Nach dem enttäuschenden Start von Concord steht der nächste große PlayStation-Live-Service-Titel auf dem Prüfstand: Fairgames. Doch ein aktueller, interner Playtest hat alles andere als Begeisterung ausgelöst. Laut eines Berichts von Insider Gaming wurden massive Kritikpunkte geäußert, die die komplette Spielerbindung infrage stellen, und das trotz einer Überarbeitung hin zu einem vielversprechenden Genre – dem Extraktions-Shooter.
Von Heist zu Extraction: Fairgames‘ riskanter Pivot
Ursprünglich als moderner Heist-Shooter angekündigt, vollzieht Fairgames nun eine signifikante Wendung. Das Spiel hat seinen Schwerpunkt auf den Extraktions-Shooter verschoben, ein Genre, das mit Spielen wie Escape from Tarkov oder dem kommenden Marathon enorm an Popularität gewonnen hat. Bei diesem Konzept geht es darum, in eine gefährliche Zone einzudringen, Beute zu sammeln und lebendig mit ihr zu entkommen, wobei der permanente Verlust der Ausrüstung stets ein Risiko darstellt.
Der jüngste private Playtest sollte diesen neuen Kurs validieren. Stattdessen offenbarte er tiefgreifende Probleme. Die Spielmechanik wird als Mischung aus The Division und Call of Duty beschrieben, was auf ein grundsätzlich actionlastiges, aber möglicherweise oberflächliches Spielerlebnis hindeutet. Zudem soll das Spiel visuell bodenständiger und weniger stilisiert sein als im ersten Trailer gezeigt. Dieser Genre-Pivot war ein notwendiger, aber riskanter Schritt für PlayStation, um nach dem Scheitern von Concord im Live-Service-Segment wieder Fuß zu fassen – eine Strategie, die bislang nicht aufzugehen scheint.
Das grobe Kritik-Beben: Von der Bewegung bis zum Klassensystem
Die Resonanz in den Playtest-Discord-Kanälen war laut Insider Gaming überwiegend negativ. Die größten Kritikpunkte der Tester zielen auf fundamentale Spielmechaniken. Die Bewegung (Movement) fühle sich unpräzise und klobig an, ein Todesurteil für einen Shooter, der von schnellen, reaktiven Entscheidungen lebt. Das eingeführte Klassensystem (Class System) wirkte auf viele unausgegoren und bot nicht den strategischen Tiefgang oder die klare Rollenverteilung, die Spieler von einem teambasierten Extraktions-Shooter erwarten.
Noch verheerender ist das Problem der Spielerbindung. Viele Teilnehmer bestätigten, dass sie bereits nach wenigen Runden das Interesse verloren und das Spiel komplett beendeten – ein alarmierendes Zeichen für ein Projekt, das auf langfristiges Engagement ausgelegt ist. Darüber hinaus behinderten frühzeitig aussteigende Teammitglieder (Leavers) das Spielerlebnis, was auf mangelnde Motivation oder Frustration unter den Testern schließen lässt. Diese Kombination aus mechanischen Schwächen und fehlendem „Hook“ deutet auf ein grundlegendes Konzeptproblem hin, das nicht mit ein paar Balance-Updates zu beheben ist.
Marathon als Geister an der Wand: Die PS-Extraction-Shooter-Falle
Die Situation von Fairgames steht nicht isoliert da. Mit Marathon von Bungie hat Sony bereits einen höchst ambitionierten Extraktions-Shooter in der Pipeline, der jedoch ebenfalls mit Herausforderungen kämpft und Teile seiner ursprünglichen Spielerbasis verloren hat. Die negative Reaktion auf den Fairgames-Playtest setzt daher ein gefährliches Präzedens. Sie suggeriert, dass auch ein großer Publisher wie PlayStation Schwierigkeiten hat, die spezifische, oft harte und taktische DNA des Extraktions-Genres erfolgreich umzusetzen und dabei eine breite Masse anzusprechen.
Interessanterweise verfolgt die Branche diesen Trend trotz der Risiken weiter. Selbst etablierte IPs wie Halo sollen laut Berichten an einem Extraktions-Shooter-Erlebnis arbeiten. Das Genre wird als der nächste große Trend gehandelt, was den Druck auf Fairgames nur noch erhöht. In einem zukünftig überfüllten Markt wird es nicht genügen, nur dabei zu sein – das Spiel muss herausragen. Der aktuelle Stand deutet darauf hin, dass Fairgames noch weit von diesem Ziel entfernt ist und mit internen Neukonzeptionen und Playtests wertvolle Zeit verliert, während die Konkurrenz voranschreitet.
Das große Dilemma: Was bedeutet der Shitstorm für die Zukunft?
Der misslungene Playtest stellt die Entwickler von Haven Studios und PlayStation vor ein monumentales Dilemma. Einerseits sind frühe, interne Tests genau für solche harte Kritik da, um Probleme vor der öffentlichen Beta oder dem Launch zu identifizieren. Andererseits sind die aufgedeckten Mängel so grundlegend, dass sie eine umfassende Überarbeitung der Kernmechaniken erfordern könnten – ein zeit- und kostenintensiver Prozess, der den geplanten Veröffentlichungszeitraum gefährdet.
Die Frage ist, ob Sony angesichts der gemischten Ergebnisse bei Marathon und dem komplett gescheiterten Concord noch die Geduld und das Budget für einen langwierigen Rettungsversuch aufbringen wird. Das Spiel hat derzeit keinen erkennbaren Alleinstellungsmerkmal oder Gameplay-Hook, der es von der Konkurrenz abhebt. Die Situation erinnert an andere Live-Service-Debakel, bei denen ein Pivot zu spät kam. Die Entwickler stehen jetzt vor der schwierigen Entscheidung, ob sie ihr aktuelles Fundament komplett neu aufbauen, das Projekt noch einmal deutlich verzögern oder ob sie es in seiner jetzigen Form in einen hoffnungslos übersättigten Markt werfen. Die Uhr tickt laut, und das Vertrauen der Community schwindet bereits, bevor überhaupt ein öffentlicher Trailer zum neuen Konzept veröffentlicht wurde.