Seit Monaten überschlagen sich die Negativschlagzeilen um Microsofts Xbox-Sparte: Entlassungen, Projektstreichungen, interne Memos und enttäuschende Finanzzahlen zeichnen das Bild einer Sparte, die sich in einer tiefen Krise befindet. Die aktuellsten Quartalszahlen – ein zehnprozentiger Rückgang bei Xbox-Inhalten und -Diensten sowie ein Einbruch der Hardwareverkäufe um 29 Prozent – scheinen das Narrativ vom unaufhaltsamen Niedergang zu bestätigen. Doch die Frage, die sich viele stellen, ist, ob Microsoft die Gaming-Sparte tatsächlich abstößt oder ob die Gerüchte über einen bevorstehenden Verkauf von Xbox auf einem Missverständnis beruhen.
Die Finanzzahlen: Schlecht, aber erwartet
Der Rückgang des Xbox-Geschäfts um zehn Prozent im abgelaufenen Quartal sowie der 29-prozentige Hardware-Rückgang sind zweifellos enttäuschend. Allerdings sind diese Zahlen keine Überraschung, sondern liegen exakt im Rahmen der eigenen Prognosen von Microsoft. Die Sparte hat ihre Erwartungen nicht verfehlt – sie hat lediglich sehr niedrig angesetzte Ziele erreicht. Microsoft-CEO Satya Nadella und Xbox-Chefin Asha Sharma betonten in der Telefonkonferenz beziehungsweise in einem internen Memo, dass die Sparte ab dem nächsten Geschäftsjahr wieder wachsen werde. Das ist kein Durchbruch, aber auch kein Beleg für eine noch tiefere Krise.
Xbox im Konzerngefüge: Ein kleiner Player mit geringer Hebelwirkung
Um die Verkaufsgerüchte einzuordnen, muss man die Rolle von Xbox innerhalb des Microsoft-Konzerns verstehen. Die Gaming-Sparte ist Teil des Bereichs „More Personal Computing“, zu dem auch Windows, Surface und Bing gehören. Ein zehnprozentiger Rückgang von Xbox führte zu einem Rückgang des gesamten Segments um vier Prozent. Auf den Gesamtkonzern bezogen sind das jedoch kaum mehr als eine Rundungsdifferenz: Microsofts Umsatz stieg im selben Quartal um 18 Prozent, der Nettogewinn sogar um 31 Prozent. Ein brutales Quartal für Xbox hatte kaum Auswirkungen auf das Gesamtergebnis. Selbst die Kosten für die Abfindungen tausender entlassener Mitarbeiter wären durch einen einzigen besseren Tag im Cloud-Geschäft ausgeglichen worden. Auch das Windows-Geschäft verzeichnete mit minus sieben Prozent einen starken Einbruch – auch das war im Konzernkontext vernachlässigbar.
Diese finanzielle Unbedeutendheit ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits wird sich das Top-Management nicht über Xbox-Zahlen den Schlaf rauben lassen. Andererseits ist eine Sparte, die nicht wesentlich zum Wachstum beiträgt, ein leichtes Opfer für Effizienzprogramme und Kostenkürzungen. Dennoch: Die Idee, Xbox sei ein finanzieller Klotz am Bein des Konzerns, ist falsch.
Warum ein Verkauf unwahrscheinlich ist
Die Spekulationen, dass Microsoft die Sparte verkaufen wolle, halten sich hartnäckig. Wer genau hinschaut, erkennt jedoch mehrere gewichtige Hürden. Erstens: Ein Verkauf von Xbox wäre ein strategischer Rückzug von enormer Tragweite. Microsoft hat in den letzten Jahren Übernahmen im Wert von mehr als 70 Milliarden US-Dollar getätigt – darunter Activision Blizzard und Zenimax. Ein Verkauf würde bedeuten, dass der Konzern diese Investitionen mit einem Abschlag von mehreren zehn Milliarden Dollar abstoßen müsste. Das wäre nicht nur eine Demütigung, sondern würde auch die Quartalsumsätze um einige Prozentpunkte schrumpfen lassen – ein Signal, das kein wachstumsorientiertes Unternehmen senden möchte.
Zweitens: Ein Verkauf braucht zwei Parteien. Selbst wenn Microsoft verkaufen wollte, stellt sich die Frage nach dem Käufer. Ein vollständiger Verkauf der gesamten Sparte – inklusive aller Studios, Publisher und Infrastruktur – wäre der einzig realistische Weg, um keine unverkäuflichen Reste zu hinterlassen. Der Preis läge im Bereich von 40 bis 50 Milliarden US-Dollar. Potenzielle Käufer sind rar gesät. Andere Gaming-Unternehmen haben weder das Geld noch die Neigung für einen solchen Deal, und die Kartellbehörden würden ohnehin eingreifen. Große Tech-Konzerne wie Amazon und Google haben ihre Gaming-Ambitionen zurückgefahren. Tencent, einst ein heißer Kandidat, reduziert derzeit seine Gaming-Investitionen. Selbst die Übernahme von Warner Bros. Discovery durch die Familie Ellison oder der kürzliche 55-Milliarden-Dollar-Deal zur Privatisierung von Electronic Arts zeigen, dass zwar große Deals möglich sind, die Kandidaten für Xbox aber äußerst begrenzt sind.
Wer könnte Xbox kaufen?
Eine verbleibende Möglichkeit wäre ein politisch motivierter Käufer, der kulturellen Einfluss sucht – etwa die Familie Ellison. Doch diese ist bereits mit der Übernahme von Warner Bros. Discovery beschäftigt, die rechtlich und finanziell herausfordernd ist. Oracle, das die Finanzierung der Familie sichert, steht unter Druck. Ein weiterer Großdeal ist in absehbarer Zeit unwahrscheinlich. Die Kombination aus fehlender Verkaufsmotivation auf Microsofts Seite und fehlendem Käuferinteresse macht einen Verkauf von Xbox in naher Zukunft höchst unwahrscheinlich.
Reform oder Verkaufsvorbereitung? Ein Missverständnis
Ein Teil der Verwirrung rührt daher, dass die Maßnahmen, die Xbox-Chefin Asha Sharma ergreift, um die Sparte zu reformieren und die Kosten zu senken, sich kaum von den Schritten unterscheiden, die sie unternehmen würde, um Xbox für einen Verkauf vorzubereiten. In einem so großen und politisch zerrissenen Konzern wie Microsoft ist die Aufgabe, die Sparte intern zu „verkaufen“ – also das Management von ihrer Ernsthaftigkeit zu überzeugen – der externen Vermarktung sehr ähnlich. Das erklärt, warum Außenstehende fälschlicherweise auf einen baldigen Verkauf schließen.
Die Zukunft von Xbox ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die eines Bestandteils von Microsoft. Die Sparte mag kränkeln, aber sie generiert weiterhin Milliardenumsätze pro Quartal, und ein Ausstieg wäre ein strategischer und finanzieller Kraftakt, der kaum zu rechtfertigen ist. Sollte Microsoft tatsächlich eines Tages den Verkauf ankündigen, wäre das eine Überraschung – aber die Wahrscheinlichkeit spricht deutlich dagegen. Für die absehbare Zukunft bleibt Xbox Teil des Konzerns, ob zum Besseren oder Schlechteren, wird sich in den kommenden Quartalen zeigen.