Nach Jahren des Schweigens, unzähligen Spekulationen und einer Flut von Leaks hat Rockstar endlich die Schleusen geöffnet und deutlich mehr Details zu GTA 6 preisgegeben. Der auf Netflix und YouTube gezeigte „Extended Look“ bot 26 Minuten Gameplay, doch die Enthüllungen endeten damit nicht. Fachpresse und Kreative, die Rockstar North besuchen durften, erhielten eine noch umfassendere Vorschau und veröffentlichten ihre ersten Eindrücke. Nun liegt eine Lawine an Informationen vor, die eine zentrale Frage beantwortet: Lohnt sich die Investition von umgerechnet rund 550 R$ in das Spiel? Während viele von den gezeigten Szenen begeistert sind, sorgen einige Eindrücke auch für geteilte Meinungen.
Die Kampagne: 80 Stunden und eine neue Erzählstruktur
Eine der folgenreichsten Enthüllungen stammt von Rob Nelson, Co-Direktor bei Rockstar North. Laut seinen Angaben benötigte ein Durchlauf von GTA 6 etwa 80 Stunden. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder Spieler diese Zeit für den Abschluss der Geschichte braucht, gibt aber eine klare Vorstellung vom Umfang des geplanten Inhalts in Leonida. Die Kampagne ist in Kapitel unterteilt, was an Red Dead Redemption 2 erinnert. Der entscheidende Unterschied: Rockstar möchte das Gefühl vermeiden, einfach nur Mission an Mission zu reihen. Die Erkundung der Welt, die Teilnahme an Aktivitäten und das Eintauchen in unerwartete Situationen sollen fester Bestandteil der narrativen Erfahrung sein. Ähnlich wie man in Red Dead 2 einen Trapper aus einer Bärenfalle befreit, könnte man in GTA 6 einen Streamer im Kofferraum eines gestohlenen Autos entdecken.
Entscheidungen und multiple Durchläufe
Die Geschichte von Jason und Lucia wird Entscheidungen unterschiedlicher Tragweite beinhalten. Manche scheinbar kleinen Wahlen zeigen zunächst keine Konsequenzen, gewinnen aber im Verlauf der Kampagne an Bedeutung. Andere, gewichtigere Entscheidungen haben sofortige Auswirkungen. Rockstar möchte mehrere Durchläufe fördern. Ähnlich wie in anderen Spielen des Studios gibt es stark inszenierte Momente, die sicherstellen, dass bestimmte Ereignisse wie geplant präsentiert werden. GTA 6 will diese Sequenzen jedoch besser mit dem verbinden, was der Spieler während der Erkundung tut. Die Freiheit innerhalb der Missionen selbst scheint zuzunehmen. In einer gezeigten Sequenz gab es beispielsweise mehrere Möglichkeiten, ein Gebäude nach Erreichen des Ziels zu verlassen. Auch bei Verfolgungsjagden und Fluchten kann das Spiel eine Route vorschlagen, zwingt den Spieler jedoch nicht dazu. Man kann selbst entscheiden, ob Jason oder Lucia fährt, während der andere auf dem Beifahrersitz schießt.
Jason und Lucia: Dynamische Partner-Mechaniken
Eine der interessantesten Neuerungen ist die Handhabung der Beziehung zwischen Jason und Lucia. Die beiden beginnen die Geschichte mit gegenseitigem romantischem Interesse, doch der Spieler kann entscheiden, ob sich daraus mehr als eine reine kriminelle Partnerschaft entwickelt. Um sie einander näherzubringen, muss man außerhalb der Hauptmissionen Zeit miteinander verbringen: Leonida erkunden, einkaufen, das Aussehen verändern, trainieren oder gemeinsam Überfälle durchführen. Kleine Details unterstreichen, dass Rockstar das Paar wie ein echtes Liebespaar behandelt. Jason und Lucia können Händchen halten, einander Türen öffnen und über alltägliche Dinge sprechen. Ist einer längere Zeit weg, kann der andere Nachrichten schicken und fragen, wo er steckt. Der Romanzeffekt ist jedoch keine versteckte Talentebene. Es werden keine speziellen Attribute oder großen mechanischen Vorteile durch eine Liebesbeziehung freigeschaltet. Man kann die Beziehung streng platonisch halten und die gesamte Kampagne erleben. Das Verhältnis dient vor allem der Rolleninterpretation und verändert bestimmte Interaktionen zwischen den Figuren. Unabhängig davon arbeiten die beiden zusammen, wenn es die Geschichte erfordert. Die kriminelle Partnerschaft bleibt stets zentral.
