Die Arbeitswelt erlebt den rasantesten Wandel seit der Einführung des Internets. Waren es vor wenigen Jahren noch Chatbots, die auf Zuruf Texte generierten, und später aufgabenspezifische Agenten, die isolierte Aufgaben übernahmen, so zeichnet sich nun die dritte Welle der KI-Transformation ab: dauerhaft aktive, eigenständig handelnde KI-Kollegen. Für Unternehmen bedeutet dieser Schritt eine grundlegende Zäsur in der IT-Sicherheit, insbesondere in der Identitäts- und Zugriffsverwaltung.
Warum Persistenz das Sicherheitsmodell sprengt
Bislang war es möglich, KI-Assistenten in bestehende Sicherheitsstrukturen zu pressen. Ein temporärer Chat benötigt lediglich Sitzungsrechte, ein aufgabenorientierter Agent kurzfristige Token. Ein echter digitaler Coworker jedoch arbeitet kontinuierlich, sammelt Berechtigungen an und nutzt diese aktiv. Dieses Phänomen, in der Fachwelt als Access Creep bekannt, ist bei menschlichen Mitarbeitern bereits eines der größten ungelösten Probleme der Identity Governance. Bei KI-Agenten potenziert es sich durch die Geschwindigkeit, mit der Rechte akkumuliert werden, und die Fähigkeit von Agenten, mehrere gewährte Berechtigungen zu einer unvorhergesehenen, mächtigen Handlungskette zu kombinieren.
Hinzu kommt das Problem der verunreinigten Audit-Logs. Da aktuelle Plattformen wie jene von OpenAI und Anthropic keine eigenen Identitäten für Agenten ausstellen, handeln diese unter den Anmeldeinformationen ihrer menschlichen Nutzer. Ein durch einen Agenten getätigter Zugriff wird im Log als Aktion des Mitarbeiters geführt. Eine korrekte Zuordnung und nachträgliche Überprüfung von Handlungsketten wird so massiv erschwert. Die dringend benötigte Trennung von Privilegien zwischen Mensch und Maschine findet nicht statt.
Google zeigte den Weg, die Industrie zögert
Die richtige Idee existiert bereits seit 2024. Google demonstrierte auf seiner Entwicklerkonferenz I/O einen Workspace-Agenten namens Chip. Chip verfügte über ein eigenes Konto, eine definierte Rolle und festgelegte Berechtigungen – und nicht etwa über die Rechte des Nutzers, der ihn gestartet hatte. Die Vision eines digitalen Teamkollegen mit eigener Identität blieb jedoch eine Demo. Was tatsächlich auf den Markt kam, waren Agenten, die die Autorität eines Menschen erben.
Die Plattformanbieter reagieren nun, aber fragmentiert. Microsoft hat mit Entra Agent ID einen Standard für erstklassige Agentenidentitäten eingeführt. Okta erlaubt Agentenidentitäten in seinem Universal Directory mit kurzlebigen, gescopten Tokens. Auch SailPoint und CyberArk arbeiten an Lösungen. Der Nachteil: Jeder Anbieter sichert lediglich sein eigenes Ökosystem. Eine plattformübergreifende Governance, die in der heterogenen SaaS-Landschaft deutscher Unternehmen dringend nötig ist, bleibt so eine Baustelle.
Der zentrale Kontrollpunkt: Identity Governance
Um der dritten KI-Welle Herr zu werden, müssen Unternehmen ihre Sicherheitsarchitektur umstellen. Identity Controls sind der einzige De-facto-Kontrollpunkt, an dem sich richtungsweisende Richtlinien durchsetzen lassen. Hier liegen die entscheidenden Handlungsfelder:
- Eigenständige Identitäten schaffen: Jeder persistente KI-Agent benötigt eine eigene digitale Identität. Authentifiziert er sich als Mensch, kann keine nachgelagerte Kontrolle zwischen Mensch und Maschine unterscheiden. Die Agenten benötigen ihren eigenen digitalen Ausweis, bevor sie eine Aufgabe erhalten.
- Zugriff auf die Aufgabe scopen, nicht auf die Person: Ein Agent, der auf ein Jira-Projekt zugreift, darf nicht automatisch die Cloud-Infrastruktur des Unternehmens bearbeiten können, nur weil der zuständige Ingenieur diese Rechte besitzt. Der Zugriff muss granular auf die spezifische Aufgabe des Agenten beschränkt sein.
- Lebenszyklus-Management implementieren: Digitale Kollegen sind keine unsterblichen Entitäten. Unternehmen müssen von der Erstellung an definieren, wann ein Agent deaktiviert wird: bei Projektabschluss, bei Ausscheiden des verantwortlichen Mitarbeiters oder nach einer festgelegten Leerlaufzeit. Eine automatische Deaktivierung ist essenziell.
- Kontrolle über alle Umgebungen hinweg etablieren: Die Herausforderung besteht darin, nicht nur Agenten in einer Plattform zu verwalten, sondern alle Agenten in der Cloud- und SaaS-Landschaft des Unternehmens sichtbar zu machen – auch jene, die niemand offiziell registriert hat.
Die dritte Welle verlangt ein Umdenken
Die bisherigen Wellen der KI-Sicherheit fokussierten auf unterschiedliche Risiken. In der ersten Welle stand das Modell-Output-Risiko im Zentrum, bekämpft mit Prompt-Filtern und Output-Klassifikation. Die zweite Welle brachte aktionsbasiertes Risiko mit menschlicher Aufsicht, was Zugriffskontrollen und Freigabeprozesse in den Fokus rückte. Die dritte Welle nun nimmt den Menschen aus der Schleife, lässt aber die Zugriffsrechte bestehen.
Die nahe Zukunft zeichnet sich bereits ab: Agenten werden Sub-Agenten spawnen, um Arbeit zu parallelisieren. KI-Kollegen verschiedener Teams werden zusammenarbeiten und sich gegenseitig Aufgaben übergeben. Jeder dieser Übergänge ist nur dann kontrollierbar und revisierbar, wenn jeder beteiligte Agent über eine eigene, klar gemanagte Identität verfügt. Unternehmen, die jetzt die Weichen für eine konsequente Identity-Governance ihrer KI-Assistenten stellen, sichern sich nicht nur gegen aktuelle Risiken ab, sondern schaffen die Grundlage für die nächste Stufe der automatisierten Zusammenarbeit. Die Zeiten des Ad-hoc-Managements von KI-Zugriffen sind vorbei – gefordert ist ein systematisches Identitäts- und Berechtigungsmanagement für die gesamte Belegschaft, ob menschlich oder digital.