Die klassische Geselligkeit verliert nach einer neuen repräsentativen Umfrage für viele Menschen in Deutschland an Bedeutung. Freunde zu treffen, sei zwar weiterhin die wichtigste soziale Freizeitaktivität, jedoch sei ihr Wert gesunken, erklärt die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen auf Grundlage ihres neuen „Freizeit-Monitors“. Nur noch 19 Prozent der 3.000 im Juli befragten Menschen gaben an, sie seien regelmäßig mit Freunden unterwegs. Vor 40 Jahren, bei der Befragung für den ersten Freizeit-Monitor der Stiftung, hatten noch 37 Prozent so geantwortet. Dieser Rückgang um fast die Hälfte ist ein deutlicher Indikator für einen grundlegenden Wandel im Sozialverhalten – einen Wandel, der maßgeblich durch die zunehmende Nutzung digitaler Medien und den Aufstieg Künstlicher Intelligenz getrieben wird.
Warum die klassische Geselligkeit an Bedeutung verliert
Die Stiftung für Zukunftsfragen sieht die Ursachen in einer tiefgreifenden Verschiebung von Freizeitmustern. „Die klassische Geselligkeit verliert damit an Reichweite, während soziale Kontakte stärker in individuell planbare und digitale Formen übergehen“, sagt der wissenschaftliche Leiter Ulrich Reinhardt. Der Alltag werde dominiert von der Nutzung des Internets, dem Fernsehen, Musikhören und dem Handy. Statt sich spontan mit Freunden zu verabreden, greifen viele Menschen zu jeder Tageszeit auf digitale Angebote zurück, die keine Abstimmung mit anderen erfordern. Dieser Trend hat sich in den vergangenen Jahren massiv beschleunigt – nicht zuletzt durch die steigende Verbreitung von KIaa-gestützten Diensten, die individuelle Nutzungserlebnisse personalisieren und perfekt an die eigenen Bedürfnisse anpassen.
Besonders auffällig ist der Zuwachs bei orts- und zeitunabhängig nutzbaren Angeboten. 2016 gaben 52 Prozent der Befragten an, wenigstens einmal pro Woche Musik zu hören. Heute sind es 82 Prozent. Videospiele steigerten sich in der Beliebtheit von 9 auf 33 Prozent. Social Media legte von 48 auf 71 Prozent zu. Diese Zahlen verdeutlichen: Die Menschen investieren immer mehr Zeit in mediale Formen der Unterhaltung, die sie allein oder in virtuellen Räumen erleben. Der reale soziale Austausch wird dadurch nicht ersetzt, aber zeitlich verdrängt.
KI und Social Media als Ersatz für reale Freunde
Die Frage, ob Künstliche Intelligenz und Social Media reale Freundschaften ersetzen, wird durch die aktuellen Daten befeuert. Während soziale Netzwerke wie Instagram, TikTok oder Facebook längst als zentrale Plattformen für soziale Interaktion gelten, rücken zunehmend KI-basierte Systeme in den Fokus: Chatbots, virtuelle Assistenten und personalisierte Empfehlungsalgorithmen schaffen eine Umgebung, in der Nutzer jederzeit auf maßgeschneiderte Inhalte und Reaktionen zugreifen können – ohne auf einen menschlichen Gegenüber angewiesen zu sein. Besonders bei jüngeren Zielgruppen ist dieser Trend ausgeprägt. Videospiele, die zunehmend KI-gesteuerte Gegner und narrative Elemente integrieren, erzeugen eine immersive Welt, die soziale Bedürfnisse temporär stillen kann. Die Grenze zwischen realer und digitaler Sozialität verschwimmt.
Die Stiftung für Zukunftsfragen verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die klassische Geselligkeit vor allem deshalb an Boden verliert, weil sie mit einem höheren Planungsaufwand verbunden ist. Ein spontanes Treffen mit Freunden erfordert Koordination, Zeit und oft auch finanzielle Mittel. Digitale Alternativen hingegen sind jederzeit verfügbar, kostengünstig und lassen sich perfekt in den individuellen Tagesablauf integrieren. KI als Freundeersatz zeigt sich dabei nicht nur in menschenähnlichen Chatbots, sondern auch in Algorithmen, die die Nutzer auf Social-Media-Plattformen mit Inhalten versorgen, die genau auf ihre aktuellen Stimmungen und Interessen zugeschnitten sind. Diese Systeme lernen ständig dazu und werden immer besser darin, die Rolle eines verständnisvollen Zuhörers oder Unterhalters zu simulieren.
