In ihrem neuen Essay für das Magazin Equator liefert die indische Schriftstellerin und Booker-Preisträgerin Arundhati Roy eine vernichtende Analyse des KI-Kapitalismus. Im Mittelpunkt ihrer Kritik stehen die Tech-Milliardäre Nordamerikas, deren Selbstinszenierung als visionäre Regulierungslobbyisten Roy als das entlarvt, was sie ihrer Ansicht nach sind: eine Interessensgruppe, die systematisch die Lebensgrundlagen ärmerer Nationen plündert. Der Essay mit dem Fokus auf die Folgen für indische Arbeiter und die Umwelt ist ein seltener, aber umso dringlicherer Beitrag aus der Perspektive des Globalen Südens in der sonst oft von westlichen Tech-Diskursen dominierten Debatte.
Die Ökologie der Ausbeutung: Ein neues Kolonialverhältnis
Roy zeichnet ein düsteres Bild der massiven Energie- und Ressourcenhunger der generativen KI-Industrie. Sie bezieht sich dabei auf Karen Haos vielbeachtetes Buch „Empire of AI“, das die landesweite, rücksichtslose Aneignung von Land und Ressourcen dokumentiert. Besonders anschaulich wird Roys Kritik am Beispiel ihres Heimatlandes Indien, das sich zunehmend als Müllkippe für die energiehungrigen Rechenzentren des Westens positioniert. Die Regierung in Neu-Delhi hat die Ansiedlung mehrerer Megacenter erleichtert, darunter ein 15-Milliarden-US-Dollar-Projekt von Google in Visakhapatnam. Diese Anlagen werden laut Roy mit praktisch keiner Umweltprüfung genehmigt – behandelt, als wären sie bloße Lagerhäuser und nicht toxische Belastungen für die Anwohner.
Indiens fragwürdiger Deal mit der Tech-Industrie
Die Schriftstellerin verweist auf eine unheilvolle Tradition im Verhältnis zwischen Indien und den USA. „Gib uns deinen Müll, deine giftigen Industrien, deinen Giftbecher. Wir werden ihn hüten“, beschreibt Roy diese Dynamik. Konkret bedeutet dies: Aktivisten vor Ort stellen sich den geplanten „Warehouses“ entgegen, um die Vergiftung von Wasser und Luft für Zehntausende Anwohner zu verhindern. Die Ironie daran ist für Roy offensichtlich: Während die Tech-Konzerne in ihrem Heimatmarkt milliardenschwere Sicherheitslobbys unterhalten, werden die externen Kosten ihrer Infrastruktur rücksichtslos auf die ärmsten Bevölkerungsgruppen der Welt abgewälzt.
Die Doppelstrategie der Regulierungslobby
Ein Kern von Roys Argumentation zielt auf die paradoxe Rolle der Tech-Milliardäre als „Regulierungslobbyisten“. Sie fordern öffentlichkeitswirksam staatliche Rahmenbedingungen für KI, während sie parallel dafür Lobbyarbeit betreiben, dass genau diese Regeln ihren Geschäftsmodellen nicht schaden. Roy beschreibt die aggressive Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger, um etwa die Errichtung privater Atomkraftwerke zu genehmigen und Sicherheitsvorschriften aufzuweichen, nur um die gigantischen Energieappetite ihrer Firmen zu stillen. Im Hintergrund laufen billionenschwere Investitionen in Fusionsenergie, um datenintensive Rechenzentren theoretisch ins Weltall oder auf den Mond verlagern zu können – eine absurde Zukunftsvision, die von der Verwüstung der Erde ablenkt.
Die unsichtbaren Arbeiter der Datenökonomie
Darüber hinaus macht Roy die prekäre Lage jener Arbeiter sichtbar, die als „Datenfänger“ zu Hungerlöhnen in den Entwicklungsländern den KI-Datensätzen ihren Stempel aufdrücken. Diese Arbeit, die für das Funktionieren der Systeme essenziell ist, bleibt in der öffentlichen Wahrnehmung meist unsichtbar. Indem sie die Verbindung zwischen den elfigen Rechenzentren, der Ressourcenplünderung und den unterbezahlten Arbeitskräften zieht, entlarvt Roy den KI-Hype als ein System, das auf globaler Ungleichheit aufbaut. Der Essay von Arundhati Roy ist damit nicht nur eine Kritik an der Technologie selbst, sondern an einem Wirtschaftssystem, das scheinbar grenzenloses Wachstum über Menschenleben und Ökosysteme stellt – ein Appell, den Preis der Digitalisierung endlich in seiner ganzen Komplexität zu benennen.