Russische Hacker nutzen Claude zum Wiederaufbau entdeckter Malware

Der russische Geheimdienst-Akteur GTG-20006 setzt Claude ein, um entdeckte Malware automatisiert neu zu erstellen und Sicherheitslösungen zu umgehen.

Highlights
  • GTG-20006 nutzte KI-Agenten zur automatisierten Überwachung und Neuerstellung von Malware bei Erkennung durch Sicherheitssoftware.
  • Die Angreifer kompromittierten Hotel-WLAN-Anbieter und nutzten DNS-Hijacking zur Auslieferung gerätespezifischer Malware.
  • Anthropic warnt, dass KI-gestützte Automatisierung die Kostenstruktur des Konflikts fundamental zuungunsten der Verteidiger verschiebt.

Der russische staatlich gesteuerte Bedrohungsakteur GTG-20006, der dem bekannten Kollektiv Midnight Blizzard (APT29) zugerechnet wird, hat eine Kampagne durchgeführt, bei der künstliche Intelligenz eingesetzt wurde, um entdeckte Schadsoftware automatisiert wiederherzustellen. Ziel war es, die Erkennungsfähigkeit von Sicherheitslösungen systematisch zu unterlaufen und die operative Schlagkraft der Angreifer drastisch zu erhöhen.

KI-gestützte Automatisierung als neues Paradigma der Bedrohungslandschaft

Der von Anthropic aufgedeckte Fall zeigt eine signifikante Eskalation im Wettrüsten zwischen Angreifern und Verteidigern. GTG-20006 entwickelte einen vollständig KI-gesteuerten Workflow, der die Malware-Infrastruktur kontinuierlich überwacht und bei Erkennung durch Sicherheitsprodukte sofort eine neue, modifizierte Variante erstellt und bereitstellt. Dieser Prozess läuft autonom ab und zielt darauf ab, statische Signatur-basierte Erkennungen dauerhaft zu umgehen. Die Implikationen für die Cybersicherheitsbranche sind tiefgreifend: Herkömmliche Abwehrmechanismen, die auf dem Blockieren bekannter Artefakte basieren, verlieren ihre Wirksamkeit.

Die technische Infrastruktur der GTG-20006-Kampagne

Die Angreifer nutzten eine Suite spezialisierter Programme, die in einer koordinierten Angriffskette zusammenspielen. Das Toolkit umfasst zwei Windows-basierte Implants, ein Exploit-Kit für Mobilgeräte sowie ein Tool zum Diebstahl von Anmeldedaten, das gezielt auf die Kennwortspeicher von Browsern abzielt. Ergänzt wird dies durch eine Phishing-Plattform, die gezielt Regierungsorganisationen imitiert, und eine Administrationskonsole zur Verwaltung kompromittierter Konten. Anthropic dokumentierte, dass die Akteure ihre KI-Agenten einsetzten, um in Echtzeit zu überwachen, wie effektiv die Werkzeuge von Sicherheitssoftware erkannt wurden. Wurde ein Implant detektiert, initiierten die Agenten eigenständig einen Prozess zur Modifikation und Neuerstellung der Malware.

DNS-Hijacking und CaptiveCrunch: Die Angriffsmethodik im Detail

GTG-20006 setzte auf eine mehrstufige Strategie, die mit der Kompromittierung von mindestens drei Hotel-WLAN-Anbietern begann. Mit gestohlenen Administrator-Zugangsdaten manipulierten die Hacker die DNS-Einträge, sodass der Datenverkehr der Hotelgäste auf vom Akteur kontrollierte Server umgeleitet wurde (DNS-Hijacking). Sobald die Verbindung umgeleitet war, wurden den Opfern gerätespezifische Malware-Pakete ausgeliefert: Für Windows-Systeme kamen Implants wie PowerChrome, WUEngine und Shadow C2 zum Einsatz, für Android-Geräte der Surveillance-RAT GiftDrop und für iOS die Malware DarkSword. Die Auslieferung erfolgte über ClickFix-Lures, die die Nutzer zur Interaktion verleiteten.

Dieser Teil der Operation überschnitt sich mit der als CaptiveCrunch bekannten Kampagne, die im Juli und August von ReliaQuest, Microsoft, Google und Lumen Black Lotus Labs dokumentiert wurde.

