Kenji Oguro, langjähriger Director bei Capcom, hat mit einer ungewöhnlichen Idee für ein Spin-off der Resident-Evil-Reihe für Aufsehen gesorgt. Im Gespräch über das kürzlich erschienene Monster Hunter Stories 3: Twisted Reflection entwickelte der Entwickler den Gedanken, das erfolgreiche Kreaturensammler-Konzept auf die Survival-Horror-Serie zu übertragen – mit einer entscheidenden Wendung: Statt Monster zu zähmen, sollen die Spieler Untote heilen und zurück in Menschen verwandeln. Was zunächst wie eine abwegige Fantasie klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als überraschend durchdachter Ansatz, der das Genre neu definieren könnte.
Monster Hunter Stories als Blaupause: Vom Jäger zum Heiler
Oguro beschrieb Monster Hunter Stories 3: Twisted Reflection als „das JRPG, das das Team schon immer machen wollte“. In einem Interview mit Very Gary Computing erläuterte er die grundlegende Designphilosophie der Stories-Reihe: Während das Hauptspiel Monster als Gegner betrachtet, die es zu besiegen gilt, kehrt der Ableger diese Logik um – Monster werden zu Begleitern, mit denen Spieler eine Bindung eingehen. Diese radikale Perspektivverschiebung sei der Kern des Stories-Konzepts. Auf die Frage, ob sich ein vergleichbarer Ansatz auf Resident Evil übertragen ließe, antwortete Oguro spontan: „Ich glaube nicht, dass man jemals Zombies befreunden würde, aber vielleicht könnte man den Ansatz verfolgen: Ich möchte einen Weg finden, diese Zombies zu heilen, damit die Menschen, die in Monster verwandelt wurden, wieder zu Menschen werden.“
Damit skizzierte er ein Szenario, das weit über einfache Heilmechaniken hinausgeht. Oguro selbst zog Parallelen zu Dead Rising, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Statt wahllos auf Untote einzudreschen, müssten die Spieler in Echtzeit nach einem Heilmittel suchen und die Infizierten einfangen, um sie zu kurieren. „Was für ein Spiel das wäre und ob es funktionieren würde, weiß ich nicht“, räumte Oguro ein. „Aber als Antwort auf Ihre Frage: So würde ich Stories verstehen – eine völlig andere Perspektive auf dasselbe Universum und darauf basierend das Gameplay entwickeln.“
Wie könnte ein Resident Evil Stories konkret aussehen?
Die Idee wirkt auf den ersten Blick absurd – schließlich leben Survival-Horror-Fans von der Spannung, sich gegen übermächtige Kreaturen behaupten zu müssen. Doch ein genauerer Blick offenbart Potenzial. Oguros Vorschlag erinnert an ein offenes Szenario ähnlich Dead Rising, in dem die Spieler eine Zombie-invasierte Stadt erkunden. Jeder untote Gegner könnte eine eigene kleine Mission darstellen: Statt ihn zu erschießen, müsste man ihn durch Geschicklichkeitsrätsel oder Action-Sequenzen einfangen und anschließend einer Heilung unterziehen. Geheilte Charaktere könnten sich der Gruppe anschließen und neue Fähigkeiten eröffnen – ähnlich wie die „Monsties“ in Monster Hunter Stories, die als Reittiere oder Kampfhelfer dienen. Der Zugang zu bestimmten Arealen würde so von der Anzahl und Art der geretteten Personen abhängen.
Bedenken, dass ein solches Spiel die charakteristische Schießwut der Serie vermissen lässt, sind nach Meinung vieler Beobachter unbegründet. Resident Evil hat bereits bewiesen, dass es ohne reine Ballerei funktioniert: Die Stealth-Abschnitte in Resident Evil: Requiem wurden von der Fachpresse als packend beschrieben. Zudem könnte Capcom kinetische Heilmechaniken entwickeln, die das Adrenalin-Erlebnis einer Schießerei ersetzen – etwa das präzise Anlegen von Gegengiften unter Zeitdruck oder das Ausweichen vor angreifenden Infizierten während der Behandlung.
Was ist ein Resident Evil Stories und wie funktioniert es?
Ein Resident Evil Stories wäre ein Spin-off, das die etablierte Survival-Horror-Ip in ein Kreaturensammler-Spiel verwandelt, jedoch mit dem Ziel der Heilung statt der Zerstörung. Spieler müssten infizierte Menschen durch Geschicklichkeitsherausforderungen einfangen, sie mit improvisierten Mitteln kurieren und anschließend als Verbündete rekrutieren. Das Gameplay würde Elemente aus Dead Rising und Monster Hunter Stories kombinieren: offene Level, zeitkritische Rettungsmissionen und ein tiefes System zur Charakterentwicklung der Geheilten. Oguro selbst betonte, dass ein solcher Ansatz „eine komplett andere Perspektive auf dasselbe Universum“ erfordere – also nicht einfach ein Resident Evil mit Heilbalken, sondern ein grundlegend neu interpretiertes Spielerlebnis.
Historische Parallelen und Marktchancen
Die Idee mag auf den ersten Blick radikal wirken, doch sie steht in einer Reihe mit anderen erfolgreichen Genre-Experimenten Capcoms. Monster Hunter Stories selbst begann als Nischenableger und entwickelte sich zu einer eigenständigen Marke mit treuer Fangemeinde. Auch Resident Evil hat immer wieder neue Wege eingeschlagen: Von der actionlastigen Trilogie um Resident Evil 4 bis hin zum atmosphärischen Remake des zweiten Teils. Ein Kreaturensammler-Spin-off könnte ein neues Publikum erschließen – insbesondere Spieler, die mit dem traditionellen Horror weniger anfangen können, aber die Welt von Resident Evil lieben. Zudem wäre es eine Gelegenheit, die reiche Lore der Serie tiefer zu erkunden: Die T-Virus-Infektion und ihre Heilung bieten narrative Anknüpfungspunkte für eine Geschichte, die weniger auf Überleben als auf Erlösung setzt.
Ob Capcom tatsächlich ein solches Projekt verfolgt, ist ungewiss. Oguros Äußerungen waren spekulativ und als Gedankenspiel formuliert. Doch die Resonanz zeigt, wie sehr die Branche nach neuen Interpretationen etablierter Marken hungert. Während Monster Hunter Stories 3 von Kritikern durchaus gelobt wurde – insbesondere das süchtig machende Sammeln der Monsties und das taktische Kampfsystem –, bleibt abzuwarten, ob ein Resident Evil Stories diese Mechanik aufgreifen kann, ohne den Geist der Reihe zu verraten. Fest steht: Die Idee eines Heilers statt eines Jägers ist mehr als eine bloße Fantasie – sie könnte das nächste große Experiment sein, das Capcoms Mut zur Neuerfindung unter Beweis stellt.