Welche Rolle spielt die demografische Entwicklung?
Die Daten des Freizeit-Monitors zeigen, dass der Rückgang der Geselligkeit nicht alle Altersgruppen gleichermaßen betrifft. Während jüngere Menschen unter 30 Jahren noch vergleichsweise häufig Freunde treffen, ist der Einbruch bei den 30- bis 50-Jährigen besonders stark. Gerade in dieser Lebensphase steigen berufliche und familiäre Verpflichtungen, und die Digitalisierung bietet eine bequeme Möglichkeit, soziale Kontakte zu pflegen, ohne das Haus verlassen zu müssen. Gleichzeitig wächst eine Generation heran, die von klein auf mit KI-gestützten Spielen und Social-Media-Plattformen sozialisiert wurde. Für sie ist die Unterscheidung zwischen realen und digitalen Freundschaften oft fließend. Die Frage ist nicht mehr, ob KI und Social Media reale Freunde ersetzen, sondern in welchem Maße und mit welchen Folgen.
Die Implikationen für die Gesellschaft
Der gesellschaftliche Wandel ist ambivalent zu bewerten. Einerseits ermöglichen digitale Formen der Geselligkeit eine flexiblere Gestaltung von Sozialkontakten. Menschen mit eingeschränkter Mobilität, mit remote working oder in ländlichen Regionen profitieren von der Möglichkeit, sich ortsunabhängig zu vernetzen. Andererseits droht eine Verarmung der sozialen Interaktion, wenn der Anteil realer Begegnungen weiter zurückgeht. Studien belegen, dass face-to-face-Kommunikation für die emotionale Bindung und das gegenseitige Verständnis unersetzlich ist. Der Freizeit-Monitor liefert hier einen alarmierenden Befund: Die klassische Geselligkeit, also das ungezwungene Treffen mit Freunden, ist zwar noch die wichtigste soziale Freizeitaktivität, aber ihr Stellenwert sinkt kontinuierlich.
Die Stiftung für Zukunftsfragen betont, dass der Trend zu digitalen Alternativen durch technologische Innovationen noch verstärkt wird. Künstliche Intelligenz dringt immer tiefer in den Alltag ein. Sprachassistenten, die Small Talk führen, KI-gesteuerte Avatare in virtuellen Räumen oder Empfehlungssysteme, die das Sozialleben algorithmisch steuern – all das reduziert die Notwendigkeit, sich mit echten Menschen zu verabreden. Die Frage ist nicht, ob dieser Prozess aufzuhalten ist, sondern wie die Gesellschaft darauf reagiert. Politik und Bildungseinrichtungen sind gefragt, um Medienkompetenz zu fördern und Räume für reale Begegnungen zu schaffen.
Was bedeutet der Trend für die Zukunft der Freizeitgestaltung?
Die vorliegenden Daten aus dem Freizeit-Monitor sind ein Weckruf. Wenn nur noch 19 Prozent der Menschen regelmäßig Freunde treffen, während Social Media und KI-gestützte Angebote eine immer größere Rolle spielen, dann verändert sich nicht nur die Freizeitkultur, sondern auch das Verständnis von Freundschaft und sozialem Zusammenhalt. Langfristig könnte dies zu einer Gesellschaft führen, in der Einsamkeit trotz permanenter Vernetzung zunimmt. Denn was Algorithmen nicht liefern können, ist echte Nähe, Vertrauen und spontane Emotionen. Die Herausforderung wird sein, die Vorzüge digitaler Tools zu nutzen, ohne die reale Geselligkeit zu opfern. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, ob die Gesellschaft einen Ausgleich findet – oder ob KI und Social Media die letzten Bastionen menschlicher Begegnung schleifen.