Intel bereitet offenbar die dritte Generation des Netzteilstandards ATX12VO vor. Aus geleakten Unterlagen geht hervor, dass ATX12VO V3 nicht nur einen neuen 8-Pin-Stecker mit sich bringt, sondern auch die Standby-Spannungsschiene abschafft und erstmals die aus dem Serverumfeld bekannte PMBus-Kommunikation integriert. Die Vision, dass ein PC-Netzteil nur noch 12 Volt führen muss, bekommt damit sechs Jahre nach ihrer Einführung ein ernstzunehmendes und professionelles Fundament.
Was sich bei ATX12VO V3 ändert
Der Leaker 188 (momomo_us) hat die Präsentationsunterlagen von Intel kurz vor der Computex 2026 veröffentlicht. Demnach ruht die Spezifikation auf drei zentralen Säulen. Der Hauptstecker schrumpft von zehn auf acht Pins. Der Grund dafür ist der Wegfall der +12VSB-Standby-Leitung. Bisher versorgte diese Schiene das Mainboard auch nach dem Herunterfahren mit Strom. ATX12VO V3 streicht diese Reserve, um die Verluste im Ruhezustand weiter zu reduzieren.
Zudem führt der Standard zwei Betriebsmodi ein: einen Low-Power-Modus für geringe Last und einen High-Power-Modus für hohe Anforderungen. Das Netzteil schaltet je nach Auslastung zwischen diesen beiden Zuständen um, was sowohl die Effizienz als auch die Stabilität verbessern soll.
Die dritte Neuerung ist die Integration des PMBus (Power Management Bus). Dieses digitale Kommunikationsprotokoll erlaubt es, Spannungen, Ströme und Temperaturen eines Netzteils auszulesen und zu steuern. In ATX12VO V3 wird ein optionaler vierpoliger Stecker hinzugefügt, der in Summe maximal zwölf Pins ermöglicht und genau diese Datenübertragung realisiert. Das Netzteil wandelt sich damit von einem passiven Bauteil zu einer aktiven, intelligenten Komponente, die mit dem System kommuniziert.
29 Prozent weniger Verbrauch im Leerlauf, 12 Prozent unter Last
Die geleakten Benchmark-Vergleiche zeigen beeindruckende Zahlen. Gegenüber herkömmlichen Multi-Rail-ATX-Netzteilen soll ATX12VO V3 im Leerlauf eine um bis zu 29 Prozent höhere Effizienz erreichen. Unter Last liegt der Vorteil bei maximal 12 Prozent.
Diese Werte sind relevant, weil ein PC den Großteil seiner Betriebszeit im Idle oder bei geringer Last verbringt. Selbst wer viel zockt oder Videos rendert, hat oft längere Phasen, in denen nur der Browser geöffnet ist. Eine Verbesserung um fast ein Drittel in diesem Bereich senkt die Stromrechnung spürbar, auch wenn der Effekt im Alltag weniger offensichtlich ist als bei einer neuen Grafikkarte.
Die 12 Prozent unter Last wiederum sind ein wichtiger Schritt nach vorne. Bisher galt ATX12VO als besonders effizient im unteren Lastbereich, während es bei hoher Auslastung gegenüber guten Multi-Rail-Netzteilen kaum Vorteile bot. Sollte sich der Wert in der Praxis bestätigen, hätte Intel das Konzept deutlich weiterentwickelt.
Allerdings ist unklar, unter welchen exakten Bedingungen die Messungen stattfanden. Ob die Zahlen in der Serienproduktion erreicht werden, bleibt abzuwarten.
Warum ATX12VO im Eigenbau noch nicht angekommen ist
Seit der ersten Version von 2020 ist ATX12VO ein Paradebeispiel für eine technisch saubere, aber am Markt schwer durchsetzbare Idee. Die Vorteile – weniger Kabel, geringere Kosten für das Netzteil, höhere Effizienz – sind offensichtlich. Dennoch findet man im Handel kaum entsprechende Komponenten für Selbstbauer.
Der Haken liegt auf der Hand: ATX12VO verlagert die Spannungswandlung für 3,3 und 5 Volt auf das Mainboard. Das macht die Platinen komplexer und teurer. Selbst wenn das Netzteil günstiger wird, steigen die Kosten für das Herzstück des PCs. Für den Endkunden bleibt die Gesamtrechnung oft gleich oder wird sogar höher.
Anders sieht es bei OEM-Herstellern aus. Sie können die Mehrkosten durch Stückzahlen auffangen und profitieren gleichzeitig von niedrigeren Energiekosten in ihren Geräten sowie von leichteren Einhaltungen von Energieeffizienzrichtlinien. ATX12VO und seine Weiterentwicklungen werden daher auch künftig zuerst in Fertig-PCs und Notebooks Einzug halten. Damit der Standard im Selbstaumarkt relevant wird, müssten Mainboard-Hersteller konsequent entsprechende Modelle anbieten und die Auswahl an passenden Netzteilen deutlich steigen. Ob V3 diesen Wendepunkt bringt, hängt maßgeblich davon ab, welche Roadmap Intel auf der Computex 2026 vorlegt.
PMBus: Das Netzteil wird zum Dialogpartner
Technisch gesehen ist die Einführung von PMBus die spannendste Neuerung. Bisher agierte ein PC-Netzteil rein analog: Es liefert auf Anforderung 12 Volt, mehr nicht. Das Mainboard weiß nicht, wie viel Reserven das Netzteil hat, und das Netzteil hat keine Ahnung, was das System gerade tut. Es ist eine Einbahnstraße.
PMBus macht daraus eine bidirektionale Verbindung. Das Netzteil meldet seine Auslastung, etwa „60 Prozent Last“, und das Mainboard kann darauf reagieren, etwa indem es den Niedrigenergiemodus bestätigt. Steigt die Temperatur im Netzteil, sendet es einen Alarm, und das System kann die Lüfterkurve anpassen oder die Last reduzieren. ATX12VO V2 hatte mit I_PSU% bereits einen ersten Schritt in diese Richtung gemacht. PMBus geht deutlich weiter und erlaubt eine vollständige digitale Überwachung und Steuerung.
Für den Desktop-Bereich ist das Neuland. Langfristig könnte man aus der Software heraus den Zustand des Netzteils in Echtzeit einsehen, Lastspitzen vorhersagen und den Betriebsmodus des Netzteils dynamisch anpassen.
Ausblick: Was die Computex 2026 bringen könnte
Intel hat für den 2. Juni 2026 eine Keynote auf der Computex in Taipeh angesetzt. CEO Lip-Bu Tan wird erwartet, und die Gerüchteküche brodelt. Neben Panther-Lake-basierten Chips für Handhelds, einer Vorschau auf den 52-Kern-Prozessor Nova Lake und den 288-Kern-Xeon Clearwater Forest könnte auch ATX12VO V3 thematisiert werden.
Ob der Standard auf der Messe offiziell vorgestellt wird, ist ungewiss. Das Timing des Leaks spricht zumindest für eine Erwähnung. Allerdings hat Intel in der Vergangenheit zwischen der Spezifikation eines Standards und den ersten Produkten am Markt oft mehrere Jahre verstreichen lassen. Die offizielle Verabschiedung von V3 und die Verfügbarkeit entsprechender Netzteile und Mainboards könnten also durchaus auf unterschiedlichen Zeitachsen liegen. Sicher ist: Die Richtung stimmt. Mit PMBus, dem Wegfall der Standby-Leitung und den verbesserten Effizienzwerten setzt Intel ein Zeichen, dass das Konzept des 12-Volt-Netzteils endlich erwachsen wird.