen. Für die Arbeitnehmervertretung ist der Fall klar: Hier werde nicht gegen undichte Stellen vorgegangen, sondern ganz offen ein Exempel gegen die Organisation von Belegschaften statuiert. Rockstar selbst spricht hingegen von „grober Pflichtverletzung“ aufgrund des Teilens vertraulicher Informationen auf einem Discord-Server.

Die Vorgeschichte: Was geschah am 30. Oktober 2025?

An diesem Tag wurden 31 Mitarbeiter in den britischen Rockstar-Studios in Edinburgh, London, Leeds, Lincoln und Dundee mit sofortiger Wirkung von ihren Arbeitsplätzen verwiesen. Präsenzmitarbeiter wurden aus den Gebäuden begleitet, Remote-Mitarbeiter von sämtlichen Projekt- und Geschäftskonten ausgeschlossen. Hinzu kamen drei Entlassungen in Kanada, sodass insgesamt 34 Menschen ihren Job verloren. Als Begründung führte Rockstar an, dass in einem internen Discord-Kanal, der auch von ehemaligen Angestellten und Journalisten genutzt worden sein soll, unveröffentlichte Spieletitel diskutiert worden seien – ein Verstoß gegen die Vertraulichkeit, den das Unternehmen als „grobes Fehlverhalten“ (gross misconduct) einstufte.

Die IWGB konterte umgehend: Bei dem Kanal habe es sich um einen privaten, nichtöffentlichen Raum für Gewerkschaftsmitglieder und Organisatoren gehandelt. Die Gewerkschaft wirft dem Arbeitgeber vor, die Vorwürfe konstruiert zu haben, um die gewerkschaftliche Organisierung im Keim zu ersticken. Besonders brisant: Die Betroffenen erhielten die offizielle Begründung für ihre Kündigung erst sechs Wochen nach der Entlassung. Eine vorherige Anhörung oder eine Suspendierung habe es nicht gegeben, wie Richterin Frances Eccles in einer Anhörung zum einstweiligen Rechtsschutz im Januar 2026 festhielt.

Die Positionen im Überblick: Rockstar vs. IWGB

Der Konflikt lässt sich in vier Kernpunkten zusammenfassen:

  • Kündigungsgrund: Rockstar spricht von Geheimnisverrat, die IWGB von Vergeltung für Gewerkschaftsaktivitäten.
  • Informationsweitergabe: Das Unternehmen bezeichnet den Discord-Kanal als „öffentliches Forum“, die Gewerkschaft als privaten und geschützten Raum für Mitglieder.
  • Verfahren: Rockstar beruft sich auf eine disziplinarische Maßnahme, die Gewerkschaft bemängelt das Fehlen einer Suspendierung, einer Anhörung und der Möglichkeit zur Stellungnahme.
  • Visumsprobleme: Mehrere der Entlassenen waren auf ihr Arbeitsvisum angewiesen. Mit der Kündigung entfiel die Sponsorenschaft, was für einige den sofortigen Verlust ihres Aufenthaltsstatus und ihrer Existenzgrundlage bedeutete.

Die Gewerkschaft fasst die Situation in ihrem Gründungsvideo drastisch zusammen: „Rockstar hat die entlassenen Arbeiter dem Innenministerium als Visumssponsoren gemeldet und ihnen nicht nur den Job, sondern auch ihr Zuhause, ihre Haustiere und ihre Gemeinschaft genommen.“

Politische Dimension: Von Unterhaus bis zum Premierminister

Der Fall hat in Großbritannien eine bemerkenswerte politische Dynamik entfaltet. Der Abgeordnete Chris Murray, in dessen Wahlkreis Edinburgh East and Musselburgh mehrere Betroffene leben, brachte den Fall ins Parlament. Er berichtete, dass einer der Entwickler aufgrund des entzogenen Visumssponsorings zur Ausreise gezwungen wurde. Nach einem Treffen mit Rockstar-Vertretern zeigte sich Murray skeptisch: „Ich konnte nicht sicher feststellen, dass das Unternehmen gesetzestreu handelt.“

Im Dezember 2025 äußerte sich Premierminister Keir Starmer in der Fragestunde des Unterhauses zu dem Vorfall. Er bezeichnete die Angelegenheit als „zutiefst besorgniserregend“ und stellte klar: „Jeder Arbeitnehmer hat das Recht, einer Gewerkschaft beizutreten.“ Dass sich der Regierungschef eines Landes mit den Arbeitsbedingungen eines Spieleentwicklers befasst, unterstreicht die außergewöhnliche Tragweite des Konflikts.

