LG weist Späh-Vorwürfe zurück, schweigt zu Sicherheitslücken

LG weist die Vorwürfe von Gamers Nexus zurück, schweigt jedoch zu den dokumentierten Sicherheitslücken in webOS und der Datenspeicherung.

Highlights
  • LG bestreitet, dass Smart-TVs im Standby Gespräche aufzeichnen, räumt aber das Scannen von Netzwerkgeräten ein.
  • Die Stellungnahme von LG verschweigt vier konkrete Sicherheitslücken, darunter die Klartext-Speicherung von Sprachbefehlen.
  • Eine New Yorker Anwaltskanzlei bereitet Einzelschiedsverfahren für betroffene LG-Smart-TV-Käufer vor.

LG hat in einer offiziellen Stellungnahme gegenüber Tom’s Hardware die Vorwürfe von Gamers Nexus zurückgewiesen, wonach Smart-TVs im Standby-Modus Gespräche aufzeichnen und Netzwerkgeräte ausspähen sollen. Der Elektronikkonzern bezeichnet die Behauptungen als „nicht wahr“ und betont, die Sprachverarbeitung erfolge ausschließlich nach manueller Aktivierung. Zugleich vermeidet das Unternehmen jede Stellungnahme zu konkreten Sicherheitslücken, die in der Untersuchung dokumentiert wurden – darunter die Speicherung von Sprachbefehlen als Klartext und eine kritische Schwachstelle in webOS.

  • Was geschah: LG wies die von Gamers Nexus erhobenen Vorwürfe in einer Stellungnahme vollständig zurück. Sprachdaten würden nur bei gedrückter Taste oder nach einem Wake-Wort verarbeitet, nicht im Standby.
  • Was fehlt: Die Erklärung äußert sich nicht zur Klartext-Speicherung, zur verlängerten Mikrofonlaufzeit nach Sprachbefehlen, zur Offline-Datensammlung mit späterem Upload oder zur webOS-Sicherheitslücke.
  • Der Kontext: Zwölf Tage nach dem ersten Untersuchungsvideo im Juli fügte LG eine Schiedsklausel in die Nutzungsbedingungen ein. Auf das zweite Video im September folgte die Gegendarstellung binnen zwei Tagen. Eine New Yorker Anwaltskanzlei hat bereits Einzelschiedsverfahren für betroffene Kunden angekündigt.

„Nicht wahr“ – LG weist die Vorwürfe vollständig zurück

Am 9. September veröffentlichte der Elektronikkonzern eine offizielle Erklärung, in der er die Ergebnisse einer Untersuchung des US-Portals Gamers Nexus als „nicht wahr“ bezeichnet. Die Untersuchung hatte am 7. September dokumentiert, dass LG-Smart-TVs im Standby-Modus Umgebungsgeräusche aufnehmen und aktive Netzwerkgeräte scannen. Die aufgezeichneten Daten sollen dem Werbenetzwerk LG Ads Solutions zugeflossen sein.

Im Kern argumentiert LG: Die Sprachverarbeitung werde ausschließlich durch das Drücken der Sprachtaste auf der Fernbedienung oder durch das manuelle Aktivieren der Far-Field-Spracherkennung mit anschließendem Wake-Wort „Hi LG“ ausgelöst. Ohne diese Aktivierung fänden keine Aufzeichnung und Übermittlung von Sprachdaten statt. Werde das Wake-Wort nicht erkannt, verbleibe die Verarbeitung lokal auf dem Gerät und die Daten würden sofort gelöscht. Auch im Standby-Monitoring, so LG, würden nicht erkannte Sprachmuster lokal verarbeitet und verworfen.

Anerkanntes und Verschwiegenes

Die Stellungnahme räumt ausdrücklich ein, dass LG-Smart-TVs über eine Funktion zum Scannen von Netzwerkgeräten verfügen. Das Unternehmen bezeichnet dies jedoch als „Standardfunktion, die auch andere Smart-TVs und Smart-Home-Geräte besitzen“.

Zur automatischen Inhaltserkennung (ACR) heißt es, sie laufe nur nach expliziter Zustimmung des Nutzers. Ohne diese Einwilligung würden keine Daten für Werbezwecke genutzt. LG betont, man lehne „irreführende Gestaltungen ab und gewährleiste Transparenz“.