Charakterwechsel und gemeinsame Aktionen
Wie in GTA 5 kann man während der Erkundung von Leonida zwischen Jason und Lucia wechseln. Dies ist im Großteil des Abenteuers möglich, auch wenn bestimmte Story-Abschnitte die Funktion vorübergehend einschränken. Wenn man nur einen steuert, kann man den Partner per Anruf oder Nachricht herbeirufen. Die nicht gesteuerten Figuren haben eigene Routinen und leben ihr Leben weiter. Sogar während der Fahrt kann man im Auto die Plätze tauschen und das Steuer abgeben – sei es, um einfach nur Radio zu hören oder während einer Flucht den Schützen zu spielen.
Leonida: Eine lebendige und gigantische Welt
Rockstar beschreibt Leonida schlicht als „sehr große“ Karte, ohne offizielle Maße zu nennen. Schätzungen aus den Vorschauen geben jedoch einen Eindruck von der ambitionierten Größe. Einige Vergleiche deuten auf eine etwa dreifache Fläche von Red Dead Redemption 2 hin, andere auf etwa das Doppelte des GTA-5-Maps. Vice City selbst soll ungefähr doppelt so groß wie Los Santos sein. Es gibt zudem Schätzungen, dass Leonida fast elfmal mehr besiedelten Raum bietet als GTA 5. Wichtiger als reine Zahlen ist das Versprechen, dass jede Region eine eigene Identität mit spezifischer Architektur, Bewohnern und Atmosphäre besitzt. Die Karte dient nicht nur als Durchgangsgebiet zwischen Missionen. Rockstar möchte belohnen, wer einfach ziellos umherfährt. Ereignisse können sich organisch während der Erkundung ergeben und sind nicht immer als traditionelle Missionen markiert. Ein Beispiel: Ein fragwürdiger Anwalt, der in einem Müllcontainer sitzt – übergibt man ihm Pillen, bietet er Rechtsberatung an. Es gibt auch einen Mitfahrdienst namens Ryde Me, der als Schnellreiseoption fungiert. Während einer Taxifahrt kann man mit dem Fahrgast sprechen und kompletten Dialogen lauschen.
Aktivitäten und Details der Welt
Nicht alles in Leonida endet mit Sirenen und Schüssen. Die offene Welt bietet zahlreiche Aktivitäten: Bowling, Minigolf, Escape Rooms, Arcade-Spiele und eine Basketball-Herausforderung. Das Tiersystem erbt Eigenschaften von Red Dead Redemption 2: Tiere im Zoo oder in der Natur können in einer Checkliste erfasst werden. Und wer die heimische Fauna bevorzugt, kann Hunde streicheln. Die Anzahl der Animationen ist beeindruckend: Über 600.000 Animationen für NPCs stehen im Raum, verglichen mit etwa 55.000 in GTA 5 und 300.000 in Red Dead Redemption 2. Die Figuren werden künstlerisch individuell gestaltet, nicht nur durch prozedurale Kombinationen. Leonida bewohnen NPCs mit größerer Vielfalt an Größen, Gewichten und Körperformen. Die Animationen passen sich an die jeweilige Figur an. Das soziale Interaktionssystem wurde erweitert: Man kann NPCs grüßen, provozieren, beruhigen oder anstacheln, ohne dass jede Begegnung in einer Schießerei endet. Die Leben der NPCs sind keine bloße Dekoration. Jason und Lucia können Gespräche belauschen, aber die Bewohner merken, wenn man zu lange lauscht. Langes Verfolgen kann Unbehagen auslösen und Reaktionen hervorrufen. Nicht alle Bürger sind Pazifisten: Einige tragen Waffen und können Konflikte beginnen. Selbst scheinbar banale Gespräche können unerwartete Aktivitäten auslösen.
