The Last Sentinel: Tencent stoppt GTA-Rivalen nach sechs Jahren

The Last Sentinel: Tencent stoppt GTA-Rivalen nach sechs Jahren

Nach sechs Jahren Entwicklungszeit und einem geschätzten Budget von mehreren hundert Millionen Dollar hat der chinesische Tech-Konzern Tencent die Produktion des Open-World-Spiels The Last Sentinel eingestellt. Der ambitionierte GTA-Konkurrent des Studios Lightspeed LA wird vorerst nicht erscheinen, rund 80 Mitarbeiter wurden entlassen. Das berichtet der Bloomberg-Journalist Jason Schreier unter Berufung auf interne Quellen. Tencent selbst dementiert eine vollständige Einstellung und spricht von einer kreativen Neuausrichtung.

Die Entstehung von Lightspeed LA und die ambitionierte Vision

Das Studio Lightspeed LA wurde zwischen Ende 2019 und Anfang 2020 von Steve Martin gegründet, einem ehemaligen Chef der Rockstar-Niederlassung in San Diego. Mit Sitz in Irvine, Kalifornien, sollte das Team ein Open-World-Crime-Spiel im Cyberpunk-Setting entwickeln – mit einer weiblichen Protagonistin in einem von Science-Fiction neu interpretierten Tokio. Die Kombination aus einer vertikalen Stadtlandschaft, frei befahrbaren Fahrzeugen und einer offenen Spielwelt erinnerte stark an die Handschrift der Rockstar-Spiele.

Um im hart umkämpften Talentmarkt der Jahre 2020 und 2021 zu bestehen – angeheizt durch den pandemiebedingten Boom der Spieleindustrie – lockte Lightspeed LA Entwickler mit Gehältern im sechsstelligen Bereich. Dies zog erfahrene Fachkräfte von renommierten Studios wie Naughty Dog, Rockstar und Blizzard an. Die Strategie schien zunächst aufzugehen, doch die hohen Personalkosten und die komplexe technische Umsetzung sollten sich als Belastung erweisen.

Der vielversprechende Auftritt und das Ausbleiben von Gameplay

Der Öffentlichkeit wurde The Last Sentinel erstmals bei den The Game Awards 2023 präsentiert. Nach diesem vielbeachteten Teaser wurde es jedoch auffällig still um das Projekt. Im vergangenen Jahr veröffentlichte das Studio vier Entwicklertagebücher auf YouTube, die jedoch eher wie allgemeine Hype-Videos wirkten und keine konkreten Gameplay-Szenen zeigten. Synchronsprecher Troy Baker, der als Performance Director an dem Titel mitwirkte, beschrieb die Geschichte als bewussten Bruch mit den gängigen Klischees eines Action-Abenteuers – ein mutiger Ansatz, der jedoch nie durch spielbare Inhalte untermauert wurde.

Die fehlende Gameplay-Präsentation fiel Beobachtern sofort auf. Der Grund dafür war simpel: Das Studio war nicht in der Lage, seine immens ambitionierte Vision umzusetzen. Die Belegschaft von Lightspeed LA zählte zum Höhepunkt mehrere hundert Mitarbeiter – eine beachtliche Größe, aber weit entfernt von den rund 2.000 Fachkräften, die an einem Titel wie Red Dead Redemption 2 arbeiteten.

Interne Probleme und mangelnde Führung

Quellen aus dem Unternehmen schildern Bloomberg zufolge ein Klima der Orientierungslosigkeit. Der Führungsstil von Studio-Gründer Steve Martin wird als polarisierend beschrieben, die Entscheidungsprozesse als schleppend. Eine klare kreative Vision sei über die Jahre hinweg nicht erkennbar gewesen. Das Projekt verfehlte mehrfach gesetzte Meilensteine und überschritt das Budget erheblich. Allein die Entwicklungskosten sollen sich auf mehrere hundert Millionen Dollar belaufen haben – ein Risiko, das selbst für einen Investor wie Tencent, der über umfangreiche Mittel verfügt, nur schwer zu rechtfertigen ist.

Der Playtest als Wendepunkt

Der entscheidende Wendepunkt kam im Frühjahr dieses Jahres. Lightspeed LA organisierte einen internen Playtest, der ein nahezu einhellig negatives Feedback hervorbrachte. Die Tester beschrieben das Spiel schlicht als „nicht spaßig zu spielen“ – ein vernichtendes Urteil für ein Projekt, das als direkter Konkurrent zu Grand Theft Auto positioniert war. Die Tencent-Führung stellte daraufhin ein Ultimatum: Bis Juli müsse eine deutlich verbesserte Version vorliegen, andernfalls werde das Projekt eingestellt.

In den verbleibenden drei Monaten zog Lightspeed LA zusätzliche Unterstützung heran. Unter anderem wurde Todd Papy, bekannt für seine Arbeit an der God of War-Reihe, als Creative Director verpflichtet. Er sollte das Kampfsystem, die Missionen und andere zentrale Spielmechaniken überarbeiten. Trotz dieser Bemühungen blieb der Titel weit hinter der grafischen Wiedergabetreue, dem polierten Feeling und der Qualität zurück, die von einem Rivalen von Rockstars Flaggschiff erwartet wird. Tencent zog die Reißleine und leitete die Entlassungen ein.

Was die Zukunft für Lightspeed LA und The Last Sentinel bringt

Die öffentliche Stellungnahme von Tencent zeichnet ein anderes Bild als die internen Berichte. Der Konzern betont, dass man die kreative und entwicklungsseitige Ausrichtung von The Last Sentinel ändern wolle, um den Erwartungen der Spieler gerecht zu werden. Das Studio Lightspeed LA bleibe geöffnet und arbeite weiter an Spielen. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass zu einem späteren Zeitpunkt eine abgespeckte oder grundlegend überarbeitete Version des Titels erscheint – oder dass Tencent einen anderen Entwickler mit der Fertigstellung beauftragt.

Der Fall reiht sich ein in eine wachsende Liste von Projekten, die mit hochkarätigen Führungspersönlichkeiten und großem Budget antraten, aber noch vor dem Launch scheiterten. Die Kombination aus überambitionierten Zielen, mangelnder Führungskontinuität und unrealistischen Zeitplänen erweist sich selbst für finanzstarke Publisher als gefährliche Mischung. Die Branche wird die Entwicklung bei Lightspeed LA genau verfolgen – und ob die versprochene Neuausrichtung tatsächlich gelingt oder ob das Projekt endgültig in der Versenkung verschwindet.

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