Rassvet-Satellitenprojekt verliert Satelliten schneller als es sie baut

Das russische Rassvet-Satellitenprojekt von Bureau 1440 scheitert an technischen Hürden und Fertigungsproblemen.

Keiner der 40 gestarteten Rassvet-Satelliten erreichte die geplante Zielhöhe von 800 Kilometern.
Highlights
  • Das Rassvet-Satellitenprojekt von Bureau 1440 soll ein eigener Starlink-Rivale werden, doch technische Probleme verhindern den Erfolg.
  • Die russischen Satelliten erreichten nicht die geplante Umlaufbahn von 800 Kilometern und sind manövrierunfähig.
  • Ukrainische Angriffe auf die russische Raumfahrtlogistik verzögern das Rassvet-Projekt zusätzlich.

Als die Ukraine Anfang 2026 erreichte, dass SpaceX den russischen Streitkräften den Zugang zu illegal genutzten Starlink-Terminals kappte, standen die Fronteinheiten Moskaus vor einem Kommunikationsdesaster. Der Krieg gegen die Ukraine zwang Russland damit erneut vor Augen, wie abhängig die eigene Armee von ausländischer Technologie ist. Mit dem Rassvet-Satellitenprojekt will das Land nun einen eigenen Starlink-Rivalen etablieren – doch das Vorhaben kommt kaum vom Boden.

Rassvet-Satellitenprojekt: Technische Probleme und Fertigungsprobleme beim Starlink-Rivalen

Das Rassvet-System, hinter dem das russische Unternehmen Bureau 1440 steht, sollte die militärische Kommunikation revolutionieren. Geplant ist eine Konstellation, die es ermöglicht, Drohnen und Bodenverbände über große Distanzen hinweg zu steuern und mit Echtzeitdaten zu versorgen. Doch der Weg in den Orbit ist steiniger als gedacht. Nach aktuellen Informationen von Techradar kämpft das Unternehmen nicht nur mit technischen Hürden im All, sondern auch mit erheblichen Schwierigkeiten in der Fertigung auf der Erde.

Im März und Juli 2026 brachte Bureau 1440 zwei Chargen von Satelliten ins All. Insgesamt handelte es sich dabei um 40 Satelliten. Doch die Mission scheint weitgehend gescheitert zu sein: Keiner der Satelliten hat die geplante Zielhöhe von 800 Kilometern erreicht. Einige sind bereits in die Erdatmosphäre eingetreten und verglüht, andere verharren manövrierunfähig. Nach Angaben des Unternehmens wird derzeit kein Versuch unternommen, die Satelliten auf ihren geplanten Orbit anzuheben.

Satelliten im Orbit: Die Zielhöhe scheint kaum erreichbar

Die Desillusionierung ist groß, denn die ursprünglichen Pläne waren ambitioniert. Bis Ende 2026 sollten rund 290 Satelliten die Erde umkreisen, im Jahr 2027 sollte der kommerzielle Dienst anlaufen. Gemessen am aktuellen Zustand der beiden ersten Chargen wirken diese Zeitpläne utopisch. In den verbleibenden Monaten des Jahres wären mehrere Starts in kurzer Folge notwendig, um die angestrebte Zahl auch nur annähernd zu erreichen.

Das Hauptproblem liegt in der Trägertechnologie. Die russischen Betreiber sind auf nicht wiederverwendbare Raketen angewiesen, die maximal 16 Satelliten pro Start befördern können. Selbst wenn alle Systeme reibungslos funktionieren würden, wäre eine hohe Anzahl an Starts innerhalb kurzer Zeit notwendig – die russische Raumfahrtindustrie dürfte mit dieser Last überfordert sein. Strukturelle Schwächen in der Produktion und Logistik bremsen das ambitionierte Vorhaben also massiv aus.

Die Bedeutung der Zielumlaufbahn für militärische Kommunikation

Die Wahl der Zielhöhe ist kein Zufall. Eine Umlaufbahn von 800 Kilometern bietet eine optimale Balance zwischen Abdeckung und Signallatenz. Sie liegt unterhalb der Höhen, in denen vergleichbare Systeme operieren, und oberhalb der Atmosphärenschichten, in denen Satelliten durch Restluftreibung abgebremst werden. Für die Steuerung von Drohnen ist eine niedrige Latenz entscheidend – Verzögerungen von nur wenigen Millisekunden können über die Reaktionsfähigkeit im Gefecht entscheiden.

