Apple hat eine Klage gegen OpenAI und zwei ehemalige Führungskräfte eingereicht, die dem KI-Unternehmen den systematischen Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen vorwirft. In der am Freitag bei einem Bundesgericht in den USA eingereichten Zivilklage beschreibt Apple das Hardware-Geschäft des ChatGPT-Entwicklers als „durch und durch verdorben“ und wirft dem Unternehmen eine institutionell koordinierte Strategie zur Aneignung vertraulicher Informationen vor.
Warum verklagt Apple OpenAI?
Der iPhone-Konzern wirft OpenAI vor, in großem Stil Geschäftsgeheimnisse aus dem Hardware-Bereich gestohlen zu haben. Im Zentrum der Klage stehen zwei ehemalige Apple-Mitarbeiter, die mittlerweile in Schlüsselpositionen bei OpenAI arbeiten: Chang Liu, ein früherer Senior System Electrical Engineer bei Apple, und Tang Yew Tan, ein ehemaliger Apple-Vizepräsident, der heute als Chief Hardware Officer fungiert. Apple behauptet, beide hätten wiederholt vertrauliche Dokumente und technische Daten an OpenAI weitergegeben.
Die konkreten Vorwürfe im Detail
Laut der Klage soll Chang Liu „heimlich auf Dutzende von Apples vertraulichen Hardware-Dateien zugegriffen und diese heruntergeladen haben“ – darunter umfangreiche Informationen über unveröffentlichte Produkte, technische Präsentationen, Spezifikationen und proprietäre Projektdaten. Besonders brisant: Die Anschuldigungen gegen Tang Yew Tan. Er soll Bewerber, die noch bei Apple beschäftigt waren, angewiesen haben, „tatsächliche Bauteile aus Apple“ zu ihren Vorstellungsgesprächen mitzubringen – als sogenannte „Show-and-Tell“-Sessions, bei denen das OpenAI-Team gezielt weitere vertrauliche Apple-Informationen abgeschöpft haben soll.
Apple spricht von einem systematischen Muster: Mehr als 400 ehemalige Apple-Mitarbeiter hätten inzwischen eine Anstellung bei OpenAI gefunden. Der gesamte Einstellungsprozess sei darauf ausgelegt, zusätzliche vertrauliche Informationen zu erlangen. Das Unternehmen habe OpenAI mehrfach auf die Vorfälle angesprochen, aber nie eine Antwort erhalten, heißt es in der Klageschrift.
Die Rolle von Jony Ives Hardware-Startup io Products
Die Klage nennt auch die Firma io Products als Mittäterin – das Hardware-Startup des ehemaligen Apple-Designchefs Jony Ive, das im vergangenen Jahr von OpenAI übernommen wurde. Zwar wird Ive selbst nicht namentlich erwähnt, doch Apple beschreibt die Organisation als Mittäterin eines „koordinierten Verhaltensmusters auf institutioneller Ebene innerhalb von OpenAI“. io Products sei in den Diebstahl von Geschäftsgeheimnissen verstrickt, so der Vorwurf.
Partnerschaft trotz Klage: Apple Intelligence bleibt unberührt
Bemerkenswert ist der zeitliche Kontext: Apple und OpenAI arbeiten weiterhin im Bereich Apple Intelligence zusammen – die Integration von ChatGPT in iPhones und andere Apple-Geräte ist Teil einer bestehenden Vereinbarung. In einer Fußnote der Klage stellt Apple jedoch klar, dass diese Partnerschaft „nicht Gegenstand dieses Verfahrens“ sei. Die Vorwürfe des Geheimnisdiebstahls hätten „keinerlei Verbindung“ zu dieser geschäftlichen Vereinbarung. Die Trennung ist taktisch klug: Sie erlaubt Apple, juristisch gegen das Hardware-Geschäft von OpenAI vorzugehen, ohne die strategisch wichtige KI-Partnerschaft zu gefährden.
Die Tragweite der Anschuldigungen
Apple betont in der Klageschrift, dass man vermutlich noch nicht das gesamte Ausmaß des Fehlverhaltens von OpenAI kenne. „Soviel ist jedoch klar: Auf jeder Ebene – von Mitgliedern des technischen Personals bis hin zum Chief Hardware Officer – und in Koordination mit Geschäftspartnern hat OpenAI Apples Geschäftsgeheimnisse und vertrauliche Informationen gestohlen“, heißt es dort. Das Hardware-Geschäft von OpenAI ruhe daher auf „dem wackeligsten Fundament, durch und durch verdorben durch seine illegale Abhängigkeit von widerrechtlich angeeigneten Geschäftsgeheimnissen“.
Welche Konsequenzen drohen?
Sollte Apple vor Gericht obsiegen, drohen OpenAI nicht nur erhebliche Schadensersatzforderungen, sondern möglicherweise auch ein gerichtlich angeordnetes Verbot, die mutmaßlich gestohlenen Technologien zu nutzen. Für das junge Hardware-Geschäft von OpenAI, das unter anderem an eigenen KI-Chips und Geräten arbeitet, wäre dies ein schwerer Schlag. Die Klage zeigt zudem, wie angespannt das Verhältnis zwischen den beiden Tech-Giganten trotz ihrer öffentlichen Kooperation in Wirklichkeit ist. Apple sieht offenbar dringenden Handlungsbedarf, um seine geistigen Eigentumsrechte zu schützen – insbesondere in dem Bereich, der für das Unternehmen das Herzstück seines Geschäfts darstellt: die Hardware-Entwicklung.
OpenAI hat auf die Klage bislang nicht öffentlich reagiert. Das Unternehmen ließ auch eine Anfrage von Apple zu den Vorwürfen unbeantwortet, wie die Klageschrift vermerkt. Der Fall dürfte sich zu einem der spektakulärsten Rechtsstreitigkeiten in der Tech-Branche entwickeln, denn er berührt nicht nur die Frage des Geheimnisschutzes, sondern auch die Dynamik zwischen einem der etabliertesten Hardware-Hersteller und einem der aggressivsten KI-Startups unserer Zeit.