Ist der Vertrag zwischen SpaceX und Anthropic auf drei Jahre oder auf sechs Monate ausgelegt? Diese Frage ist wenige Tage vor dem größten Börsengang der Geschichte plötzlich offen. CEO Elon Musk selbst sorgt für Verwirrung, indem er öffentlich eine Behauptung aufstellt, die den gerade erst eingereichten IPO-Unterlagen seines eigenen Unternehmens direkt widerspricht. Die Diskrepanz betrifft die Laufzeit des Leasingvertrags für die Colossus-Recheninfrastruktur – und damit ein Volumen von mehreren hundert Milliarden Dollar.
Was der S-1 Filing wirklich sagt
Am 20. Mai 2026 reichte SpaceX das für den Börsengang notwendige S-1-Dokument bei der US-Börsenaufsicht SEC ein. Der Vertrag mit dem KI-Unternehmen Anthropic wird darin an mehreren Stellen detailliert beschrieben. Auf Seite F-62 heißt es, dass Anthropic zugestimmt hat, bis Mai 2029 monatliche Zahlungen zu leisten. Auf Seite F-96 findet sich dieselbe Formulierung. Auch auf den Seiten 13 und 146 werden die Konditionen genannt: ein monatlicher Betrag von 1,25 Milliarden Dollar – umgerechnet rund 2000 Milliarden Yen – bis Mai 2029.
Die Eindeutigkeit der Angaben ist bemerkenswert. Vier separate Passagen in einem rechtsverbindlichen Dokument nennen denselben Zeitraum. Ein einfacher redaktioneller Fehler ist angesichts dieser Redundanz nahezu ausgeschlossen. Zwar enthält der Vertrag eine 90-tägige Kündigungsklausel, doch in der Branche wird eine solche Klausel üblicherweise als Ausstiegsoption innerhalb eines langfristigen Rahmenvertrags interpretiert, nicht als Hinweis auf eine kurze Laufzeit.
Elon Musks 180-Tage-These
Acht Tage nach der Einreichung des S-1, am 28. Mai, schrieb Elon Musk auf seiner Plattform X einen Beitrag, der die gesamte Vertragsdarstellung infrage stellte. Ein Nutzer hatte zuvor von einer dreijährigen Bindung gesprochen. Musk widersprach und stellte klar: SpaceX habe sich nicht verpflichtet, Colossus für mehrere Jahre zu leasen. Es handele sich um einen 180-Tage-Vertrag. Nach Ablauf dieser Frist könne jede Partei mit einer Frist von 90 Tagen kündigen. Musk fügte hinzu, dass die kurze Laufzeit der Wunsch von SpaceX gewesen sei, nicht der von Anthropic. Sollte die Rechenkapazität selbst benötigt werden, bestehe die Möglichkeit, die Ressourcen zurückzuholen.
Dieser Beitrag steht in direktem Widerspruch zu den Angaben im S-1-Filing. Während das Dokument eine feste Laufzeit von drei Jahren suggeriert, spricht der CEO von einem flexiblen Kurzzeitvertrag.
Ein Unterschied mit Folgen
Die Abweichung ist keine sprachliche Nuance. Sie hat handfeste finanzielle Konsequenzen. Geht man von einer Laufzeit von drei Jahren aus, beläuft sich das Gesamtvolumen des Vertrags auf rund 450 Milliarden Dollar (etwa 7,15 Billionen Yen). Handelt es sich tatsächlich nur um eine sechsmonatige Bindung, sinkt das maximale Volumen auf rund 75 Milliarden Dollar (etwa 1,19 Billionen Yen). Der Unterschied beträgt den Faktor sechs.
Für Anleger, die den SpaceX-IPO bewerten, ist dieser Unterschied existenziell. Die erwartete Marktkapitalisierung des Raumfahrt- und Kommunikationsunternehmens liegt zwischen 1,75 und 2 Billionen Dollar. Ein Multi-Milliarden-Dollar-Vertrag hat direkten Einfluss auf die Bewertung. Aus regulatorischer Sicht könnte die Diskrepanz zwischen CEO-Aussage und SEC-Dokument als irreführende Darstellung einer wesentlichen Tatsache gewertet werden. Entweder ist das S-1 korrekt, dann hat Musk öffentlich eine Falschaussage getroffen. Oder Musks Darstellung ist korrekt, dann enthält das S-1 eine fehlerhafte Angabe.
Warum SpaceX Colossus überhaupt vermietet
Um den Vertrag zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen. SpaceX hatte im Februar 2026 das KI-Unternehmen xAI übernommen. Der Kaufpreis: rund 1,25 Billionen Dollar, bewertet in einer Aktientransaktion. Mit der Übernahme ging auch die Recheninfrastruktur Colossus an SpaceX über. Das Problem: xAI schrieb tiefrote Zahlen. Im Gesamtjahr 2025 erzielte die KI-Sparte einen Umsatz von 3,2 Milliarden Dollar, bei einem operativen Verlust von 6,4 Milliarden Dollar. Allein im ersten Quartal 2026 betrug der operative Verlust rund 2,5 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von lediglich 818 Millionen Dollar.
Die hauseigene KI Grok hatte zudem mit Wachstumsproblemen zu kämpfen. Im März 2026 verzeichnete Grok 117 Millionen monatlich aktive Nutzer – nur etwa 20 Prozent der gesamten X-Userbasis von 550 Millionen. Die teure Colossus-Infrastruktur war schlichtweg überdimensioniert. Der Vertrag mit Anthropic bot sich als ideale Lösung an: SpaceX konnte die überschüssige Rechenkapazität gewinnbringend vermieten und so die eigene Bilanz vor dem Börsengang aufbessern.
Auf der anderen Seite stand Anthropic unter enormem Zugzwang. Die Nachfrage nach Claude Code war explodiert. Der Annual Recurring Revenue (ARR) war von 9 Milliarden Dollar Ende 2025 auf 30 Milliarden Dollar im April 2026 gestiegen. Anthropic benötigte dringend zusätzliche Rechenressourcen und war bereit, einen hohen Preis zu zahlen.
Ausblick: Die IPO-Roadshow beginnt
Am 8. Juni startet die Roadshow für den SpaceX-Börsengang. Die Investmentbanker werden diese Diskrepanz erklären müssen. Verträgt sich das Wort des CEO mit dem eingereichten Dokument? Die Anleger werden genau hinhören. Die Frage nach der tatsächlichen Vertragsdauer ist nicht nur eine rechtliche Spitzfindigkeit – sie ist ein Test für die Glaubwürdigkeit des Managements und die Qualität der IPO-Unterlagen. Die kommenden Tage werden zeigen, ob der Markt diese Uneindeutigkeit akzeptiert oder ob sie den größten Börsengang der Geschichte überschattet.