Riot Games erwägt, künftig Premium-Spiele zu veröffentlichen, die nicht auf dem Free-to-play-Modell basieren. Auf der PAX West sprach Chief Product Officer Marc Merrill im Rahmen eines Fireside Chats anlässlich des 20-jährigen Firmenjubiläums offen über die strategische Ausrichtung des Studios. Es gebe keine strategische Notwendigkeit, dass jedes Spiel kostenlos spielbar sein müsse, sagte er – eine bemerkenswerte Ansage für ein Unternehmen, das wie kaum ein anderes mit Free-to-play-Titeln groß geworden ist.
Die Aussage fällt in eine Phase der Neuorientierung. Erst kürzlich hatte Riot angekündigt, die Entwicklung am Fighting Game 2XKO einzustellen; der Live-Betrieb soll noch bis Dezember 2026 aufrechterhalten bleiben. Merrill beschrieb das Projekt als Opfer eines extrem umkämpften Marktes. Gleichzeitig richtet sich der Blick des Studios auf ein ambitioniertes MMORPG, das er als „den Gral“ bezeichnete. Dass Riot nun auch Premium-Modelle in Betracht zieht, könnte das Ende der Einheitsformel bedeuten, die das Geschäft des Entwicklers jahrelang geprägt hat.
Warum Riot Games Premium-Spiele neben Free-to-Play erwägt
Der Vorstoß überrascht, weil Riot seinen Erfolg auf Titeln wie League of Legends und Valorant aufgebaut hat, die sich über kosmetische Gegenstände und kostenpflichtige Extras finanzieren. Dieses Geschäftsmodell war lange Zeit außerordentlich lukrativ, stieß bei der Gründung des Studios im Jahr 2006 jedoch auf massiven Widerstand in der Branche. Merrill erinnerte daran, dass Investoren und Verlage ihm und Mitgründer Brandon Beck damals sagten, ein kostenloses Spiel sei „das Dümmste“, was sie je gehört hätten. Free-to-play war in jener Zeit ein radikaler Bruch mit der Tradition, Spiele über einen einmaligen Kaufpreis zu vermarkten.
Dass Riot nun über Premium-Spiele nachdenkt, hat mit den Grenzen dieses Modells zu tun. Free-to-play funktioniere hervorragend bei langfristig ausgelegten Spielen mit optionalen Kosmetika, erklärte Merrill in einem anschließenden Interview. Bei vielen anderen Spieltypen führe das Modell jedoch zu Gestaltungsproblemen, die die Integrität des Erlebnisses beeinträchtigen könnten. „Nicht jedes Spiel muss unendlich sein“, so der Co-Gründer wörtlich. Ein Premium-Spiel mit klarem Ende und festem Kaufpreis könne in manchen Fällen die bessere Wahl sein – nicht nur aus kreativer, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht.
Was das Aus von 2XKO über den Free-to-play-Markt verrät
Die Überlegungen kommen nicht zufällig. 2XKO, das als Free-to-play-Fighting Game angelegt war, konnte nicht die nötige kritische Masse erreichen. Merrill führte das Scheitern nicht auf die Qualität des Spiels zurück, sondern auf die enorme Konkurrenz um Aufmerksamkeit. Entwickler müssten etwas „Unglaubliches“ abliefern, um gegen Hunderte wöchentlich erscheinende Spiele und die schier endlosen Inhalte von Plattformen wie Netflix, TikTok und YouTube zu bestehen. Genau diese hohe Messlatte mache Free-to-play für neue Titel zunehmend riskant. 2XKO werde trotz des Auslaufens weiterhin spielbar bleiben, weil es sich um ein gutes Spiel handle, so Merrill.
Der Fall 2XKO zeigt, wie schwer es neue Free-to-play-Spiele heute haben. Während etablierte Titel wie Fortnite, Genshin Impact oder eben League of Legends weiterhin hohe Umsätze erzielen, müssen neue Anläufe oft innerhalb weniger Monate eine kritische Masse erreichen, sonst drohen erhebliche Verluste. Riot hat diese Dynamik trotz großer Markenstärke und finanziellem Rückhalt des Mutterkonzerns Tencent zu spüren bekommen.