Ukraine zielt auf die Raumfahrtlogistik und verzögert Rassvet

Die ukrainischen Streitkräfte haben die Bedeutung des russischen Raumfahrtprogramms erkannt und handeln entsprechend. Sie griffen das Progress Rocket Space Centre in Samara an – eine Einrichtung, die für die Herstellung der Sojus-Raketen verantwortlich ist. Diese Raketen sind der Schlüssel, um die Rassvet-Satelliten ins All zu bringen. Die ukrainische Führung verfolgt damit eine klare Strategie: die russische Raumfahrtinfrastruktur gezielt schwächen, um die militärischen Kommunikationswege des Gegners zu stören.

Die Attacke auf Samara zeigt, dass die Ukraine die Verwundbarkeit der russischen Logistikkette erkannt hat. Ohne funktionierende Raketenproduktion keine weiteren Satelliten – und ohne Satelliten kein eigenes Kommunikationsnetz für die Fronttruppen. Das Rassvet-System ist militärisch betrachtet keine reine Präzisionswaffe, sondern ein strategisches Rückgrat-Projekt, das Moskau dringend benötigt, um seine Streitkräfte unabhängig vom Ausland zu vernetzen.

Die verletzliche Raketenproduktion als Achillesferse

Interessant ist dabei die geografische Komponente. Das Progress Rocket Space Centre liegt tief im russischen Kernland und galt lange Zeit als sicher vor ukrainischen Angriffen. Der erfolgreiche Treffer beweist die Reichweite der ukrainischen Fähigkeiten und zwingt Russland, wertvolle Ressourcen in die Verteidigung seiner Raumfahrtanlagen umzuleiten. Dies wiederum entzieht dem eigentlichen Satellitenprogramm Kapazitäten, die zum Bau und Betrieb des Netzes dringend benötigt werden.

Warum das Rassvet-Satellitenprogramm für Europa zur Gefahr werden könnte

Trotz der offensichtlichen Misserfolge warnte die Ukraine noch Mitte August 2026 davor, das russische Satellitenprogramm zu unterschätzen. Es schreite schneller voran als von vielen westlichen Beobachtern erwartet. Diese Einschätzung ist bemerkenswert, widerspricht sie doch der aktuellen Gemengelage aus verlorenen Satelliten und angegriffenen Produktionsstätten. Die Sorge der Ukraine richtet sich nicht auf den Ist-Zustand des Rassvet-Systems, sondern auf dessen Potenzial für die Zukunft.

Sollte das System eines Tages funktionieren und bis zum Jahr 2035 mit über 900 Satelliten operieren, hätte dies weitreichende Konsequenzen. Russland könnte Drohnen nicht nur über der Ukraine, sondern über sehr weite Strecken hinweg online kontrollieren. Die Reichweite des russischen Militärs würde sich damit massiv vergrößern – eine Entwicklung, die für die Sicherheitsarchitektur Europas eine erhebliche Rolle spielen würde. Die Fähigkeit, unbemannte Systeme über Kontinente hinweg zu steuern und mit Echtzeitdaten zu versorgen, würde die militärischen Optionen Moskaus in ganz Osteuropa und darüber hinaus ausweiten.

Die ambivalente Bedrohungslage im All

Die aktuelle Situation ist also von einer gewissen Paradoxie geprägt. Einerseits demonstriert das Scheitern der ersten Rassvet-Satelliten die technologische Rückständigkeit der russischen Raumfahrt im Vergleich zu westlichen Systemen. Andererseits zeigt die Hartnäckigkeit der russischen Bemühungen, dass Moskau langfristig plant und bereit ist, erhebliche Mittel in die Verwirklichung des Projekts zu stecken. Europa sollte beide Aspekte im Blick behalten: die unmittelbare technische Schwäche und das langfristige strategische Ziel.

Die Entwicklung von Rassvet ist letztlich ein Wettlauf gegen die Zeit, die Logistik und die Physik. Mit jedem Satelliten, der in der Atmosphäre verglüht, entfernt sich das russische Projekt von seinem ambitionierten Zeitplan. Doch Vorsicht ist geboten, denn die russische Raumfahrt hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie zu Improvisation und hartnäckiger Problemlösung fähig ist. Die internationale Staatengemeinschaft, insbesondere die EU und die NATO, sollten die Fortschritte des Programms aufmerksam verfolgen und ihre eigenen Fähigkeiten im Orbit entsprechend ausrichten.

Diesen Artikel teilen