Die Games-Branche steht an einem Wendepunkt. Während die wirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Jahre tiefe Spuren hinterlassen haben, nimmt eine andere Debatte Fahrt auf: Wie kann eine kreative Industrie, die von Leidenschaft und extremem Druck gleichermaßen geprägt ist, sich selbst und die Menschen in ihr nachhaltig und gesund erhalten? Sara Veal, in diesem Jahr Teil des renommierten Ensemble-Initiativ-Kaders von Games London und Vorsitzende von GamesAid, hat nicht nur Antworten auf diese Fragen, sondern ein ganzes Rahmenwerk für menschlichere Arbeitsweisen entwickelt. Ihr Ansatz geht weit über gut klingende Programme hinaus und stellt die Unternehmenskultur, Führungsverhalten und strukturelle Gerechtigkeit in den Mittelpunkt. Aus ihrer Arbeit als People-and-Culture-Strategin, Mentorin und Vorsitzende einer der wichtigsten Wohltätigkeitsorganisationen der Branche entsteht ein klarer Fahrplan, der zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg und menschliches Wohlergehen keine Gegensätze sein müssen, sondern die Grundlage für eine widerstandsfähige und zukunftsorientierte Spieleindustrie bilden.
Die Kultur als Fundament gegen Burnout
Sara Veals Arbeit dreht sich konsequent um eine zentrale Frage: Wie baut man Strukturen, die Bestand haben und Menschen wirklich tragen? In der Spieleentwicklung, einem kreativen, hochdruck- und termingetriebenen Umfeld, sieht sie eine besondere Gefahr. „Die Bedingungen, die Spiele aufregend machen, an denen man arbeiten kann – wie ambitionierter Umfang, talentierte Teams und hohe Standards – sind genau die Bedingungen, die Menschen ausbrennen können, wenn sie nicht mit gezielter Unterstützung ausbalanciert werden“, erklärt Veal. Der größte Hebel für Veränderung liege dabei nicht in teuren Programmen, sondern in der gelebten Kultur. für Kinder und Teens ein„>Für kleinere Studios mit begrenzten Ressourcen betont sie: „Kultur ist oft mächtiger als Programme.“ Eine gesunde Kultur, in der offen kommuniziert wird und Führungskräfte als Vorbilder agieren, sei „gesünder als eine mit einer Meditations-App-Abonnement und virtuellen Sozialveranstaltungen, die alle zu überlastet sind, um daran teilzunehmen oder sie zu genießen.“
Die zentrale Rolle der Führung
Veal stellt unmissverständlich klar, dass nachhaltiges Wohlergehen von oben nach unten fließen muss. „Führungsverhalten sagt den Menschen, was tatsächlich geschätzt wird, unabhängig davon, was im Mitarbeiterhandbuch steht“, so ihre klare Analyse. Wenn Führungskräfte 80-Stunden-Wochen als Normalität betrachten, Crunch als Ehrenabzeichen tragen oder Gespräche über psychische Gesundheit als „weich“ abtun, wird kein Wellness-Programm dieses negative Signal übertönen können. Effektive Veränderung beginnt damit, dass Vorgesetzte gesundes Verhalten sichtbar vorleben: pünktlich Feierabend machen, Urlaub wirklich nehmen und offen über Stress sprechen. „Führungsverhalten ist Politik“, fasst Veal zusammen. Diese täglichen Signale schaffen den psychologischen Sicherheitsraum, in dem Teams nachhaltig arbeiten können.
Von der Analyse zur gezielten Intervention
Der größte Fehler, den Studios laut Veal begehen können, ist die Implementierung von Standardlösungen ohne vorherige Diagnose. „Das größte Problem ist die Umsetzung von Programmen, die auf dem Papier gut aussehen, aber nicht widerspiegeln, was das Team braucht.“ Ihr Rat ist direkt: Zuhören, bevor man handelt. Dies bedeutet, Teams zu befragen, die Ergebnisse ernst zu nehmen und transparent zu machen, dass sie gehört wurden. Wo lebt der Stress? Liegt es am Crunch, an unklarer Kommunikation der Führung, an finanziellen Ängsten oder mangelnder Autonomie? „Die Antwort formt die Intervention“, betont Veal. Erst auf dieser Grundlage sollten Maßnahmen entwickelt werden, die zudem technisch und praktisch zugänglich sein müssen – Verfügbarkeit allein reicht nicht.
