Die Ernennung der neuen Xbox-Chefin Asha Sharma in eine Beratergruppe der US-Notenbank Federal Reserve sorgt für Irritationen. Kurz nachdem Microsoft unter ihrer Führung den Abbau von 3.200 Stellen im Gaming-Bereich ankündigte, soll sie nun die Geldpolitik zur Zukunft der Arbeit und Künstlichen Intelligenz mitgestalten. Die Personalie wirft Fragen auf – nicht nur wegen des denkbar schlechten Timings.
Eine fragwürdige Personalie für die Fed-Arbeitsgruppe
Die US-Notenbank hat offiziell mitgeteilt, welche Branchenführer künftig in verschiedenen Taskforces die Geldpolitik beraten werden. Eine dieser Gruppen beschäftigt sich mit Produktivität und Arbeitsmarkt. Ihr Auftrag: die wirtschaftlichen Auswirkungen neuer allgemeiner Technologien – insbesondere Künstlicher Intelligenz – zu bewerten, um die geldpolitischen Entscheidungen der Federal Reserve zu informieren. Neben Sharma wurden der Risikokapitalinvestor Marc Andreessen und der Stanford-Ökonom Charles I. Jones berufen.
Asha Sharma wechselte erst vor wenigen Monaten von Microsofts Core-AI-Sparte zur Führung des Gaming-Geschäfts. In ihrer kurzen Amtszeit als Xbox-Chefin fielen bereits unangenehme Entscheidungen: eine erneute Preiserhöhung für die Spielekonsolen sowie die Ankündigung, 3.200 Arbeitsplätze in den Xbox-Studios zu streichen. Zwar vollzieht Microsoft diesen Sparkurs bereits seit geraumer Zeit und Sharma ist nicht die Urheberin dieser Politik. Doch der Zeitpunkt ihrer Berufung in ein Gremium, das die Beschäftigungswirkung von KI bewerten soll, könnte kaum unglücklicher sein.
Warum die Berufung von Asha Sharma in den Fed-Beirat problematisch ist
Die Spieleindustrie befindet sich in einer tiefgreifenden Krise. Massive Entlassungen sind seit Monaten an der Tagesordnung, und gleichzeitig ringt die Branche um einen verantwortungsvollen Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Dass ausgerechnet eine Führungskraft, die eben erst tausende Stellenstreichungen verantwortet hat, nun die US-Notenbank zur Zukunft der Arbeit beraten soll, wirkt wie ein fatales Signal. Es entsteht der Eindruck, dass die Fed vor allem jene Stimmen hören will, die Technologieoptimismus mit Arbeitsplatzabbau gleichsetzen – und nicht jene, die nach sozialverträglichen Lösungen suchen.
Hinzu kommt: Das Gremium soll ausdrücklich auch die Frage klären, wie KI den Arbeitsmarkt verändert. Sharma bringt aus ihrer Zeit bei Microsofts KI-Abteilung zwar technisches Verständnis mit. Ob sie jedoch die richtige Ansprechpartnerin ist, um die beschäftigungspolitischen Risiken generativer KI nüchtern zu bewerten, darf bezweifelt werden – ihr eigener Konzern setzt KI massiv zur Effizienzsteigerung ein, häufig mit direkten Auswirkungen auf Arbeitsplätze.
Marc Andreessen: Ein weiterer problematischer Berater
Die Skepsis gegenüber der neuen Taskforce richtet sich nicht allein gegen Sharma. Auch Marc Andreessen, Mitgründer des Risikokapitalgebers Andreessen Horowitz, hat in der Vergangenheit wiederholt durch eine bemerkenswert unkritische Haltung gegenüber KI aufmerksam gemacht. Seine öffentlichen Äußerungen zum Thema Künstliche Intelligenz und Arbeitslosigkeit gelten Fachleuten als oberflächlich und realitätsfern. In einem viel beachteten Blogbeitrag argumentierte er etwa, KI werde keinesfalls zu Massenarbeitslosigkeit führen – eine Position, die viele Experten angesichts der rasanten Entwicklung generativer Modelle für zu optimistisch halten.
Andreessen vertritt eine technologiezentrierte Weltsicht, in der regulatorische Eingriffe grundsätzlich skeptisch betrachtet werden. Dass ein solcher Denker nun ausgerechnet jene US-Notenbank beraten soll, die in ihrer Geldpolitik auch die soziale Dimension des technologischen Wandels berücksichtigen müsste, ist zumindest bemerkenswert.
Charles I. Jones: Das clevere Schwergewicht im Trio
Der dritte im Bunde ist Charles I. Jones, Ökonomieprofessor an der Stanford University. Er befindet sich derzeit beurlaubt vom Anthropic Institute – jenem KI-Unternehmen, das hinter dem Sprachmodell Claude steht. Jones gilt als ausgewiesener Fachmann für Wirtschaftswachstum und technologischen Wandel. Seine Forschung beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Innovationen die Produktivität und den Arbeitsmarkt beeinflussen. Im Vergleich zu Sharma und Andreessen bringt er die wissenschaftliche Tiefe mit, die das Gremium benötigt. Die Frage ist nur, ob seine Stimme in diesem Trio ausreicht, um eine ausgewogene Bewertung zu gewährleisten.
Ein Gremium mit Schlagseite
Insgesamt zeichnet sich die neue Taskforce der Federal Reserve durch eine bemerkenswerte Einseitigkeit aus. Zwei der drei Mitglieder stehen öffentlich für eine technologieoptimistische, regulatorisch zurückhaltende Position. Kritische Stimmen, die auf die Risiken von KI für den Arbeitsmarkt hinweisen – etwa die zunehmende Automatisierung von Wissensarbeit, die Verdrängung von Kreativberufen oder die Verschärfung sozialer Ungleichheit – sind in dieser Runde nicht vertreten.
Die US-Notenbank steht vor der schwierigen Aufgabe, die Geldpolitik in einer Ära zu gestalten, in der KI die Produktivität sprunghaft steigern, aber auch ganze Berufsfelder obsolet machen könnte. Dass sie sich für diese Aufgabe ausgerechnet auf ein Beratergremium stützt, das in seiner Zusammensetzung eher wie ein Who-is-Who des ungebrochenen Technologieoptimismus wirkt, ist ein strategisches Risiko. Die Entscheidungen der Fed haben weitreichende Folgen für den gesamten Arbeitsmarkt – und die Glaubwürdigkeit der Institution hängt auch davon ab, ob sie sich bei solchen Zukunftsfragen einem breiten Meinungsspektrum öffnet.
Für die Spieleindustrie bleibt die Entwicklung ein bitterer Beigeschmack. Während die Branche um ihre Arbeitsplätze kämpft und sich fragt, wie KI verantwortungsvoll eingesetzt werden kann, sitzt eine ihrer obersten Entscheiderinnen nun in einem Gremium, das die Weichen für die Arbeitsmarktpolitik der größten Volkswirtschaft der Welt stellen soll. Die Frage, ob Sharma dort die Interessen der Beschäftigten oder die Effizienzziele der Technologiekonzerne vertreten wird, hat sich mit dieser Berufung noch nicht beantwortet – aber beunruhigend ist die Perspektive allemal.