Das letzte große Abenteuer des Kuriers in der Mojave endete an einem dunklen und einsamen Ort. Am Ende von „Lonesome Road“ erhält der Spieler eine schicksalhafte Wahl: Atomsprengköpfe abfeuern, die ganze Regionen in NCR- und Legionsterritorium verwüsten könnten. Was vielen als drastischer, endgültiger Spielmechanismus erschien, war in Wahrheit ein sorgfältig gelegtes Fundament für eine Zukunft, die nie kam. Chris Avellone, Mitgründer von Obsidian Entertainment und Senior Designer von Fallout: New Vegas, hat jetzt in einem ausführlichen Gespräch die Hintergründe dieser Entscheidung erläutert und damit ein Fenster in die damaligen Pläne des Studios geöffnet, die weit über den ursprünglichen Titel hinausreichten.
Avellone zufolge war die Einbindung der nuklearen Option in der finalen DLC kein bloßer Gag oder eine reine Spielmechanik, um dem Spieler maximale Zerstörungsmacht zu geben. Es handelte sich vielmehr um eine gezielte narrative und strategische Entscheidung. „Das ist der Grund, warum alle Atombomben hochgehen“, erklärt er. Das Ziel war nicht, Fraktionen komplett auszulöschen, sondern das politische Gefüge der amerikanischen Westküste nachhaltig zu destabilisieren. Die Sprengköpfe sollten die Karten für die Zukunft neu mischen. „Ich dachte mir: ‚Ich muss einige Regionen destabilisieren. Ich muss sowohl die Bruderschaft des Stahls als auch die NCR erschüttern, ich muss sie sich noch mehr in den Haaren haben lassen in Kalifornien'“, so Avellone weiter. Diese Überlegungen seien der Grund für einige der grundlegenden Entscheidungen in den DLC-Inhalten und sogar in Teilen des Hauptspiels gewesen.
Die geplante Verwerfung: Ein Sequel im post-nuklearen Kalifornien
Die nuklearen Detonationen in „Lonesome Road“ waren als Auslöser für die Handlung eines direkten Nachfolgers gedacht. Obsidian plante unter dem Arbeitsnamen „New Vegas 2“ ein Spiel, das die Folgen dieser Ereignisse in Kalifornien erforscht hätte. Die bereits angespannten Beziehungen zwischen der Neuen Kalifornischen Republik, einer kämpfenden Demokratie, und der brutalen, expansionistischen Caesar’s Legion sollten durch die zusätzliche Krise weiter angeheizt werden. Gleichzeitig hätte die bereits geschwächte und in interne Konflikte verwickelte Bruderschaft des Stahls mit den neuen Realitäten fertigwerden müssen. Die Spielwelt hätte sich von den Wüsten Nevadas möglicherweise in die urbaneren oder verheerter überlebten Gebiete Kaliforniens verlagert, ein Setting, das in den älteren Fallout-Titeln nur angedeutet wurde.
Avellone betonte, dass dieser Plan nicht nur eine vage Idee war, sondern konkrete Konsequenzen für das Design hatte. Narrative Fäden wurden bewusst offen gelassen, Fraktionen in einem labilen Gleichgewicht positioniert, und die Möglichkeit der massiven Zerstörung wurde in das kanonische Ende integriert, um Spielraum für Fortsetzungen zu schaffen. Diese Herangehensweise zeigt, wie sehr Obsidian darauf hoffte, die von ihnen geschaffene Welt weiterführen zu können. Doch trotz der positiven Aufnahme von New Vegas durch Kritiker und Spieler „verdampften diese Pläne schnell“, wie Avellone trocken anmerkt. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und liegen in den Geschäftsbeziehungen der damaligen Zeit sowie der strategischen Ausrichtung des Studios in den Folgejahren begründet.
Warum ein „New Vegas 2“ derzeit in weiter Ferne liegt
Die Hoffnungen der Fans auf eine Fortsetzung des kultigen Spin-offs wurden kürzlich neu entfacht, als Todd Howard von Bethesda angedeutet hat, dass Fallout derzeit die Franchise sei, an der „wir gerade am meisten arbeiten“, trotz der laufenden Projekte The Elder Scrolls 6 und Starfield. Solche Aussagen nähren Spekulationen über weitere Spin-offs im Stile von New Vegas. Avellone dämpft diese Erwartungen jedoch deutlich. Auch wenn es aus vertrauenswürdigen Quellen Hinweise darauf geben mag, dass ein Sequel grundsätzlich im Bereich des Möglichen liege, so argumentiert er, dass es „in den nächsten sechs Jahren zumindest nicht passieren wird, wenn überhaupt“.