Alltägliche Gewohnheiten als Schutzfaktor
Neben formellen Initiativen spielen für Veal die täglichen Routinen eine enorme Rolle. Dazu gehört, ehrliche Gespräche über Arbeitslast in Teams und Einzelgesprächen zu normalisieren, nachhaltige Lieferungen zu feiern und nicht nur heldenhafte Überstunden, sowie sicherzustellen, dass Mitarbeitende ihren Urlaub tatsächlich nutzen. Wichtig ist auch, Räume für echte soziale Verbindung zu schaffen – nicht als Produktivitätstheater, sondern weil zwischenmenschliche Beziehungen ein Schutzfaktor sind. Veal weist darauf hin, dass viele Probleme der psychischen Gesundheit eigentlich strukturelle Probleme in Verkleidung sind. „Die Grundlagen guter Beschäftigung richtig zu machen, ist die am meisten unterschätzte Wohlfühl-Intervention, die es gibt.“
Messbarkeit jenseits von KPIs
Wie kann der Erfolg solcher kulturellen Veränderungen gemessen werden? Sara Veal empfiehlt eine Mischung aus quantitativen und qualitativen Methoden. Zu den harten Kennzahlen gehören Krankheitsausfallraten, die Inanspruchnahme von Mitarbeiterhilfsprogrammen, Fluktuation und Trends in Engagement-Umfragen. Entscheidend sind jedoch die weichen Signale: Sprechen Mitarbeitende offen über ihre Gefühle? Führen Vorgesetzte bedeutungsvolle Gespräche jenseits von Leistungsbeurteilungen? Fühlen sich Mitarbeitende sicher genug, Bedenken frühzeitig zu äußern? „Manchmal sieht ein Zeichen, dass Wohlbefinen funktioniert, zunächst wie Reibung aus“, sagt Veal. „Mitarbeitende, die sich sicher genug fühlen, sich zu äußern und für sich selbst einzutreten, auf eine Weise, wie sie es vorher nicht konnten – das ist ein gutes Zeichen, auch wenn es sich für die Führung wie eine Herausforderung anfühlt.“ Sie warnt davor, Wohlfühl-Metriken performativ zu machen, ohne die harte Arbeit des kulturellen Wandels zu leisten. „Die Zahl ist nicht der Punkt. Die gelebte Erfahrung ist es.“
Krisenkommunikation und Würde in unsicheren Zeiten
Angesichts anhaltender Entlassungen und wirtschaftlicher Unsicherheit hat Veal klare Ratschläge für Unternehmen: „Früh und ehrlich“ kommunizieren. Die Angst vor der Ungewissheit – nicht zu wissen, ob der eigene Job sicher ist oder die Gründe für Entscheidungen nicht zu verstehen – sei oft schädlicher als die schlechte Nachricht selbst. Transparente Führungskräfte, auch wenn sie nicht alle Antworten haben, förderten mehr Widerstandskraft in ihren Teams als jene, die durch Informationskontrolle führen. „Wie sich ein Unternehmen in seiner schlimmsten Phase verhält, daran erinnern sich die Menschen und darüber wird gesprochen“, stellt Veal klar. Ein fairer Exit-Prozess mit angemessener Abfindung, Outplacement-Unterstützung und ehrlichen Referenzen sei daher von immenser Bedeutung. Zudem kritisiert sie, dass genau die Unterstützungssysteme – wie Angebote zur psychischen Gesundheit – oft als erste in einer Krise gestrichen werden, obwohl sie in dieser Zeit am dringendsten benötigt werden.
GamesAid: Die Generosität der Branche als Leuchtturm
Veals Prinzipien der Nachhaltigkeit und Wertschätzung spiegeln sich auch in ihrer breiteren Arbeit für die Branche wider, insbesondere in ihrer Rolle als Vorsitzende von GamesAid. Seit sie 2022 dem Kuratorium beitrat, setzt sie sich dafür ein, die Großzügigkeit der Spieleindustrie zu kanalisieren, um dauerhaften Nutzen für Kinder und Jugendliche zu schaffen. In einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld ist es der Organisation gelungen, ihre Spenden aufrechtzuerhalten und in 2023/24 weitere 150.000 Pfund an ausgewählte Wohltätigkeitsorganisationen zu übergeben. „Es wäre einfach gewesen, wenn die wohltätigen Spenden während des Abschwungs weggefallen wären. Das ist nicht passiert, weil diese Industrie sich kümmert“, so Veal. Sie betont die transformative Wirkung dieser Summen für kleine Wohltätigkeitsorganisationen, wo 20.000 Pfund ein Forschungsprojekt finanzieren oder einem jungen Menschen Mobilitätshilfen ermöglichen können, die seine Unabhängigkeit verändern.
Herausforderungen und die Kraft der Gemeinschaft
Auch GamesAid steht als kleine Wohltätigkeitsorganisation vor Herausforderungen, insbesondere im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Ressourcen. Veal macht deutlich, dass die Organisation auf die Stimme der Branche angewiesen ist: „Wir verlassen uns darauf, dass die Industrie unsere Geschichte erzählt.“ Ihre Arbeit zielt darauf ab, mehr Wege für Einzelpersonen zu schaffen, sich über reine Geldspenden hinaus zu engagieren. In einer Zeit, in der Menschen um ihre Jobsicherheit fürchten, könne wohltätiges Geben wie ein Luxus erscheinen. Die Antwort von GamesAid müsse zeigen, dass es sich nicht um ein nettes Add-on handelt. „Es spricht das Herz dieser Industrie an. Die Gaming-Community war schon immer großzügig – das ist schützenswert.“
Sara Veals Rahmenwerk bietet der Games-Branche mehr als nur eine Checkliste zur Verbesserung des Mitarbeiterwohlbefindens. Es ist ein Aufruf zu einem grundlegenden Perspektivwechsel: weg von der Betrachtung von Menschen als austauschbare Ressource in einem Hochdruckumfeld, hin zur Anerkennung, dass sie das primäre und wertvollste Asset jeder kreativen Organisation sind. Ihre Erkenntnisse, die von der Mikroebene alltäglicher Führungsentscheidungen bis zur Makroebene der Branchenphilanthropie reichen, verweben sich zu einem kohärenten Bild einer nachhaltigeren Zukunft. Letztlich geht es nicht darum, die Leidenschaft und den Ehrgeiz aus der Spieleentwicklung zu nehmen, sondern darum, diese Kräfte in Strukturen zu kanalisieren, die sie aufrechterhalten, statt sie zu verzehren. Die Messlatte, die Veal setzt, ist klar: Eine wirklich erfolgreiche Industrie misst sich nicht nur an ihren Umsatzzahlen und blockbuster titles, sondern auch daran, wie sie ihre Talente behandelt, in guten wie in schlechten Zeiten, und wie sie ihre kollektive Kraft nutzt, um über sich selbst hinaus zu wirken. Der Weg dorthin beginnt mit einer einfachen, aber radikalen Entscheidung: Menschen wieder ins Zentrum zu stellen.