Xbox-Chefin Asha Sharma hat die umfassendste Umstrukturierung in der Geschichte der Gaming-Sparte von Microsoft eingeleitet. Im Zuge dieser Neuausrichtung werden im Laufe des Geschäftsjahres 2027 rund 3.200 Stellen gestrichen, davon etwa 1.600 mit sofortiger Wirkung. Darüber hinaus trennt sich Xbox von vier bekannten Studios: Compulsion Games, Double Fine Productions, Ninja Theory und Undead Labs verlassen den Konzernverbund. Die Maßnahmen folgen auf eine interne Analyse, die das Geschäft als nicht gesund bezeichnet – die operativen Margen lägen um das Drei- bis Zehnfache unter denen vergleichbarer Plattform- und Publishing-Unternehmen.
Xbox-Entlassungen: Vier Studios werden abgestoßen oder eigenständig
Compulsion Games und Double Fine Productions kehren in die Unabhängigkeit zurück. Beide Studios übernehmen wieder ihre ursprüngliche Führungsstruktur und behalten ihr geistiges Eigentum, ihren Katalog sowie die finanzielle Ausstattung für ihre nächsten Spiele. Ninja Theory und Undead Labs hingegen haben bereits Vereinbarungen mit neuen Eigentümern getroffen. Diese sollen die Finanzierung sicherstellen, um die laufenden Projekte Senua und State of Decay 3 fertigzustellen und weiterzuentwickeln. Parallel dazu hat Arkane Studios, bekannt für Marvel’s Blade, in Frankreich Konsultationen mit dem Betriebsrat eingeleitet, um strategische Optionen für die Zukunft zu prüfen.
Die Entscheidung, sich von Studios zu trennen, begründet Sharma mit einer grundlegenden Fehleinschätzung der vergangenen Jahre. Seit 2018 habe Xbox aggressiv die eigene Studioflotte erweitert – ein Kurs, der sich als nicht nachhaltig erwiesen habe. In einem durchschnittlichen Jahr, so die Konzernchefin, habe Xbox 64 Cent pro investiertem Dollar verloren. Die Erwartungen an Game Pass, die Multiplattform-Strategie und ein breiteres Inhaltsportfolio seien nicht erfüllt worden. Die Folge: Das Kerngeschäft habe sich abgeschwächt, während parallel immer mehr Teams und Investitionen hinzugekommen seien.
Warum Xbox die Führungsebenen radikal verschlankt
Ein zentraler Bestandteil des Umbaus ist die Verschlankung der Hierarchien. In Teilen des Unternehmens durchliefen Arbeitsprozesse bis zu 14 Führungsebenen, bevor Entscheidungen getroffen wurden. Diese Komplexität habe Entscheidungen verlangsamt, Verantwortlichkeiten verschwimmen lassen und die Fähigkeit beeinträchtigt, für Spieler zu liefern. Künftig soll die Zahl der Managementebenen auf maximal fünf, wo möglich sogar auf drei reduziert werden. Parallel dazu wird die Plattformabteilung, die personell um 40 Prozent gewachsen ist, obwohl Spielerbasis und Spielzeit gesunken sind, neu organisiert.
Die Restrukturierung betrifft alle großen Einheiten des Konzerns: Activision, Bethesda/ZeniMax, Blizzard, King, Mojang und Xbox Game Studios. Öffentlich angekündigte First-Party-Projekte, so betont Sharma, sollen von den Kürzungen jedoch nicht betroffen sein. Kein einziges angekündigtes Spiel werde gestrichen. Gleichzeitig werden Mojang und King künftig direkt an Sharma berichten. Beide Studios bezeichnet sie als Plattformen mit der höchsten Anzahl monatlich aktiver Spieler, die geografisch und demografisch eine Schlüsselrolle für Xbox spielen.
Helen Chiang übernimmt operative Gesamtverantwortung
Mit der Umstrukturierung geht auch ein Führungswechsel einher. Dave McCarthy, nach 17 Jahren bei Xbox, tritt als Chief Operating Officer in den Ruhestand. Seine Nachfolge tritt Helen Chiang an, die bislang unter anderem für Mojang und die Minecraft-Franchise verantwortlich zeichnete. Chiang übernimmt erstmals eine Position mit umfassender Profit-and-Loss-Verantwortung über Content, Hardware, Plattform und Services hinweg. Ihr Auftrag: klare Investitionsentscheidungen treffen, aus Erfolgen und Misserfolgen lernen und die operative Effizienz steigern.
Trotz der massiven Einschnitte betont Sharma den langfristigen Anspruch: „Diese Veränderungen zielen auf eine größere Zukunft für Xbox ab, nicht auf eine kleinere.“ Das kommende Jahrzehnt des Spielens werde größer, globaler und kreativer sein als alles, was die Branche bisher gesehen habe. Die Investitionen in Xbox sollen in diesem Jahr auf dem Niveau der Vorjahre bleiben – allerdings mit größerem Fokus, größerer Disziplin und größerer Klarheit. Sharmas erklärtes Ziel: Xbox solle zu den wenigen Unternehmen gehören, die täglich mehr als eine Milliarde Menschen unterhalten und jedem die Möglichkeit geben, zu kreieren und sich zu vernetzen. Die Rückkehr zu Wachstum erwartet sie für das Jahr 2027.
Was die Restrukturierung für die Gaming-Branche bedeutet
Die Ankündigung von Xbox reiht sich ein in eine Serie von Konsolidierungs- und Sparmaßnahmen, die die gesamte Spieleindustrie seit Monaten prägen. Dass ein Plattforminhaber wie Microsoft jedoch nicht nur Stellen streicht, sondern komplett auf einen Teil seiner akquirierten Studios verzichtet, ist ein bemerkenswerter Schritt. Die Entscheidung, Compulsion Games und Double Fine Productions in die Unabhängigkeit zu entlassen, signalisiert einen Strategiewechsel: Statt weiterhin auf Zukäufe und den Aufbau einer möglichst breiten First-Party-Palette zu setzen, will Xbox offenbar stärker auf Partnerschaften mit unabhängigen Studios setzen. Die Devise lautet nun offenbar: weniger Besitz, mehr Kooperation – und vor allem: profitables Wachstum statt ungebremster Expansion.