Embracer Group durchlebt seit Jahren eine schwierige Phase. Massive Entlassungen und die Streichung von fast 30 angekündigten oder in Entwicklung befindlichen Projekten haben den schwedischen Publisher-Konzern schwer getroffen. Nun vollzieht das Unternehmen einen radikalen Schritt, um sich zu restrukturieren und langfristig wieder profitabel zu wachsen. Die Ankündigung, sich in zwei separate börsennotierte Gesellschaften aufzuspalten, ist der vorläufige Höhepunkt dieser Neuausrichtung. Das neu geschaffene Unternehmen Fellowship Entertainment soll künftig das operative Geschäft mit den wertvollsten Spielemarken bündeln und gleichzeitig die Türen für externe Partner öffnen – insbesondere für einige der bekanntesten, aber derzeit ruhenden Franchises wie Saints Row, TimeSplitters und Deus Ex.
Ein Spin-off mit strategischer Bedeutung: Fellowship Entertainment
Der Embracer-Vorstandsvorsitzende hat die Pläne für Fellowship Entertainment in einem offenen Brief an die Aktionäre detailliert. Das neue Unternehmen soll noch im Laufe des Kalenderjahres 2027 an der Nasdaq in Stockholm notiert werden. Der Schritt ist Teil einer umfassenden Dezentralisierungsstrategie, die der Konzern nach eigener Aussage als den effektivsten Weg für nachhaltiges Wachstum identifiziert hat. Die Botschaft an die Investoren ist klar: Durch die Verselbstständigung können sich die verantwortlichen Manager voll und ganz auf die Erschließung des Potenzials der zusammengelegten Marken konzentrieren – samt ihrer Communities und den weltweit besten Entwicklerteams.
Fellowship Entertainment wird dabei nicht nur als reine Holding fungieren. Das Unternehmen soll eine schlagkräftige Publishing-Einheit werden, die ab dem Geschäftsjahr 2027/28 mindestens zwei herausragende AAA-Veröffentlichungen pro Jahr anstrebt. Eine eigene Geschäftseinheit wird sich zudem auf die externe Lizenzierung der Spielrechte konzentrieren, was insbesondere für die klassischen Marken relevante Einnahmequellen erschließen könnte.
Welche Studios und Marken wechseln zu Fellowship?
Die Liste der Studios, die unter dem Dach von Fellowship Entertainment zusammengeführt werden, liest sich wie ein Who’s who der Embracer-Gruppe. Warhorse Studios (verantwortlich für Kingdom Come: Deliverance), Crystal Dynamics (Tomb Raider), 4A Games (Metro) und Eidos Montreal (Deus Ex, Thief) sind nur einige der prominenten Entwicklerhäuser, die künftig zur neuen Tochter gehören. Die Rechte an den zugehörigen IPs – darunter nicht nur die genannten, sondern auch The Lord of the Rings, Middle-earth, Dead Island und viele weitere – liegen dann bei Fellowship.
Besonders spannend ist jedoch der zweite Teil der Ankündigung. Embracer hat explizit bestätigt, dass man künftig „aktiver externe Partnerschaften für unser Portfolio anderer bekannter IPs erkunden“ werde. In der offiziellen Mitteilung werden unter anderem Saints Row, Legacy of Kain, Deus Ex, Red Faction, The Mask, Thief und TimeSplitters genannt. Das sind Marken, die seit Jahren keine neuen Ableger mehr gesehen haben und von der Branche teils bereits als tot oder zumindest in der Versenkung verschwunden betrachtet wurden.
Eine zweite Chance für Saints Row und Co.?
Besonders der Fall Saints Row zeigt, wie tief die Wunden sitzen. Der Schöpfer der Serie hatte erst vor wenigen Monaten öffentlich gemacht, dass Embracer seinen Pitch für ein Prequel, das in den 1970er Jahren spielen sollte, komplett ignoriert habe. Er bezeichnete die Marke daraufhin als tot. Unter dem neuen Fellowship-Spin-off könnte sich dieses Blatt nun wenden. Die Ankündigung, externe Partnerschaften für genau dieses Franchise zu suchen, signalisiert, dass man die Marke nicht aufgegeben hat, sondern sie vielleicht sogar an externe Entwickler lizenzieren möchte. Statt eines vollständigen Neustarts oder einer internen Entwicklung könnte ein externer Partner eine neue Interpretation oder ein Remake anbieten.
