Deutschland ist nach Einschätzung eines Experten unzureichend vor Drohnenangriffen geschützt. Es fehle insbesondere an einem System, das den Flugverkehr von Drohnen und anderen Flugobjekten am Himmel gemeinsam sichtbar macht, sagt der Geschäftsführer des Unternehmens Droniq in Frankfurt am Main, Jan-Eric Putze. Die aktuellen Ereignisse in Leipzig zeigten, wie wichtig Transparenz und ein belastbares Lagebild geworden seien. “Nur wer die Situation kennt, kann fundierte Entscheidungen treffen.”
Vier Stufen zur Überwachung
Technisch sei es kein Problem, auch größere Räume zu überwachen, sagt der Chef des Gemeinschaftsunternehmens von Deutscher Telekom und Deutscher Flugsicherung. Erstes und günstigstes Mittel sei das Scannen von Funkfrequenzen, mit denen Drohnen ferngesteuert werden. Hiermit erfasse man bereits einen Großteil des Drohnenverkehrs.
Die Frequenz-Sensoren könnten mit Mikrofonen und Kameras ergänzt werden, die KI-gestützt in die Lage versetzt würden, eigenständig Drohnen zu entdecken. Je nach Gefährdungspotenzial der zu schützenden Objekte sei in einem weiteren Schritt der Einsatz von Passivradar denkbar. Diese Technologie nutzt vorhandene Sendesignale, etwa von Rundfunktürmen oder Mobilfunkmasten, um Objekte zu orten, ohne selbst aktiv zu senden. Sie ist schwer zu detektieren und ergänzt die ersten Stufen ideal.
Die Lücke im Lagebild
Das zentrale Problem ist jedoch nicht die reine Detektion, sondern die Vernetzung der Informationen. Derzeit operieren Behörden wie Polizei, Bundespolizei, Zoll oder die Bundeswehr häufig mit voneinander getrennten Systemen. Es entstehen Insellösungen. Ein bundesweites Gesamtlagebild, das zivilen und militärischen Drohnenflugverkehr integriert, existiert nicht.
Droniq hat mit der Plattform „Droniq Traffic“ ein System entwickelt, das genau diese Lücke schließen soll. Es zeigt den gesamten Luftraum in Echtzeit – bemannte Luftfahrt, Drohnenflüge und, bei entsprechender Zuspielung, auch polizeilich relevante Objekte. Das System basiert auf der Technologie des europäischen Drohnen-Management-Systems U‑Space, das schrittweise in der EU eingeführt wird. Die Frage ist, warum eine solche Lösung nicht längst verbindlich für alle Sicherheitsbehörden vorgeschrieben ist.
Warum ist ein integriertes System notwendig?
Ohne eine zentrale Sichtbarkeit bleibt die Reaktion auf Drohnenvorfälle reaktiv. Ein Beispiel: Sichtet eine Polizeistreife eine Drohne über einem Bahnhof, dauert es Minuten, bis geklärt ist, ob es sich um einen privaten Hobbyflug, eine genehmigte polizeiliche Maßnahme oder einen Angriff handelt. In dieser Zeit können kritische Infrastrukturen ungeschützt sein. Ein integriertes System würde sofort anzeigen, ob der Flug angemeldet und autorisiert ist.
Die fehlende Vernetzung hat auch juristische Implikationen. Für Gegenmaßnahmen wie das Stören von Funkfrequenzen oder das Abschießen der Drohne brauchen Einsatzkräfte eine klare Rechtsgrundlage. Ohne eindeutige Identifikation des Objekts – und des Verantwortlichen – ist ein Eingriff oft rechtlich angreifbar.
Drohnenabwehr zwischen Technik und Recht
Die technischen Mittel zur Drohnenabwehr sind vielfältig. Neben den genannten Detektionsmethoden gibt es Störsender, die Funkverbindungen kappen, sowie Abwehrdrohnen, andere Drohnen mit einem Netz einfangen. Auch Laserwaffen und gezielte Impulse zur Deaktivierung der Elektronik werden erprobt. Die Bundeswehr testet etwa das System „HP‑47“, das Drohnen mit Mikrowellenpulsen außer Gefecht setzt.
Doch die breite Anwendung scheitert oft an regulatorischen Hürden. Das Stören von Funkfrequenzen greift in den Telekommunikationssektor ein, das Abschießen einer Drohne birgt ein erhebliches Risiko für die öffentliche Sicherheit und ist in vielen Fällen strafbar. Erst im November 2023 hat der Bundestag das Luftsicherheitsgesetz novelliert und den Sicherheitsbehörden erweiterte Befugnisse zur Drohnenabwehr gegeben, unter anderem den Einsatz von Störsendern und Waffen in bestimmten Gefahrenlagen. Die Umsetzung in den Ländern und die konkrete Ausstattung der Polizei mit diesen Mitteln ist jedoch sehr uneinheitlich.
Welche Rolle spielt die Wirtschaft?
Die Verantwortung liegt nicht allein beim Staat. Betreiber kritischer Infrastrukturen – Flughäfen, Kraftwerke, Raffinerien, Bahnstrecken, Justizvollzugsanstalten – sind zunehmend selbst gefordert. Sie müssen eigene Konzepte zur Detektion und Abwehr von Drohnen entwickeln. Die Kosten dafür sind beträchtlich. Ein professionelles System mit mehreren Sensoren, KI‑Analyse und zentraler Steuerung kann schnell mehrere hunderttausend Euro kosten. Viele Betreiber sind mit der Komplexität überfordert.
Hier entsteht ein Markt für spezialisierte Dienstleister. Droniq selbst bietet nicht nur die Plattform, sondern auch Beratung, Sensoraufbau und Integration. Das Unternehmen verzeichnet eine steigende Nachfrage, besonders nach den Vorfällen in Leipzig, wo Drohnen gezielt für Straftaten genutzt wurden. Die wirtschaftliche Relevanz des Themas wächst, was auch Investitionen in Innovationen anzieht. Start‑ups entwickeln inzwischen preiswertere Sensorlösungen auf Basis von Mikrofon‑Arrays oder kostengünstigen Passivradaren für kleine und mittlere Unternehmen.
Der Weg nach vorne: Vernetzung als Schlüssel
Deutschland muss sich der Realität stellen: Drohnen sind längst alltägliche und günstige Werkzeuge, die für Überwachung, Schmuggel, Spionage und direkte Angriffe genutzt werden. Die Infrastruktur ist anfällig, die Abwehr löchrig. Eine rein technologische Aufrüstung reicht nicht. Es bedarf einer Verbundstrategie, die Behörden, Betreiber, Hersteller und die Deutsche Flugsicherung an einen Tisch bringt.
Die von der Deutschen Telekom und der Deutschen Flugsicherung entwickelte Technologie zeigt, dass die Werkzeuge vorhanden sind. Was fehlt, ist der politische Wille zur verbindlichen Einführung eines nationalen Drohnen‑Luftraumschutzsystems. Die Ereignisse der letzten Monate sind mehr als eine Warnung – sie sind ein Weckruf. Die nächste Bundesregierung und die Landesinnenministerien sind gefordert, die Digitale Souveränität im Luftraum endlich ernst zu nehmen. Nur durch vollständige Transparenz und Vernetzung aller relevanten Akteure wird aus einem löchrigen Schutz ein belastbares Sicherheitsnetz.