SoftBank-Chef Masayoshi Son lehnt SpaceX Weltraum-Rechenzentren ab

Masayoshi Son widerspricht Elon Musks Vision von KI-Rechenzentren im All und verteidigt damit eigene Milliardeninvestitionen auf der Erde.

SoftBank-Chef Masayoshi Son lehnt SpaceX Weltraum-Rechenzentren aus Kostengründen ab und betont den Zeitvorteil terrestrischer Projekte.
Highlights
  • Son argumentiert, dass Stromkosten nur sieben Prozent der Betriebskosten eines KI-Rechenzentrums ausmachen.
  • SoftBank plant ein 750 Milliarden Euro schweres KI-Rechenzentrum in Frankreich mit fünf Gigawatt Leistung.
  • Die Baukosten für ein orbitales Rechenzentrum liegen bei 42,4 Milliarden Dollar, dreimal so viel wie auf der Erde.

SoftBank-Chef Masayoshi Son hat sich auf der Hauptversammlung des japanischen Technologiekonzerns klar gegen die Pläne von Elon Musk und SpaceX für Weltraum-Rechenzentren positioniert. Seine Absage ist jedoch nicht nur eine technische oder wirtschaftliche Analyse – sie ist vor allem eines: die logische Verteidigung eines eigenen Milliarden-Engagements auf der Erde.

Die 7-Prozent-Rechnung: Warum Son die Weltraum-Cloud für unwirtschaftlich hält

Auf der ordentlichen Hauptversammlung am 23. Juni wurde Son von einem Aktionär direkt gefragt, wie SoftBank auf die Pläne von SpaceX reagiere, KI-Rechenzentren ins All zu verlegen. Seine Antwort fiel eindeutig aus: Er lehnt eine Beteiligung ab. Das zentrale Argument lieferte er gleich mit. Stromkosten machen nach seinen Angaben nur etwa sieben Prozent der gesamten Betriebskosten eines KI-Rechenzentrums aus. Selbst wenn man diese Kosten durch Solarenergie im Weltraum auf null senken könnte, blieben die restlichen 93 Prozent – vor allem die Kosten für die Halbleiterchips wie GPUs sowie deren Wartung und Kühlung – unverändert hoch. Im Gegenteil: Neue Kostenposten wie der Transport ins All, die Kommunikationslatenz und die Wartung im Orbit kämen hinzu. „Bis sich im Weltraum Ergebnisse zeigen, vergehen Jahrzehnte. Der Kampf um die KI wird aber in den nächsten Jahren entschieden“, sagte Son. Er bezeichnete Musk zwar als „großartigen Revolutionär“, betonte aber den fundamentalen Unterschied in der Zeitachse. Auch SoftBank-Präsident Junichi Miyakawa verwies auf technische Hürden, insbesondere auf die schwierige Wärmeabfuhr im Vakuum des Weltraums.

Warum Son kein neutraler Beobachter ist: 14 Billionen Yen auf der Erde

Die Ablehnung klingt nach nüchternem Kostenkalkül. Doch Son ist kein unbeteiligter Analyst. Er ist ein Spieler mit einem massiven eigenen Einsatz auf der Erde. Erst am 31. Mai hatte die SoftBank Group ein Projekt in Frankreich angekündigt, das zu den größten in Europa zählen soll. Geplant sind KI-Rechenzentren mit einer Gesamtanschlussleistung von fünf Gigawatt an Standorten wie Dunkerque. Die Investitionssumme: bis zu 750 Milliarden Euro, umgerechnet rund 14 Billionen Yen. Hinzu kommen Pläne für ein bis zu 80 Billionen Yen schweres Datenzentrum im Rahmen des US-amerikanischen Stargate-Projekts, bei dem SoftBank als einer der Kernpartner fungiert. Sollten sich Weltraum-Rechenzentren als praktikabel erweisen, würde der Wert dieser gewaltigen Investitionen auf der Erde relativ sinken. Sons Ablehnung ist daher nicht nur eine technische Bewertung, sondern auch eine strategische Notwendigkeit, um die eigenen Milliardenausgaben zu rechtfertigen.

Die andere Seite: Warum Musk den Orbit braucht

Während Son seine Investitionen auf der Erde schützt, verfolgt Musk mit SpaceX ein klares Eigeninteresse. Das Unternehmen war am 12. Juni an die Börse gegangen und erreichte einen Börsenwert von rund zwei Billionen Dollar. Im IPO-Prospekt wird allein für KI-bezogene Anwendungen ein adressierbarer Markt von 26,5 Billionen Dollar genannt – eine schier unvorstellbare Zahl. Die Weltraum-Rechenzentren sind als zentraler Wachstumstreiber positioniert. Die Vision: Bis zu einer Million Satelliten im Orbit, die mit Solarenergie betrieben werden und KI-Berechnungen durchführen. Was auf den ersten Blick wie eine futuristische Utopie wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als perfekte Symbiose mit dem Kerngeschäft von SpaceX. Denn Satelliten haben eine begrenzte Lebensdauer und müssen regelmäßig ersetzt werden. Um eine Konstellation von einer Million Einheiten zu warten, sind praktisch ununterbrochene Starts notwendig. Das Starlink-Kommunikationsgeschäft, das bereits rund 70 Prozent des SpaceX-Umsatzes ausmacht, funktioniert nach genau diesem Prinzip. Weltraum-Rechenzentren wären die logische Erweiterung: Sie würden die Nachfrage nach eigenen Starts weiter ankurbeln. SpaceX hält derzeit einen Marktanteil von 80 bis 90 Prozent am globalen Startmarkt – ein Wert, der ohne den eigenen Großkunden Starlink deutlich niedriger ausfallen würde. Jede Ankündigung Musks, der Weltraum werde „innerhalb von zwei bis drei Jahren der günstigste Ort für KI-Berechnungen“, ist daher auch eine Werbung für das eigene Startgeschäft.

