Der taiwanesische Halbleiterriese TSMC, der als einer der wertvollsten Konzerne Asiens gilt und im ersten Quartal 2026 einen Rekordgewinn von umgerechnet rund 2,88 Billionen Yen (572,5 Milliarden Taiwan-Dollar) erzielte, sieht sich mit wachsendem Unmut in der Belegschaft konfrontiert. Der Grund: Einem weitreichenden Gerücht zufolge plant das Unternehmen, die leistungsabhängigen Bonuszahlungen für seine Mitarbeiter um etwa 15 Prozent zu kürzen. Diese Nachricht hat interne und externe Kreise in Aufruhr versetzt, denn die wirtschaftlichen Kennzahlen des Konzerns zeichnen ein ganz anderes Bild. Während der Umsatz im Jahresvergleich um 35 Prozent auf über eine Billion Taiwan-Dollar stieg und die Bruttomarge bei beeindruckenden 66,2 Prozent liegt, scheint die Schere zwischen Unternehmenserfolg und Mitarbeitervergütung immer weiter auseinanderzuklaffen.
Rekordgewinne treffen auf sinkende Beteiligungsquote
TSMC hat traditionell rund 13 Prozent seiner einbehaltenen Gewinne für die Vergütung der Belegschaft reserviert. Doch dieser Anteil schrumpft, während die Profite in die Höhe schießen. Im Geschäftsjahr 2025 lag der durchschnittliche Bonus pro Mitarbeiter noch bei umgerechnet etwa 13,3 Millionen Yen, die Gesamtausschüttung erreichte rund 206,1 Milliarden Taiwan-Dollar. Auf den ersten Blick sind das keine geringen Summen, doch die Belegschaft beklagt, dass die Zahlungen mit dem rasanten Gewinnwachstum nicht Schritt halten. In sozialen Netzwerken und auf lokalen Plattformen wie Dcard machen sich Frustration und Wut Luft. „Das Unternehmen betrügt die Mitarbeiter, die Tag und Nacht arbeiten“, heißt es in vielen Kommentaren. „Die Profite fließen nur an die Aktionäre und in den Bau neuer Fabriken im Ausland.“ Die Stimmung ist gereizt, und erstmals in der fast vier Jahrzehnte währenden Geschichte des Unternehmens werden Stimmen laut, die nach einer gewerkschaftlichen Organisation oder sogar nach Arbeitskampfmaßnahmen rufen.
Ein Präzedenzfall in Südkorea heizt die Gemüter an
Was die Situation zusätzlich anheizt, ist ein Blick auf die Konkurrenz. In Südkorea haben beide Halbleiterriesen, Samsung und SK hynix, in den vergangenen Monaten weitreichende Vereinbarungen zur Gewinnbeteiligung ihrer Mitarbeiter getroffen. Besonders das Abkommen bei Samsung, das gerade erst eine drohende 18-tägige Streikwelle abwendete, wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Die Arbeitnehmervertreter der Halbleitersparte einigten sich mit dem Management darauf, insgesamt zwölf Prozent des operativen Gewinns an die Belegschaft auszuschütten – 10,5 Prozent in Aktien und 1,5 Prozent in bar. Diese Regelung soll für die nächsten zehn Jahre Bestand haben.
Zum Vergleich: Für das laufende Jahr rechnen Analysten bei Samsung mit einem durchschnittlichen Bonus von umgerechnet rund 54 Millionen Yen pro Mitarbeiter. Bei TSMC sind es, selbst vor einer möglichen Kürzung, lediglich etwa 13,3 Millionen Yen. Das ist ein Unterschied von mehr als dem Vierfachen. Auch SK hynix hat bereits im September 2025 einen Vertrag unterzeichnet, der zehn Prozent des Betriebsgewinns für die Mitarbeiter vorsieht. Beide koreanischen Unternehmen haben damit einen strukturierten und vertraglich gesicherten Rahmen für die Gewinnbeteiligung geschaffen.
Es ist nicht bloße Neiddebatte, die die TSMC-Belegschaft umtreibt. Es ist das Fehlen einer institutionellen Basis. TSMC wurde 1987 gegründet und operiert seit jeher ohne Gewerkschaft. Es gibt keinen formalen Verhandlungstisch, keine betriebliche Mitbestimmung und keine Tarifautonomie. Während die koreanischen Wettbewerber über funktionierende Mechanismen zur Verteilung des Erfolgs verfügen, steht den Taiwanern kein vergleichbares Instrument zur Verfügung. Das führt zu einer strukturellen Schieflage, die nun erstmals offen thematisiert wird.