Vier Punkte der Untersuchung bleiben in der Stellungnahme vollständig unerwähnt: die Tatsache, dass Sprachbefehle als Klartext-Text in Logdateien abgelegt werden; die Beobachtung, dass das Mikrofon nach einem Sprachbefehl noch zehn bis fünfzehn Sekunden aktiv bleibt und weitere Geräusche erfasst; die Offline-Speicherung von Daten bei getrennter Internetverbindung und der nachträgliche Upload beim Wiedereinschalten; sowie die webos-Sicherheitslücke mit Remotecodeausführung.

Auf der offiziellen US-Supportseite von LG lautet der Hinweis zu den aktualisierten Nutzungsbedingungen: „Der hauptsächliche Betrifft die Schiedsklausel.“ Die neue Fassung tar, so die Seite, am 28. August 2026 in Kraft.

Zeitlicher Ablauf: Eine Chronologie der Ereignisse

Der erste Untersuchungsbeitrag von Gamers Nexus erschien am 16. Juli 2026. Er befaste sich mit Adware, die über LG-Monitore eingespielt wird, und mit den Nutzungsbedingungen der Smart-TVs, die eine Zustimmung zur Spraufzeichnung verlangen.

Bereits 12 Tage später, am 28. Juli, passte LG die Nutzungsbedingungen seiner Smart-TVs an. Die Änderung führte eine verbindliche Schiedsklausel ein und schloss die Teilnahme an Sammelklagen aus. Inkrafttreten war der 28. August; die TV-Geräte zeigten eine Zustimmungsaufforderung auf dem Bildschirm.

Nach dem zweiten Untersuchungsvideo am 7. September folgte am 9. September die vollständige Gegendarstellung. Die zeitliche Abfolge – binnen zwei Tagen eine formelle Stellungnahme – legt nahe, dass LG auf den öffentlichen Druck rasch reagierte, ohne jedoch auf die technischen Details einzugehen.

Was die Erklärung nicht widerlegt

Die offizielle Stellungname widerlegt eine einzige Kernaussage von Gamers Nexus: die Behauptung, LG sammle rund um die Uhr Gespräche aud Servern. Alle andderen Vorwürfe – verlängerte Mikrofonlaufzeit, Klartext-Logs, Offline-Speicherung und die webos-Lücke – bleiben unwdersprochen.

Die Untersuchung von Gamers Nexus ist von unabhänginger Seite nicht bestätigt. Auch LGs Gegendarstellung stützt sich auf keine externen Audits. Die Fachwelt beobachtet die Entwicklung daher mit Skepsis: Einem Konzern, der erst nach öffentlicher Kritik die Nutzungsbedingungen um eine Schiedsklausel ergänzt, fehlt es an Glaubwürdigkeit in der Transparenzfrage.

Juristische Folgen: Kanzlei bereitet Einzelschiedsverfahren vor

Die New Yorker Kanzlei Labaton Keller Sucharow hat angekündigt, für Kunden, die in den vergangenen vier Jahren einen LG-Smart-TV erworben haben, Einzelschiedsverfahren zu beantragen. Betrofen sind Käufer aus 18 US-Bundesstaaten und dem District of Columbia, deren Geräte ab 2013 hergestellt wurden. Auf der Grundlage von Datenschutz- und Verbraucherschutzgesetzen dieser Staaten könnten bis zu 500 US-Dollar und mehr an gesetzlichen Schadensersatz pro Fall geltend gemach werden.

Die von LG eingeführte Schiedsklausel versperrt den Weg zu Sammelklagen. Doch die Kanzlei nutzt genau diesen Schiedsmechanismus, um Einzelfälle zu bündeln. Schiedsverfahren sind nicht öffentlich und schaffen keine Präzedenzfälle – für LG ein kalkulierbares Risiko, für Verbraucher eine hohe Hürde. Die Kanzlei übernimmt die Vertretung, baut so Druck auf.

Der Vergleich mit Texas aus dem Mai 2026 hatte einen anderen Rahmen geschaffen: LG durfte die ACR weiter nutzen, sofern sie die ausdrückliche Zustimmung der Nutzer einholt. Die jetzige Stellungname argumentiert exakt in diesem Rahmen. Bleiebt die Frage, ob die von Gamers Nexus dokumentierten Vorgänge tatsächlich außerhalb der eingeholten Zustimmungen stattfinden – und ob LGs Schweigen zu den ungeklärten Punkten am Ende mehr wiegt als das klare „nicht wahr“ zu den generellen Vorwürfen.

Diesen Artikel teilen