Diese düstere Prognose wird durch die aktuelle Ausrichtung von Obsidian bekräftigt. Marcus Morgan, Vizepräsident für Operations bei Obsidian, sagte im vergangenen Jahr, dass dem Studio sehr bewusst sei, dass „jeder im Internet“ nach einem New Vegas-Sequel schreit. Allerdings fokussiere sich das Team lieber auf die „Freude“, eigene geistige Eigentümer (IPs) aufzubauen. Diese Strategie ist in den letzten Projekten des Studios klar erkennbar. Mit „The Outer Worlds“ schuf Obsidian eine originelle, von Fallout inspirierte Science-Fiction-Satire. Mit „Avowed“ kehrt es in die reiche Fantasy-Welt von Eora (bekannt aus den Pillars of Eternity-Spielen) zurück, diesmal jedoch in einer First-Person-Perspektive. Und „Grounded“ beweist, dass das Studio auch im Bereich des kooperativen Survival-Genres erfolgreich sein kann. Die Prioritäten liegen eindeutig auf der Pflege und Erweiterung dieser eigenen Marken, anstatt als Auftragsentwickler für eine Franchise zu fungieren, deren Rechte bei Bethesda und letztlich Microsoft liegen.
Die Rolle von Bethesda und die Möglichkeit eines Remasters
Obwohl ein direktes Sequel von Obsidian selbst unwahrscheinlich ist, schließt das nicht aus, dass Bethesda eine andere Studio mit der Entwicklung eines neuen Fallout-Spiels im Westen beauftragen könnte. Viel wahrscheinlicher erscheinen im aktuellen Kontext jedoch Wiederauflagen. Laut durchgesickerten Dokumenten der US-Handelsaufsicht FTC plant Bethesda einen „Obsidian-style“-Remaster von Fallout 3. Gleichzeitig hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass ein New Vegas-Remaster in Arbeit sei, um zeitgleich veröffentlicht zu werden.
Auch hierzu hat Avellone eine ernüchternde Einschätzung. Er behauptet, dass Bethesda Obsidian ein Angebot von 10.000 US-Dollar für den Quellcode von New Vegas unterbreitet habe, um einen solchen Remaster zu ermöglichen. Der damalige CEO von Obsidian, Feargus Urquhart, habe dieses Angebot jedoch abgelehnt. Der Grund sei nicht nur finanzieller Natur gewesen. Laut Avellone habe Obsidian schlichtweg „keine Ahnung, wie man ihn wieder zusammensetzen“ könne. Die Entwicklung von New Vegas war ein hochkomplexer, von Zeitdruck geprägter Prozess, der auf Bethesdas Gamebryo-Engine aufbaute, die selbst stark modifiziert wurde. Das damalige Team ist längst verstreut, und die technischen Aufzeichnungen und Abhängigkeiten des Projekts sind möglicherweise unvollständig oder schwer zu rekonstruieren. Ein einfacher „Remaster“ im modernen Sinne wäre daher eine immense technische Herausforderung, die einem fast vollständigen Reverse-Engineering gleicht.
Das Vermächtnis eines unfreiwilligen Einzelstücks
Die Enthüllungen von Chris Avellone zeichnen das Bild eines ambitionierten Projekts, das von Anfang an mit dem Blick auf die Zukunft konzipiert wurde. Die atomare Wahl in „Lonesome Road“ erhält im Nachhinein eine viel tiefere Bedeutung: Sie ist das versteckte Cliffhanger-Ende einer Serie, die nie fortgesetzt wurde. Fallout: New Vegas bleibt damit ein faszinierendes Unikum – ein Spiel, das durch seine Tiefe, seine komplexen moralischen Entscheidungen und seine lebendige Welt eine enorme Fangemeinde gewann, dessen volles narratives Potenzial aber aufgrund geschäftlicher Realitäten nie ausgeschöpft werden konnte.
Die Pläne für ein Sequel mögen verdampft sein, aber das Interesse daran ist nach wie vor greifbar. Jede neue Aussage von Bethesda oder Obsidian zum Fallout-Universum löst eine Welle von Spekulationen und Hoffnungen aus. In der Zwischenzeit konzentriert sich Obsidian darauf, neue Welten zu erschaffen, während Bethesda den langen Weg zu Fallout 5 beschreitet. Das atomare Finale in der Mojave bleibt damit ein mächtiges, aber isoliertes Ereignis – ein Denkmal für die nicht erzählten Geschichten im postapokalyptischen Amerika und ein Beleg dafür, wie sehr sich die Pläne selbst der erfahrensten Entwickler mit der Zeit verändern können.