Polizei, Fahndung und Tarnung
Das Fahndungssystem wurde überarbeitet und hat wieder sechs Sterne, das Maximum aus der Zeit vor GTA 5. Eine Verfolgung beginnt nicht automatisch mit jeder Straftat. Zuerst muss jemand die Tat bezeugen oder ein Sicherheitssystem sie erfassen. Die entsandten Polizisten erhalten Informationen über das Verbrechen und können auch nach Verlassen des Tatorts weiterermitteln. Ab drei Sternen wird die Flucht innerhalb von Vice City besonders schwierig – enge Straßen, dichter Verkehr und viele Fußgänger. In bestimmten Situationen ist es besser, das Auto stehenzulassen und durch Hinterhöfe zu fliehen. Das System berücksichtigt, was die Polizei über den Verdächtigen weiß. Symbole unter dem Fahndungslevel zeigen an, ob die Behörden Aussehen, Kleidung oder Fahrzeug identifiziert haben. Ein neuer Haarschnitt kann die physische Beschreibung ungültig machen, ein einfacher Hutwechsel oder eine neue Brille reichen nicht. Um die Kleidungsidentifikation zu ändern, muss das gesamte Outfit gewechselt werden. Hier kommt der Kofferraum ins Spiel: Ersatzkleidung im Auto ermöglicht einen schnellen Wechsel während der Flucht. Masken sind nützlich: Trägt man sie während der Tat und entfernt sie danach, kann die Polizei das Gesicht nicht identifizieren – auch nicht über Überwachungskameras. Wenn die Polizei weiß, dass beide Protagonisten beteiligt sind, können sie die Beamten verwirren, indem sie in verschiedene Richtungen fliehen. Man kann den Partner weglassen lassen, während man selbst die Verfolgung auf sich zieht. Wird einer der beiden verhaftet, erscheint der klassische „Busted“-Bildschirm, während der andere in der offenen Welt frei bleibt.
Das kriminelle Profil
GTA 6 führt ein System namens Kriminelles Profil ein, das eine Art Gegenstück zum Ehrensystem aus Red Dead Redemption 2 darstellt. Es bewertet nicht einfach „gut“ oder „böse“, sondern beobachtet Verhaltensmuster. Unnötige Gewalt und übermäßige Zerstörung können das Profil verändern, während überraschend alltägliche Handlungen wie ordnungsgemäße Müllentsorgung ebenfalls Einfluss haben. Notwendige Verbrechen während Missionen und Überfällen beeinträchtigen das Profil nicht automatisch. Effiziente Coups und der Aufbau eines Rufs als kompetenter Krimineller können die Wahrnehmung von Jason und Lucia positiv beeinflussen.
