In Clive Barker’s Hellraiser: Revival, dem neuen Horrorspiel nach einer Geschichte des Kultautors, entdecken die Protagonisten Aidan und Sunny eine rätselhafte Puzzlebox. Sie öffnen sie, um ihre BDSM-Praktiken auf eine neue Spitze zu treiben – doch stattdessen beschwören sie die Cenobiten herauf, Dämonen der Folter, die Sunny vor Aidans Augen zerreißen. Zurück bleibt die Frage: Wird Sunny für ihre sexuellen Vorlieben bestraft?
Hellraiser: Revival – Tod als Konsequenz statt als Strafe
Wer mit den Konventionen des Horrorgenres vertraut ist, erwartet an dieser Stelle das altbekannte Muster aus den Slasher-Filmen der 1970er-Jahre: Figuren, die ungewöhnlichen Sex haben, müssen sterben. In der Genreanalyse hat sich dafür der Begriff „Sex signals death“ eingebürgert. Die Entwickler von Saber Interactive wollen dieser Lesart jedoch ausdrücklich widersprechen. Game Director Emil Esov sagt klipp und klar: „Sie stirbt nicht als Strafe.“ Die Cenobiten folgten einer eigenen Logik, so Esov, und Sunny habe sich dem Ritual willentlich ausgesetzt.
Narrative Director Antony de Fault ergänzt: „Die beiden spielen mit dem Feuer und finden heraus, dass es brennt – aber das ist keine moralische Wertung unsererseits.“ Es sei nicht puritanisch gedacht, dass eine Figur wegen BDSM sterben müsse. Sunny und Aidan seien vielmehr auf der Suche nach ihrer eigenen Auflösung, „weil sie genau die Art von Menschen sind“. Ihre BDSM-Praktiken sind Ausdruck eines tiefen inneren Vakuums, das sie teilen, erklärt Esov: „Sie kommen aus einem Ort, an dem sie etwas suchen, um ihre inneren Leeren zu füllen. Ihre Sexspiele sind das Ergebnis ihrer vergangenen Lebensweisen.“ Zwei Menschen, die verzweifelt nach etwas streben, das sie nie bekommen haben, trieben sich unweigerlich in den Abgrund.
BDSM im Horrorgenre: Wann beginnt die Selbstzerstörung?
Die entscheidende Abgrenzung lautet: Nicht der Fetisch ist das Problem, sondern der ungesunde Umgang damit. Im Spiel gibt es neben Sunny und Aidan weitere Figuren, die BDSM praktizieren – und diese Charaktere sind ausdrücklich gesund und selbstbewusst. „Was im Spiel als schlecht dargestellt wird, sind ungesunde Formen des Umgangs mit BDSM, nicht der Fetisch selbst“, betont de Fault. Sunnys Sexualität ist Teil einer Lebenshaltung, die auch exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum einschließt. In Rückblenden werden diese Momente gezeigt – sie machen deutlich, dass ihr Tod die Konsequenz einer Risikobereitschaft ist, die jede Grenze überschreitet, nicht eine Strafe für eine bestimmte sexuelle Neigung.
Clive Barkers Erbe: Die Wurzeln des Hellraiser-Stoffs
Diese Perspektive knüpft an die Ursprünge des Stoffes an. Clive Barkers Kurzgeschichte The Hellbound Heart von 1986 entstand aus den Erfahrungen des Autors in der BDSM- und Clubkultur des New York der 1980er-Jahre. Barker habe diese Welt nicht verurteilt, erklärt de Fault, sondern auf die Gefahren von Exzess und unverantwortlichem Verhalten hingewiesen. „Das war eine wichtige Linie, an der wir uns orientiert haben.“ Der historische Kontext ist dabei nicht auszublenden: 1986 war die AIDS-Krise allgegenwärtig, und schwule Männer wurden vielerorts für ihre Erkrankung verantwortlich gemacht. Barker schrieb diese Angst in seine Vorlage ein.
Mehr als vier Jahrzehnte später können die Entwickler diese spezifische Panik nicht einfach reproduzieren. Doch die existenziellen Themen sind geblieben: das Streben nach Erfahrungen, die das Ich auflösen, die Suche nach Identität durch Extremerfahrungen, der Wunsch, einen inneren Abgrund zu füllen. „Es geht um diesen endlosen Versuch, Leere durch BDSM oder Körperveränderung zu füllen“, sagt Esov. „Diese Themen sind heute genauso relevant wie damals.“
Ein moderner Blick auf Körper und Begehren
Seit den 1980er-Jahren hat sich die sexuelle Kultur radikal verändert. „Hellraiser: Revival entsteht nach 50 Shades of Grey, nach der Mainstreamisierung von Pride- und Queer-Kultur, die sich mit Fetisch- und Neurodivergenz-Kultur überschneidet“, sagt de Fault. Deshalb sei es notwendig gewesen, bei den BDSM- und Fetisch-Inhalten noch weiter zu gehen als das Original. Das spiegelt sich auch in der Inszenierung wider: Die Entwickler zeigen weiblichen und männlichen Schmerz, weibliche und männliche Lust in ausgewogener Form. Es gibt Szenen, in denen Sunny Aidan dominiert, und andere, in denen die Rollen getauscht sind; vollfrontale Nacktheit bei beiden Geschlechtern ist ebenso Teil des Spiels.
Für Emil Esov war die Arbeit an dem Spiel auch eine persönliche Reflexion. Aufgewachsen in Serbien, sei er in einer patriarchalischen, männerzentrierten Umgebung sozialisiert worden. Erst der Austausch mit Antony de Fault, der in einem liberaleren Umfeld groß wurde, habe seinen Blick geschärft. Diese Erfahrung fließt in die Erzählung ein – Hellraiser: Revival versteht sich als sensible Auseinandersetzung mit Macht, Begehren und Verletzlichkeit.
Was die Gamescom-Demo verrät – und was nicht
Wie viel von dieser Komplexität im fertigen Spiel ankommen wird, ist schwer zu sagen. In der Demo auf der Gamescom wurde ich in den mittleren Akt des Spiels geworfen, ohne Vorwissen und ohne Eingewöhnungszeit. Ich kämpfte mich durch einen Fetischclub, schlug Kultisten in BDSM-Ausrüstung zusammen und hatte zunächst den Eindruck eines soliden Action-Horrors im Stil von Condemned: Criminal Origins. Die thematische Tiefe, von der die Entwickler sprechen, war in diesem Ausschnitt nur schemenhaft erkennbar.
Auch wenn einige Ideen – wie die interaktiven BDSM-Szenen mit anderen Figuren – erst im fertigen Spiel bewertet werden können, ist die Herangehensweise des Teams vielversprechend. Antony de Fault verrät noch, dass es Themen gebe, „die zu gewagt für ein Interview sind“, und verweist auf das Spiel selbst. Man darf gespannt sein, ob Hellraiser: Revival diese Ansprüche einlöst und dem Horrorgenre eine neue Facette hinzufügt.