Altman und andere: Eine Front der Eigeninteressen

Son ist mit seiner Skepsis nicht allein. OpenAI-CEO Sam Altman hatte sich bereits im Februar gegen Weltraum-Rechenzentren ausgesprochen. Er bezeichnete die Idee bei aktueller Technik als „verrückt“ und prognostizierte, dass sie „in den nächsten zehn Jahren in großem Maßstab keinen Sinn ergeben“ werde. Auch Altman verwies auf handfeste technische Probleme: die hohen Startkosten, die Unmöglichkeit, defekte GPUs im Orbit auszutauschen, und das Fehlen strahlungsresistenter Halbleiter. Die modernsten Chips, etwa von TSMC im 4-Nanometer-Verfahren, sind nicht für die hohe Strahlung im All ausgelegt. Strahlungsresistente Halbleiter sind dagegen technisch auf dem Stand der 90-Nanometer-Ära. Die Lücke zwischen Leistung und Haltbarkeit ist enorm. Doch auch Altman hat ein eigenes Interesse an der Ablehnung. OpenAI treibt gemeinsam mit Microsoft das Stargate-Projekt für riesige Rechenzentren auf der Erde voran. Würde der Weltraum zu einer ernsthaften Alternative, verlöre dieses Engagement an Dringlichkeit. Berichten zufolge hatte Altman zudem selbst Verhandlungen über die Übernahme des Raketen-Startups Stoke Space geführt – sein Interesse am Weltraum ist also nicht vollständig erloschen.

Wer profitiert, wer verliert: Eine Frage der Perspektive

Die Debatte um Weltraum-Rechenzentren ist ein Paradebeispiel dafür, wie stark Aussagen in der Technologiebranche von den eigenen Investitionen geprägt sind. Google-CEO Sundar Pichai prognostiziert, dass Rechenzentren im All „innerhalb von zehn Jahren normal“ sein werden, und treibt mit Project Suncatcher den Start von Prototyp-Satelliten mit TPUs bereits für 2027 voran. Jeff Bezos’ Blue Origin hat im März bei der US-Kommunikationsbehörde FCC die Genehmigung für 51.600 Orbit-Datenzentren unter dem Namen Project Sunrise beantragt. Die Befürworter betreiben entweder selbst Raumfahrtgeschäfte oder sind bei terrestrischen Rechenzentren an Grenzen gestoßen. Die Gegner – Son, Altman, aber auch AWS-CEO Matt Garman, der die Wirtschaftlichkeit ebenfalls anzweifelt – haben allesamt massive Summen in irdische Infrastruktur investiert. Selbst innerhalb des gleichen Unternehmensnetzwerks gibt es Widersprüche: Während Blue Origin von Bezos das Projekt vorantreibt, stellt AWS, ebenfalls von Bezos gegründet, die Wirtschaftlichkeit infrage.

Technische Machbarkeit versus wirtschaftliche Realität

Fast alle Beteiligten räumen ein, dass Weltraum-Rechenzentren technisch irgendwann möglich sein werden. Der Streitpunkt ist der Zeitpunkt. Die aktuellen Startkosten liegen bei etwa 2.700 Dollar pro Kilogramm. Um wirtschaftlich zu sein, müssten sie auf etwa 200 Dollar fallen. Eine Studie beziffert die Baukosten für ein Orbital-Rechenzentrum mit einer Gigawatt Leistung auf rund 42,4 Milliarden Dollar – etwa das Dreifache einer vergleichbaren Anlage auf der Erde. Hinzu kommt das Kühlungsproblem: Im Vakuum des Weltraums gibt es keine Konvektion, die Wärme abführen könnte. Entgegen der Intuition ist es im All extrem schwierig, heiße Komponenten zu kühlen. Und während die Ausfallrate von GPUs im Orbit nicht geringer sein wird als auf der Erde, fehlen dort die Reparaturmöglichkeiten. Diese technischen Hürden sind mit Zeit und Geld überwindbar. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob man heute darauf setzen sollte. Liest man die Entwicklung als „in zehn Jahren realisierbar“, ist Sons Strategie der Konzentration auf die Erde richtig. Geht man von einem „Umbruch in drei Jahren“ aus, hat Musks Wette Bestand. Beide Seiten argumentieren aus ihrer eigenen Position heraus. Eine neutrale Stimme gibt es in dieser Debatte nicht. Jeder spricht über sein eigenes Portfolio.

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