Was als augenzwinkernder Kommentar zur Ankündigung von Sony gedacht war, das Ende der physischen Disc-Produktion für PlayStation einzuläuten, endete für GitHub in einem Debakel. Die Idee, öffentliche Repositories auf CD-ROM zu brennen und an 1000 Entwickler zu versenden, entpuppte sich als Bumerang. Statt Solidarität mit den Fans physischer Medien zu zeigen, traf der Shitstorm das Unternehmen mit voller Wucht – und vier Tage später war das Anmeldeformular verschwunden. Die CD-ROM-Kampagne von GitHub wurde nach heftigem Spott zurückgezogen.
Die Aktion: Ein PR-Stunt mit böser Pointe
Am 2. Juli 2026 verkündete GitHub auf X: Man habe die Community gehört und wolle ein Zeichen setzen. Als Reaktion auf Sonys Ankündigung, ab Januar 2028 keine neuen PlayStation-Spiele mehr auf Disc auszuliefern, bot GitHub an, öffentliche Repos auf CD-ROM zu brennen und den ersten 1000 Interessenten kostenlos zuzusenden. Das Anmeldeformular, realisiert über Microsoft Forms, verlangte GitHub-Nutzername, URL des gewünschten Repos, vollständigen Namen, Adresse und Telefonnummer. Die Aktion sollte bis zum 6. Juli laufen.
Doch genau an diesem Tag, am frühen Nachmittag US-Ostküstenzeit, war das Formular plötzlich offline. Der ursprüngliche Post auf X blieb jedoch stehen. GitHub selbst äußerte sich nicht zu den Gründen. Die Stille sprach Bände.
Warum die Kampagne scheiterte: Spott und Häme von allen Seiten
Der Post selbst war ein Erfolg im klassischen Sinne: 5,67 Millionen Aufrufe, 35.000 Likes und über 4900 Reposts. Doch die 1315 Replies unter dem Post waren eine einzige Abrechnung. Was dort geschah, war keine Unterstützung für Sonys kritisierte Entscheidung, sondern eine schonungslose Abrechnung mit den hausgemachten Problemen der Plattform.
GitHub hatte im vergangenen Jahr 257 Incidents zu verzeichnen. Für Entwickler, die regelmäßig unter Ausfällen, Ladezeiten und der berüchtigten Fehlerseite leiden, war die Ankündigung purer Hohn. Ein häufig wiederholter Vorwurf: Weil die Seite nicht zuverlässig funktioniere, müsse man die Daten nun auf CD verschicken. Der Epic-Entwickler Ryan Fleury brachte es auf den Punkt: Wer physische Medien wirklich wolle, solle erst einmal die ständigen Ladezeiten und Fehlermeldungen auf der Plattform in den Griff bekommen.
Hinzu kam das offensichtliche technische Problem: Eine CD-ROM fasst maximal 700 Megabyte. Viele große Open-Source-Projekte, wie der Chromium-Browser mit über 66 Gigabyte, passen nicht im Ansatz auf einen silbernen Datenträger. Der Entwickler Dmitriy Kovalenko bestellte prompt sein Chromium-Mirror-Repo und fragte öffentlich, wie GitHub 66 Gigabyte auf eine CD pressen wolle.
Der Widerspruch im eigenen Haus: Von Disketten zu CDs
Die Ironie der Aktion ging noch tiefer. Microsoft, der Mutterkonzern von GitHub, lieferte einst Windows 95 auf sage und schreibe 13 Disketten aus. Dass ausgerechnet ein Unternehmen, das auf diesem Erbe sitzt, nun das Ende der physischen Distribution beklagt und mit einer CD-ROM-Aktion dagegenhalten will, wirkte auf viele nicht wie eine ernsthafte Geste, sondern wie ein schlecht durchdachter Scherz.
Selbst die Haltbarkeit des Mediums wurde kritisiert. CD-Rs haben eine Lebensdauer von 10 bis 30 Jahren. GitHub hingegen verspricht in seinen Service Level Agreements eine Verfügbarkeit von 99,9 Prozent – ein Wert, den die Plattform im vergangenen Jahr deutlich verfehlte. Der bittere Unterton: Eine CD-R ist unter Umständen zuverlässiger als der Cloud-Dienst selbst.
Das seriöse Gegenstück: Der Arctic Code Vault
Dabei hat GitHub durchaus ein prestigeträchtiges Projekt für die Langzeitarchivierung vorzuweisen. Der Arctic Code Vault aus dem Jahr 2020 ist ein ernstzunehmendes Unterfangen: 21 Terabyte an Open-Source-Code wurden auf 186 Rollen eines speziellen Films gebannt, der für eine Haltbarkeit von 1000 Jahren ausgelegt ist. Das Archiv lagert in einem stillgelegten Kohlebergwerk auf Spitzbergen.
Der Kontrast zur CD-ROM-Aktion könnte größer nicht sein: Hier ein durchdachtes, auf Jahrhunderte ausgelegtes Archiv mit milliardenfacher Redundanz – dort eine Aktion mit 700-Megabyte-CDs, deren Lebensdauer im besten Fall drei Jahrzehnte beträgt. Die unterschiedliche Ernsthaftigkeit der beiden Projekte spricht Bände über das Dilemma, in dem GitHub steckt.
Was bleibt: Ein Eigentor mit Ansage
Die CD-ROM-Kampagne von GitHub war ein PR-Stunt, der nach hinten losging. Statt sich auf die Seite derer zu stellen, die um physische Medien trauern, machte die Aktion vor allem die eigenen Schwächen sichtbar. Ausfälle, mangelnde Performance und das schlechte Standing bei der Entwickler-Community wurden nicht übertüncht, sondern schonungslos offengelegt.
Während andere Unternehmen mit augenzwinkernden Aktionen wie „Digital Pizza“ von KFC oder „Digital Pizza“ von Domino’s UK punkten, scheiterte GitHub an sich selbst. Die Lehre: Wer über physische Medien spricht, sollte zuerst sicherstellen, dass die digitalen Grundlagen stimmen. Andernfalls wird aus einem sympathischen Gag schnell ein ungewolltes Eigenbildnis – im wahrsten Sinne des Wortes.