Geografische und sektorale Schwerpunkte der Angriffe

Die Überwachung durch die KI-Agenten beschränkte sich nicht auf die reine Malware-Erkennung. GTG-20006 nutzte die Workflows auch für die automatisierte Registrierung von Domains, den Aufbau der Phishing-Infrastruktur und die Überwachung der Command-and-Control-Kanäle (C2) auf erfolgreiche Kompromittierungen. Mehr als 20 Organisationen waren das Ziel der Aufklärungs- und Angriffsoperationen. Der Fokus lag auf militärischen Geheimdienstzielen in der Ukraine und in europäischen Regierungen, diplomatischen und Verteidigungsorganisationen sowie auf mit der US-Außenpolitik verbundenen Einzelpersonen. Betroffen waren Ministerien, Denkfabriken und Rüstungsunternehmen, vorrangig in Europa und der Ukraine, aber auch im Nahen Osten und bei maritimen Behörden in Asien.

Datendiebstahl und Kontrollübernahme als operative Ziele

Über die Hotel-WLAN-Infrastruktur hinaus erbeuteten die Angreifer Daten aus den Hotelverwaltungssystemen und den Geräten der Gäste. Diese Informationen dienten der gezielten Identifizierung weiterer relevanter Personen, darunter ukrainische Regierungsbeamte und Drohnenhersteller. Ein weiterer bemerkenswerter Taktikbaustein war die Übernahme von WhatsApp-Konten. Hierzu nutzten die Hacker sogenannte Headless Browser, um die Zielkonten als Begleitgeräte zu verknüpfen. Anschließend wurden russisch- und ukrainischsprachige Konversationen massenhaft exportiert, während die Lesebestätigungen unterdrückt wurden, um nicht entdeckt zu werden.

Darüber hinaus identifizierte Anthropic Angriffe auf Überwachungsplattformen. Die Akteure fanden Autorisierungslücken in den Schnittstellen von Kamera-Streaming-Diensten, extrahierten Tokens und verschafften sich so Zugriff auf die Live-Kamerastreams der Opfer. In einem weiteren Fall gelang es GTG-20006, bei einer nordafrikanischen Regierungsbehörde über ein VPN-Gerät in das zentrale Kontosystem einzudringen und die gesamte Datenbank mit über 300.000 nationalen Identitätsdaten sowie die Gewerberegisterdaten von mehr als einer halben Million Unternehmen abzugreifen.

Die Embassy-Kit und die umfassende Spionageplattform

Die Entwicklung einer Cloud-E-Mail-Spionageplattform stellt einen weiteren Höhepunkt der Aktivitäten dar. Das als Embassy Kit bezeichnete Framework nutzte Device-Code-Phishing, um Microsoft-365-Tokens von Diplomaten und Regierungsmitarbeitern zu stehlen. Diese Kampagne führte zum unbefugten Zugriff und zur Exfiltration von E-Mail-Daten aus mindestens acht Organisationen, darunter eine Staatsanwaltschaft, ein militärisches Bildungsinstitut und eine regionale zwischenstaatliche Organisation. Flankiert wurde dies durch Social-Engineering-Angriffe mit gefälschten Update-Benachrichtigungen, die Windows-Credential-Stealer auslieferten, sowie durch Hilfswerkzeuge, die Remote-Zugriff ermöglichten und die Sicherheitsupdates auf den Opfersystemen manipulierten, um eine Erkennung der Schadsoftware zu verhindern.

Die Kostenverschiebung durch KI: Eine Zäsur für die Verteidigung

Anthropic betont, dass der Einsatz von KI die Kostenstruktur des Konflikts fundamental zuungunsten der Verteidiger verschoben hat. Während es früher ausreichen konnte, durch das Ausrollen neuer Signaturen die operative Geschwindigkeit eines Angreifers zu drosseln, ermöglicht die KI-gestützte Automatisierung nun eine nahezu sofortige Anpassung der Werkzeuge. Die Angreifer setzen KI in jeder Phase ihrer Operationen ein – von der Überwachung der Tarnung ihrer Implants bis hin zur Sicherung ihrer Persistenz in den kompromittierten Netzwerken. Für Sicherheitsverantwortliche bedeutet dies, dass reaktive, signaturbasierte Ansätze allein nicht mehr ausreichen. Die Zukunft der Abwehr liegt in verhaltensbasierter Analyse, Echtzeit-Threat-Intelligence und einer Architektur, die Angriffe nicht nur erkennt, sondern die operative Schlagkraft des Angreifers durch aktive Gegenmaßnahmen und systemische Härtung nachhaltig beeinträchtigt.

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