Wirtschaft und Fahrzeugdiebstahl
Geld spielt in der Kampagne von GTA 6 eine wichtigere Rolle. Zu bestimmten Zeitpunkten muss man eine bestimmte Summe anhäufen, um in der Geschichte voranzukommen. Verbrechen haben so eine konkretere Funktion, als nur eine Autosammlung zu finanzieren. Man kann Geld durch Autodiebstahl und -verkauf, Überfälle auf Geschäfte und große Coups verdienen. Jason und Lucia können allein oder gemeinsam arbeiten; gemeinsame Überfälle stärken zudem die Beziehung. Bei Überfällen ist eine zentrale Entscheidung, wie lange man am Tatort bleibt. Einen Safe zu sprengen ist schneller, beschädigt aber Teile des Inhalts. Die Kombination zu suchen dauert länger, erhält aber den Wert – mit dem Risiko, dass die Polizei auftaucht. Auch Autodiebstahl ist deutlich aufwendiger. Fahrzeuge werden nach Sicherheitsstufen klassifiziert. Teurere Modelle erfordern ausgefeiltere Werkzeuge. Die App WAINK scannt ein Auto vor dem Diebstahl und zeigt geschätzten Wert, Kosten für die Registrierung als persönliches Fahrzeug, Status von Schloss, Alarm und Peilsender. Alte Autos lassen sich mit einfachen Werkzeugen öffnen, moderne Luxuswagen benötigen Geräte wie Key-Kloner. Manche Fahrzeuge sind zu Beginn der Kampagne nicht zugänglich, da die erforderliche Ausrüstung erst später erhältlich ist. Ein gestohlenes Fahrzeug muss in gutem Zustand abgeliefert werden, um einen besseren Preis zu erzielen. Manche Modelle haben fortschrittliche Peilsender; je nach Fahrzeug muss man hohe Geschwindigkeit halten, um das Signal zu verlieren, oder es einfach aufgeben. Die gestohlenen Autos können an spezialisierte Hehler verkauft werden, die auch Hinweise auf lukrativere Gelegenheiten geben, etwa Fahrzeuge in Polizeiverwahrstellen.
Technische Details und Ausblick
Der Extended Look von GTA 6 wurde auf einer regulären PlayStation 5 aufgenommen und zeigte das Spiel mit aktuell 30 Bildern pro Sekunde auf den Konsolen. Laut Rob Nelson läuft der Titel in der aktuellen Entwicklungsphase mit dieser Bildrate. Ein 60-FPS-Modus ist weder ausgeschlossen noch bestätigt. Nelson verwies auf die Notwendigkeit, die technische Abteilung zu konsultieren. Details zu Auflösung, Raytracing oder anderen Grafikeinstellungen wurden nicht offiziell genannt. Die Situation folgt einem bekannten Muster: GTA 5 erhielt 60 FPS auf Konsolen erst mit der Next-Gen-Version, Red Dead Redemption 2 wartet noch immer auf ein offizielles 60-FPS-Update. Es ist möglich, dass die höhere Bildrate erst der PC-Version vorbehalten bleibt. Das Gesamtbild der Enthüllungen zeigt, dass GTA 6 nicht nur auf eine größere Karte oder bessere Grafik setzt. Die Ambition liegt vielmehr darin, Leonida zu einer reaktiveren Welt zu machen, in der Figuren Routinen haben, Verbrechen Konsequenzen tragen und kleine Entscheidungen Stunden später wieder auftauchen können. Jason und Lucia repräsentieren einen wichtigen Wandel für die Serie: Ihre Beziehung ist nicht nur eine Rechtfertigung für geteilte Spielbarkeit, sondern sie haben eigene Routinen, können Zeit miteinander verbringen, sich bei Verfolgungen trennen, eine optionale Romanze eingehen und sogar bestimmte Ereignisse basierend auf der Bindung verändern. Noch müssen viele Informationen offiziell von Rockstar bestätigt werden, insbesondere zu technischen Details, die sich bis zum Release ändern könnten. Dennoch ist das Gesamtbild klar: GTA 6 möchte Vice City und den Rest von Leonida zu einer der detailliertesten offenen Welten machen, die Rockstar je erschaffen hat. Sollte dies gelingen, wird die größte Herausforderung wohl sein, überhaupt Zeit zu finden, die besagten 80 Stunden zu absolvieren – denn wie jeder GTA-Veteran weiß, gibt es immer noch „eine letzte Sache“ zu erledigen, bevor die nächste Mission wartet.