Cyberangriffe verursachen Milliarden-Schäden in deutschen Unternehmen

Die Bitkom-Studie zeigt: Cyberangriffe kosten deutsche Unternehmen weiterhin Milliarden – KI verstärkt die Bedrohung, und die Abhängigkeit von US-Anbietern bleibt ein Problem.

Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst warnt vor anhaltend hohen Schäden durch Cyberangriffe auf die deutsche Wirtschaft.
Highlights
  • Der messbare Schaden durch Cyberangriffe liegt 2026 zwischen 211 und 270,8 Milliarden Euro.
  • 37 Prozent der Unternehmen vermuten staatliche Akteure hinter den Angriffen, vor allem aus China und Russland.
  • 20 Prozent der befragten Unternehmen haben bereits Lösegeld gezahlt, meist zwischen 10.000 und 500.000 Euro.

Der digitale Angriff auf die deutsche Wirtschaft bleibt auch im Jahr 2026 eine Belastung in Milliardenhöhe. Wie der Bitkom als größter deutscher Digitalverband auf Basis einer repräsentativen Umfrage mitteilt, beziffern die Unternehmen den konkret messbaren Schaden durch Cyberangriffe auf 211 bis 270,8 Milliarden Euro. Zwar sei der Wert im Vergleich zum Rekordhoch des Vorjahres gesunken, er liegt jedoch weiterhin im unteren dreistelligen Milliardenbereich und bewegt sich auf dem Niveau von 2021.

Bitkom-Studie: Milliarden-Schäden durch Cyberangriffe auf deutsche Unternehmen

Der Rückgang des quantifizierten Schadens ist vor allem auf eine Halbierung der Produktionsausfälle zurückzuführen. Beliefen sich die Kosten hierfür im Vorjahr noch auf 73,3 Milliarden Euro, gaben die Befragten für 2026 nur noch 36,5 Milliarden Euro an. Trotz dieses Rückgangs bleibt die Gesamtbelastung enorm. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst erläuterte, dass die Summen unmittelbare Kosten wie Produktionsausfälle und Lösegeldzahlungen für gestohlene Daten umfassen, aber auch Aufwendungen für Rechtsstreitigkeiten, Datenschutzmaßnahmen und die Bewältigung von Imageschäden.

Staatliche Akteure rücken in den Fokus

Ein bemerkenswerter Trend der Umfrage ist die Wahrnehmung der Bedrohungslage durch die Unternehmen selbst. So glauben 37 Prozent der Betriebe, Angriffe staatlichen Akteuren zuordnen zu können. Die Studie differenziert hier nicht nach konkreten Herkunftsländern, zeigt aber die Vermutungen der Unternehmen auf: 52 Prozent derjenigen, die eine Zuordnung treffen konnten, nannten chinesische Akteure, 49 Prozent verwiesen auf russische Angreifer und 9 Prozent auf den Iran. Interessant ist, dass 27 Prozent der Befragten die USA als Ursprungsland vermuten. Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV), bestätigte diese Bedrohungslage. Deutschland sei mit einer hohen Gefährdung auch im Cyberraum konfrontiert. Es handele sich nicht um isolierte Aktionen, sondern um systemische Kampagnen, die online wie offline einer klaren Agenda folgten. „Extreme Sorge“ bereite ihm die Zunahme staatlicher Akteure.

Künstliche Intelligenz als Booster für die Bedrohungslage

Die Rolle der Künstlichen Intelligenz bewertet der Verfassungsschutzpräsident als besonders kritisch. KI sei „geradezu ein Booster für die Bedrohungslage“. Deepfakes und Robocalls seien klar erkennbare Trends, und die Geschwindigkeit, mit der Schwachstellen ausgenutzt werden, steige durch KI-Modelle massiv an. Selen berichtete von einem konkreten Vorfall, bei dem eine gesamte Angriffskampagne aus China vollständig KI-generiert gewesen sei. Man stehe hier erst am Anfang einer Entwicklung. Seine zentrale Forderung an die Unternehmen ist daher eine deutliche Steigerung der Investitionen in die Härtung der Systeme. Bereits ein konsequentes Patchmanagement und die Sicherstellung der Integrität bestehender Systeme würden einen großen Fortschritt bedeuten. Die einfache Setzung auf Open Source sei keine universelle Lösung, da auch hier erhebliche Angriffsvektoren existieren. Notwendig sei ein Multi-Layer-Ansatz, also eine mehrschichtige Verteidigungsstrategie.

Neue Befugnisse und die Diskussion um Zero-Day-Lücken

Vor dem Hintergrund der geplanten Reform des Nachrichtendienstrechts, die dem BfV und dem BND mehr Befugnisse einräumen soll, verteidigte Selen die Notwendigkeit erweiterter Eingriffsmöglichkeiten. Es gehe nicht um eine pauschale Überwachung, sondern darum, erkannte Vorbereitungshandlungen für Sabotageakte aktiv unterbrechen zu können. „Eigentlich ist es relativ profan, eine Angreiferinfrastruktur schlicht und einfach zu löschen oder zu hemmen“, so Selen. Er wies zudem Vorwürfe zurück, dass Sicherheitslücken in Zukunft dem BSI vorenthalten und strategisch ausgenutzt werden könnten. Eine solche systematische Ausnutzung von Schwachstellen sei nicht die operative Herangehensweise. Der Auftrag sei klar: der Schutz der Wirtschaft und der Gesellschaft. Es sei kontraproduktiv, die „Terrassentür bewusst offen zu lassen“, während die „Hauseingangstür gesichert“ werde.

Ransomware-Zahlungen und die Abhängigkeit von US-Anbietern

Die klassische Erpressungssoftware bleibt die dominierende Angriffsform. Die Zahl der Unternehmen, die sich erpressen ließen und Lösegeld zahlten, ist gestiegen: 20 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal gezahlt zu haben, die meisten zwischen 10.000 und 500.000 Euro. Im Vorjahr lag dieser Anteil noch bei 15 Prozent. Ein weiteres strukturelles Problem beleuchtet die Abhängigkeit von nichtdeutschen Anbietern. 59 Prozent der Unternehmen berichten von einer Abhängigkeit von Sicherheitslösungen aus den USA. Obwohl sich 70 Prozent für deutsche oder europäische Alternativen aussprechen, fehlt es oft an der Wettbewerbsfähigkeit. Bitkom-Präsident Wintergerst betonte, dass Unternehmen selbst dort, wo es eine deutsche Alternative gebe, diese aufgrund höherer Kosten oder geringerer Qualität nicht wählen würden. Der Cloudmarkt bleibe fest in der Hand der US-Hyperscaler. Selen plädiert in diesem Kontext für ein „bisschen mehr Zero-Trust“ und eine herkunftsland-agnostische Risikobetrachtung. Die Frage sei nicht nur, aus welchem Land die Software stammt, sondern ob der „Stecker gezogen werden kann“ oder der Support eingestellt wird. Die Resilienz von Software müsse zum zentralen Markenkern werden. Die Abwehr dieser vielfältigen Bedrohungen erfordert ein Umdenken auf allen Ebenen – von der Politik über die Sicherheitsbehörden bis hin zur Strategie jedes einzelnen Unternehmens. Der Druck, die digitale Souveränität zu erhöhen und gleichzeitig die Abwehrsysteme gegen KI-gestützte Angriffe zu wappnen, wird in den kommenden Jahren weiter steigen.

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