Agentic AI beschleunigt Vertrags- und Risikoprozesse drastisch

KI-Agenten revolutionieren die Rechts- und Finanzwelt: Vertragsprozesse werden drastisch beschleunigt und Risikoanalysen in Minuten statt Tagen durchgeführt.

Agentic AI ermöglicht eine Dunkelverarbeitungsquote von über 90 Prozent bei der Dokumentenverarbeitung von SS&C.
Highlights
  • KI-Agenten beschleunigen Vertragsprozesse in Rechtsabteilungen drastisch und reagieren schneller auf Mandantenanfragen.
  • SS&C erreicht durch KI-Agenten eine Dunkelverarbeitungsquote von über 90 Prozent bei der Dokumentenverarbeitung.
  • EY führt eine agentengesteuerte Version des Third-Party-Risk-Managements ein, die eine kontinuierliche Überwachung ermöglicht.

Die nächste Evolutionsstufe der Künstlichen Intelligenz verändert die Rechts- und Finanzwelt grundlegend: Agentic AI treibt Vertrags- und Risikoprozesse auf ein völlig neues Effizienzniveau. Während generative KI bislang vor allem Inhalte produzierte, befähigen KI-Agenten juristische Fachabteilungen und Unternehmen nun dazu, komplexe Arbeitsabläufe autonom zu steuern, historische Falldaten in Echtzeit zu analysieren und Entscheidungen in Minuten statt Tagen zu treffen.

Die neue Ära der Vertragsautomatisierung durch KI-Agenten

Der geschäftliche Vorteil der Agentic AI zeigt sich besonders deutlich in der Rechtsabteilung: Juristen beschleunigen Vertragsprozesse drastisch und reagieren wesentlich schneller auf Mandantenanfragen. Sobald ein Mandant mit einer Transaktion oder einem Workflow beauftragt wird, greift der KI-Agent direkt aus Outlook oder Word heraus auf alle relevanten Unternehmensdaten zu. Da die firmeneigenen Anwälte mit den eigenen Dokumenten arbeiten, verfügt das System über eine historische Datenbasis, die exakt abbildet, wie vergleichbare Fälle üblicherweise gelöst wurden. Das System lernt aus den Präzedenzfällen der Kanzlei und schlägt nicht nur Standardklauseln vor, sondern identifiziert Risikomuster und Verhandlungsspielräume, die sonst erst nach stundenlanger manueller Prüfung sichtbar geworden wären.

Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Finanz- und Healthcare-Anbieter SS&C ab, der monatlich Millionen Dokumente von zirka 20.000 Kunden verarbeiten muss. Das Unternehmen setzt KI-Agenten in rund 20 verschiedenen Anwendungsfällen für die Dokumentenverarbeitung ein. Während bei klassischer Automatisierung fast jedes Dokument manuell geprüft werden musste, liegt die Dunkelverarbeitungsquote durch den Einsatz dieser Agenten bei über 90 Prozent. Das bedeutet: Nur noch jedes zehnte Dokument benötigt überhaupt menschliche Aufmerksamkeit – ein Quantensprung in der Bearbeitungskapazität bei gleichzeitiger Senkung der Fehlerquote.

Automatisierte Risiko- und Reportgenerierung im Third-Party-Management

Das Beratungsunternehmen EY nutzt KI-Agenten im Third-Party-Risk-Management, um Drittanbieter systematisch zu überprüfen. Werden Unternehmen mit der Evaluierung von Dienstleistern beauftragt, die sie an Bord holen wollen, investierten Risikoanalysten bislang oft bis zu 50 Stunden pro Anbieter. Die Aufgabe bestand darin, Verträge und Dokumente zu durchforsten, um einen umfassenden Risikobericht zu erstellen – eine Arbeit, die hohe Konzentration erforderte und dennoch anfällig für Übersehenes war.

Mit der Einführung generativer KI änderte sich der Prozess zunächst dahingehend, dass menschliche Experten die von der KI generierten Berichte verfeinerten. Die Belegschaft kann die KI heute mit sämtlichen Verträgen und öffentlich zugänglichen Dokumenten füttern und erhält in wenigen Minuten statt in Tagen einen hochpräzisen, detaillierten Bericht. Die Kombination aus KI und menschlicher Expertise brachte einen enormen Qualitätsschub, da die Analysten sich nun auf die strategische Bewertung der auffälligsten Risiken konzentrieren konnten, anstatt auf die reine Datensammlung.

Mit dem Übergang zu Agentic AI verschiebt sich das Modell nun erneut: EY rollt eine agentengesteuerte Version des gesamten Prozesses aus. Damit wird eine kontinuierliche, dauerhafte Überwachung von Dienstleistern möglich – etwas, das in der Vergangenheit personell schlicht unmöglich war. Die KI-Agenten überwachen nicht nur einmalig, sondern tracken Vertragsänderungen, Compliance-Updates und Medienberichte über den Dienstleister rund um die Uhr. Bei KI-Agenten geht es folglich nicht mehr nur um reine Optimierung bestehender Abläufe. Der wahre Wert liegt in der Erweiterung des Marktes und der Erschließung völlig neuer Umsatzpotenziale: Unternehmen können nun Dienstleisterbeziehungen betreiben, die früher aufgrund des hohen Prüfaufwands schlichtweg nicht realisierbar gewesen wären.

HR und Employee-Support als Einstiegsszenarien

Risikoarme, aber hocheffiziente Einstiegsszenarien für KI-Agenten sind die Beantwortung von Mitarbeiterfragen und die autonome Erledigung interner Admin-Aufgaben. Laut einer IBM-Studie nutzen bereits 43 Prozent der Unternehmen KI-Agenten im HR-Bereich. Der Datendienstleister Indicium setzt hier maßstäblich auf diese Technologie. Der Markt bietet mittlerweile reife Standardanwendungen sowohl im Open-Source- als auch im proprietären Bereich, die den Aufbau solcher Systeme erheblich erleichtern, erklärt Daniel Avancini, Chief AI Transformation Officer bei Indicium.

Die Agenten übernehmen dort nicht nur die Beantwortung von Standardfragen zu Urlaubstagen oder Gehaltsabrechnungen, sondern führen komplexe Onboarding-Prozesse durch. Ein neuer Mitarbeiter interagiert mit einem HR-Agenten, der automatisch Zugriffsrechte einrichtet, Schulungstermine bucht und die ersten Vertragsdokumente generiert. Die Personalabteilung wird so von repetitiven Routineaufgaben entlastet und kann sich auf strategische Personalentwicklung und die Betreuung von Führungskräften konzentrieren.

Die entscheidende Frage für Entscheider lautet daher nicht mehr, ob Agentic AI Einzug halten wird, sondern in welcher Geschwindigkeit und in welchen Bereichen die Implementierung erfolgt. Die bisherigen Ergebnisse aus der Vertragsautomatisierung, der Risikoanalyse und dem Personalwesen zeigen: Unternehmen, die frühzeitig auf diese Technologie setzen, sichern sich einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. Sie arbeiten nicht nur kosteneffizienter, sondern eröffnen sich vollkommen neue Serviceangebote, die ohne die autonome Entscheidungsfähigkeit der Agenten schlichtweg nicht darstellbar wären. Die Reise von der reinen Dokumentenverarbeitung hin zur agentengesteuerten Geschäftsprozessintelligenz hat gerade erst begonnen, und sie wird die Art und Weise, wie Unternehmen Verträge verhandeln und Risiken managen, nachhaltig transformieren.

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