Das Gleiche gilt für TimeSplitters, einen legendären Ego-Shooter, der vor allem in den 2000er Jahren Kultstatus genoss. Nach mehreren vergeblichen Anläufen, die Reihe wiederzubeleben, und der Schließung des ursprünglichen Entwicklerstudios Free Radical Design, schien das Franchise endgültig begraben. Auch hier könnte nun ein neuer Partner die Chance erhalten, die chaotische Zeitreise-Saga wiederzubeleben.
Die Liste der Marken, die für externe Partnerschaften infrage kommen, ist lang. Neben den bereits genannten sind auch Legacy of Kain und Deus Ex dabei – zwei hochkomplexe Narrative-IPs mit enormem Potenzial, aber auch hohem Risiko. Ein externer Entwickler könnte hier entweder ein Remaster, einen Reboot oder eine völlig neue Episode umsetzen, ohne dass Embracer selbst die volle Entwicklungskosten tragen muss. Das Lizenzmodell erlaubt es dem Unternehmen, von den Stärken spezialisierter Studios zu profitieren und gleichzeitig die Markenrechte zu behalten.
Warum dieser Schritt jetzt kommt
Die vergangenen zwei Jahre waren für Embracer Group eine Zäsur. Nach einer aggressiven Übernahmewelle, bei der man dutzende Studios und hunderte IPs einsammelte, folgte der Kater. Ein geplatzter Milliarden-Deal mit einem strategischen Investor zwang den Konzern zu drastischen Sparmaßnahmen. Arbeitsplätze wurden abgebaut, Studios geschlossen und unzählige Spieleprojekte eingestellt. Die Ankündigung der Aufspaltung ist der logische nächste Schritt dieser Restrukturierung: Man trennt das operative Geschäft mit den großen Marken von den übrigen Beteiligungen und schafft so eine schlankere, fokussiertere Einheit.
Die Auslagerung der Lizenzierung klassischer IPs an externe Partner ist dabei besonders klug. Statt teure interne Entwicklungen zu riskieren oder Marken brachliegen zu lassen, kann Embracer bzw. Fellowship Entertainment nun gezielt Lizenzen vergeben. Das minimiert das finanzielle Risiko und maximiert die Chance, dass diese Marken wieder relevant werden. Gleichzeitig werden die Entwicklerstudios unter Fellowship für die Kerntitel wie Tomb Raider, Metro und Kingdom Come Deliverance freigespielt, was die angepeilten zwei AAA-Launches pro Jahr realistischer macht.
Ausblick: Was bedeutet das für die Branche?
Dieser Schritt könnte weitreichende Folgen für die gesamte Spieleindustrie haben. Sollte das Lizenzmodell unter Fellowship Entertainment erfolgreich sein, könnte es als Blaupause für andere große Publisher dienen, die über einen ähnlich umfangreichen Katalog an ruhenden Marken verfügen. Statt IPs einfach verschwinden zu lassen, könnten sie gegen Lizenzgebühren an ambitionierte Entwicklerteams vergeben werden. Das würde nicht nur die Vielfalt an Spielen erhöhen, sondern auch unabhängigen Studios die Chance geben, an großen, etablierten Marken zu arbeiten.
Ob diese Strategie aufgeht, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die ersten Ergebnisse der Partnersuche dürften wohl nicht vor dem Börsengang von Fellowship Entertainment im Jahr 2027 zu erwarten sein. Fest steht jedoch: Für Fans von Saints Row, TimeSplitters, Deus Ex und Legacy of Kain ist die Hoffnung auf eine Rückkehr ihrer Lieblingsserien größer als seit Jahren. Die Frage ist nur, wer die Partner sein werden und in welcher Form die Spiele zurückkehren.
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