Die Investitionsoffensive als Belastungsfaktor
Doch die Zurückhaltung des Managements hat auch handfeste Gründe. TSMC befindet sich in einer beispiellosen Expansionsphase. Die Investitionsausgaben für das Jahr 2026 werden auf 52 bis 56 Milliarden US-Dollar geschätzt – rund 8,3 bis 8,9 Billionen Yen – ein Anstieg von rund 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. In Arizona entsteht ein gigantischer Fabrikkomplex mit einem Investitionsvolumen von 165 Milliarden US-Dollar. In Kumamoto, Japan, in Dresden, Deutschland, und an mehreren Standorten in Taiwan laufen die Bauarbeiten für neue Fertigungsstätten. Insgesamt befinden sich zwölf Fabriken gleichzeitig im Bau. Zwischen 70 und 80 Prozent der Investitionen fließen in die Entwicklung und Produktion der nächsten Chip-Generationen – 3-Nanometer und 2-Nanometer und darüber hinaus.
TSMC-CEO C.C. Wei hat selbst eingeräumt, dass die diesjährigen Investitionen kaum zur Produktion im Jahr 2026 beitragen werden. Der Return on Investment wird frühestens 2027 einsetzen. Das bedeutet: Trotz rekordhoher Gewinne wird ein erheblicher Teil der liquiden Mittel von den neuen Fertigungsanlagen absorbiert. Fast 40 Prozent des Jahresumsatzes fließen in den Ausbau der Produktionskapazitäten. Diese gigantische Kapitalallokation lässt wenig Raum für großzügige Erhöhungen der Mitarbeitervergütung, selbst wenn der Wille dazu vorhanden wäre.
Eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit
Doris Hsu, die Vorstandsvorsitzende des Siliziumwafer-Herstellers GlobalWafers, der sowohl Werke mit als auch ohne Gewerkschaften betreibt, brachte die Debatte auf den Punkt: „Entscheidend ist nicht die Existenz einer Gewerkschaft, sondern die Bereitschaft des Managements, den Erfolg mit der Belegschaft zu teilen.“ Dieses Statement zielt mitten ins Herz des Konflikts. TSMC steht vor einer strategischen Grundsatzfrage: Wie verteilt man die Früchte des KI-Booms, wenn gleichzeitig die Kosten für die technologische Vorherrschaft explodieren? Die Antwort des Unternehmens fällt bisher eindeutig aus – Vorrang für die Zukunftssicherung durch Investitionen, Zurückhaltung bei der Mitarbeiterbeteiligung.
Doch ob dieser Kurs dauerhaft tragfähig ist, wird sich zeigen müssen. Die bevorstehende Hauptversammlung am 28. Mai im Hauptquartier in Hsinchu könnte zu einem Stimmungstest werden. Auf den Plattformen mehren sich Diskussionen über die rechtlichen Möglichkeiten einer Streikandrohung nach taiwanesischem Arbeitsrecht. Die offizielle Kommunikation von TSMC, wonach die Bonuszahlungen für 2026 schneller wachsen werden als im Vorjahr, hat die Kritik vorerst nicht verstummen lassen. Im Gegenteil: Sie wird als Bestätigung für die Diskrepanz zwischen Kommunikation und Wahrnehmung gesehen.
Die Schattenseite der koreanischen Lösung
Interessanterweise zeigt sich, dass selbst die viel gepriesene Einigung bei Samsung nicht ohne Risiken ist. Gegen den Zehnjahresvertrag, der einen erheblichen Teil des operativen Gewinns an die Mitarbeiter bindet, haben Aktionäre Klage eingereicht. Die Argumentation: Die gebundenen Mittel könnten im intensiven Wettbewerb um die nächste Chip-Generation fehlen, um die notwendigen Investitionen zu stemmen. In diesem Punkt unterscheidet sich das Dilemma von Samsung nicht grundsätzlich von dem bei TSMC. Beide Unternehmen stehen vor demselben Trade-off zwischen Investitionstätigkeit und Mitarbeiterbeteiligung. Nur dass bei Samsung die Arbeitnehmer bereits einen festen Platz am Verhandlungstisch haben, während die Belegschaft von TSMC noch um die Anerkennung als Verhandlungspartner kämpfen muss.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Druck aus der Belegschaft ausreicht, um eine institutionelle Veränderung herbeizuführen oder ob TSMC auf Sicht fährt und die Welle der Unzufriedenheit durch moderate Zugeständnisse abzufedern versucht. Fest steht: In dem Unternehmen, das in Taiwan liebevoll als „schützender Berg des Landes“ bezeichnet wird, ist ein Riss sichtbar