IO Interactive, das Studio hinter der erfolgreichen Hitman-Reihe, wird voraussichtlich keine Gelegenheit erhalten, einen Nachfolger zu 007 First Light zu entwickeln. Der letzte Woche veröffentlichte James-Bond-Titel verkaufte sich innerhalb von 24 Stunden über 1,5 Millionen Mal – ein beachtlicher Erfolg. Dennoch hat Amazon, der aktuelle Hüter der Film- und Spielelizenz, klargestellt, dass künftige Projekte intern realisiert werden sollen. Damit zeichnet sich ein strategischer Bruch ab, der weitreichende Folgen für die Zukunft der Spielemarke haben könnte.
Eine Frage der Rechte: Wie Amazon in die Bond-Welt einstieg
Die Ausgangslage ist komplex. IO Interactive hatte sich bereits vertraglich zur Produktion von First Light verpflichtet, als Amazon im Jahr 2021 den Mutterkonzern MGM (Metro Goldwyn Mayer) übernahm. MGM hält seit jeher die Rechte am James-Bond-Franchise. Der Deal umfasste auch die Spielelizenz, sodass Amazon rückwirkend zum Rechteinhaber des Projekts wurde. Jeff Gattis, Chef von Amazon Games, erklärte gegenüber Polygon: „Wir haben First Light nicht gemacht. Wir haben zwar einen Anteil daran, weil wir jetzt das IP besitzen, aber dieser IP-Erwerb erfolgte, nachdem der IO-Deal für First Light bereits abgeschlossen war.“ Diese zeitliche Abfolge erklärt, warum ein externes Studio überhaupt einen Bond-Titel entwickeln konnte – und warum dieser Umstand aller Voraussicht nach einmalig bleibt.
Der Plan für die Zukunft: Inhouse statt Fremdentwicklung
Gattis stellte unmissverständlich klar, dass Nachfolger von First Light künftig „von MGM und theoretisch von Amazon Game Studios“ umgesetzt werden. Das bedeutet: IO Interactive, das mit der Hitman-Serie bewiesen hat, komplexe Stealth-Mechaniken und narrative Sandboxen meisterhaft zu inszenieren, steht vorerst nicht mehr als Partner zur Verfügung. Für das dänische Studio ist das ein harter Rückschlag. Der kommerzielle Erfolg von First Light hätte eigentlich die Basis für eine langfristige Zusammenarbeit legen können. Doch Amazons Entscheidung signalisiert, dass der Konzern die Kontrolle über eine seiner prestigeträchtigsten Marken nicht aus der Hand geben will.
Eine gemischte Bilanz: Amazons schwieriges Verhältnis zur Spieleentwicklung
Die Ankündigung, die Bond-Spiele künftig selbst zu entwickeln, wirft jedoch Fragen auf. Amazon Games hat in der Vergangenheit mehrfach Titel eingestellt oder in der Entwicklung gestoppt. Dazu zählen unter anderem ein geplantes MMO im Universum von Der Herr der Ringe, die Fantasy-MMO New World sowie der Dungeon-Brawler King of Meat. Die Liste der gescheiterten oder abgebrochenen Projekte ist lang und die Erfolgsbilanz der internen Studios entsprechend durchwachsen. Vor diesem Hintergrund wirkt die Entscheidung, ein erfahrenes und erfolgreiches Studio wie IO Interactive außen vor zu lassen, zumindest riskant. Die Frage ist, ob Amazon Game Studios in der Lage sein wird, die Qualität und den erzählerischen Anspruch zu liefern, den der Bond-Marke gerecht wird.
Warum darf IO Interactive kein James-Bond-Sequel entwickeln?
Die Antwort liegt in der Übernahme von MGM durch Amazon. Da der Konzern mit dem Kauf auch die vollständigen Vermarktungs- und Entwicklungsrechte an der James-Bond-Lizenz erwarb, entschied er sich, künftige Spieleprojekte intern zu steuern. Der Vertrag mit IO Interactive betraf ausschließlich das erste Spiel. Ein Automatismus für eine Fortsetzung bestand nicht. Amazon möchte die Marke stärker mit den eigenen Studios und der Prime-Video-Strategie verzahnen und setzt daher auf eine vollständige Kontrolle der Produktion.
Transmedia als Strategie: Die Verschmelzung von Film und Spiel
Gattis begründet den Schritt mit einer übergreifenden Vision. „Wir sehen diese fortgesetzte Integration von Video, Filmen und Videospielen, bei der die Grenzen immer verschwimmen. Wir denken, dass das eine echte Chance für uns ist, IP zu schaffen, die über TV-Serien und Filme hinausgeht oder diese erweitert“, sagte er. Konkret verwies er auf ein geplantes Tomb Raider-Serienprojekt bei Prime Video, das parallel zu den Spielen erscheinen soll. Auch für James Bond ist eine solche Verzahnung denkbar: Ein neues Spiel könnte eine TV-Serie oder einen Kinofilm begleiten, Schauplätze oder Figuren teilen und so ein medienübergreifendes Erlebnis schaffen. Diese Strategie ist aus Hollywood bekannt, in der Spielebranche jedoch selten konsequent umgesetzt worden.
Was bleibt: Ein Erfolg ohne Zukunft für IO Interactive
Für IO Interactive bedeutet die Entscheidung, dass der spektakuläre Erfolg von First Light vorerst ohne direkte Fortsetzung bleibt. Das Studio wird sich nun auf seine verbleibenden Projekte konzentrieren müssen. Für die James-Bond-Fans wiederum ist die Entwicklung mit Spannung, aber auch mit Skepsis zu beobachten. Amazons Ambitionen im Transmedia-Bereich sind groß, die handwerkliche Umsetzung der hauseigenen Spieleabteilung jedoch bislang uneinheitlich. Der weitere Verlauf wird zeigen, ob der Konzern aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat oder ob die Lizenz zum Töten – im übertragenen Sinne – am Ende an den eigenen hohen Ansprüchen scheitert.