Der Rechtsweg: Was bisher geschah

Die IWGB reichte im November 2025 Klage gegen Rockstar ein – mit dem Vorwurf der „Viktimisierung im Zusammenhang mit Gewerkschaftsaktivitäten“ und einer „Massenentlassung“. Rockstar verweigerte bislang jede außergerichtliche Einigung.

Im Januar 2026 verhandelte das Arbeitsgericht in Glasgow über einen Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz (interim relief). Wäre dieser bewilligt worden, hätten die Entlassenen bis zum Hauptverfahren ihre Gehälter und Visumsansprüche zurückerhalten. Richterin Eccles lehnte den Antrag jedoch ab, da sie nicht mit hinreichender Wahrscheinlichkeit feststellen konnte, dass die Gewerkschaftsmitgliedschaft der Hauptkündigungsgrund war. Die IWGB zeigte sich enttäuscht, betonte aber, man habe die „schwache Verteidigung“ des Unternehmens erkennen können und gehe selbstbewusst in die Hauptverhandlung.

Mit der Gründung der Gewerkschaft im Mai 2026 wurde zudem bekannt, dass ein Termin für das Hauptverfahren feststeht – das genaue Datum ist allerdings nicht öffentlich. Die Gewerkschaft hat bereits Spendenaufrufe zur Finanzierung der Prozesskosten gestartet.

Hintergrund: Ein Milliardengeschäft und seine Schattenseiten

GTA VI erscheint am 19. November 2026 für PS5 und Xbox Series X|S. Der Vorgänger GTA V verkaufte sich über 230 Millionen Mal. Take-Two Interactive erwartet für das Geschäftsjahr 2027 Net Bookings in Höhe von 80 bis 82 Milliarden US-Dollar – das wäre ein absoluter Rekord für die Branche. Die Entwicklungskosten des Spiels werden auf rund 15 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Diejenigen, die dieses Werk erschaffen, sind jedoch zum Teil Menschen, die ohne Vorwarnung, ohne Anhörung und ohne jede Chance auf Wiedergutmachung entlassen wurden – und die nun um ihre Existenz kämpfen. Take-Two-CEO Strauss Zelnick erklärte kürzlich in einer Investorenkonferenz, dass ehemalige Rockstar-Entwickler mehrfach erfolglos versucht hätten, den Erfolg von GTA zu wiederholen. Eine Aussage, die inmitten des Arbeitskonflikts einen schalen Beigeschmack hinterlässt.

Was bedeutet der Fall für die Spieleindustrie?

Die Gründung der Rockstar Game Workers Union ist kein Einzelfall. Bei Raven Software, ZeniMax Workers United und id Software haben sich in den letzten Jahren ebenfalls Belegschaften organisiert. Doch ein Rechtsstreit mit einem derart prominenten Studio und einem Spiel von dieser wirtschaftlichen Dimension ist ohne Beispiel.

Sollte die IWGB obsiegen, könnte dies einen Präzedenzfall für den Schutz von Gewerkschaftsaktivisten in der gesamten Branche schaffen. Ein Sieg von Rockstar hingegen könnte die Rechtfertigung von Kündigungen unter Berufung auf Geheimhaltung erheblich erleichtern – und damit den Druck auf gewerkschaftlich organisierte Belegschaften in den USA und Europa verstärken.

Die Antwort auf die entscheidende Frage, wie es mit den Arbeitsbedingungen bei den großen Spieleentwicklern weitergeht, wird letztlich das Gericht geben. Die halbjährige Wartezeit bis zum Hauptprozess fällt jedoch genau in die heiße Phase vor dem Launch des wichtigsten Spiels der Branchengeschichte. Das Schicksal der 31 entlassenen Entwickler und die Glaubwürdigkeit eines Milliardenkonzerns stehen auf dem Spiel – beides wird im Gerichtssaal verhandelt.

Diesen Artikel teilen