Von Riot Forge zu internen Premium-Projekten: Der Unterschied
Riot ist nicht unerfahren mit kostenpflichtigen Spielen. Unter dem Label Riot Forge veröffentlichte das Unternehmen mehrere Premium-Titel, die jedoch nicht intern entwickelt, sondern mit externen Studios wie Digital Sun, Airship Syndicate und Double Stallion produziert wurden. Im Jahr 2024 stellte Riot das Programm ein und strich im Zuge der Umstrukturierung 530 Stellen. Die damalige Entscheidung wurde mit einer Überdehnung des Unternehmens begründet – man habe zu viele Projekte gleichzeitig vorangetrieben.
Die nun erwogenen Premium-Spiele würden sich jedoch grundlegend von den damaligen Forge-Titeln unterscheiden. Forge sei aufgebaut worden, um über erzählerische Inhalte neue Kunden zu gewinnen, erklärte Merrill. Die neuen Projekte entstünden dagegen aus dem Anspruch, etwas wirklich Außergewöhnliches zu schaffen. Als Beispiel führte er die Animationsserie Arcane an, die 2021 auf Netflix startete. Sie sei nicht mit dem Ziel produziert worden, neue Spieler zu akquirieren, sondern weil das Team eine großartige Geschichte erzählen wollte. Dass die Serie neue Fans für League of Legends begeisterte, war ein willkommener Nebeneffekt – aber nicht die Motivation. Dieses Prinzip will Riot nun offenbar auch auf Spiele übertragen.
Der „Gral“ MMORPG: Ein Projekt mit enormen Erwartungen
Das mit Abstand ambitionierteste Vorhaben von Riot ist das angekündigte MMORPG im Universum von Runeterra, der Welt aus League of Legends. Merrill bezeichnete es als „den Gral“ – eine Anspielung auf den Heiligen Gral, ein sagenumwobenes Objekt der Artussage. Schon heute ist die Erwartungshaltung der Community enorm: Seit Jahren spekulieren Spieler über das Projekt, das Riot in direkte Konkurrenz zu etablierten Online-Rollenspielen bringen könnte. Ein MMORPG ist eines der teuersten und komplexesten Spiele, die ein Studio entwickeln kann.
Ob dieses Spiel als Free-to-play oder als Premium-Titel erscheinen wird, ließ Merrill offen. Entscheidend sei, dass das Geschäftsmodell zur Vision des Spiels passe. Bei einem MMORPG, das über Jahre hinweg lebt und regelmäßig erweitert wird, spricht vieles für das Free-to-play-Modell. Eine Variante mit einmaligem Kaufpreis und kostenpflichtigen Erweiterungen wäre ebenfalls denkbar. Riot scheint sich bewusst alle Optionen offen zu halten. Und während sich ein großer Teil der öffentlichen Aufmerksamkeit auf das MMORPG richtet, könnten kleinere Premium-Spiele parallel als strategische Ergänzung dienen.
Was bedeuten die Pläne für Spieler?
Für Spieler bedeutet das: Riot könnte künftig eine größere Vielfalt an Spielen anbieten, von kostenlosen Live-Service-Titeln bis hin zu klassischen Premium-Erlebnissen mit festem Kaufpreis. Wer keine Mikrotransaktionen mag, könnte bei zukünftigen Projekten mehr Auswahl bekommen. Die Entscheidung, 2XKO trotz des Scheiterns weiterhin verfügbar zu halten, zeigt zudem, dass das Unternehmen langfristig denkt – auch wenn das nicht vor Fehlentscheidungen schützt.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Riot die hohen Erwartungen erfüllen kann. Dass ein so erfolgreiches Unternehmen sein Geschäftsmodell infrage stellt und öffentlich über Alternativen spricht, ist in der Branche selten. Es deutet darauf hin, dass Riot die Zeichen der Zeit erkannt hat: Free-to-play ist nicht das Ende der Spielentwicklung, sondern eine Option unter vielen. Manchmal ist der klassische Premium-Ansatz die bessere Lösung – und Riot scheint bereit, diesen Weg nun auch selbst zu gehen.