OpenAI hat sein Preparedness-Team aufgelöst, jene Einheit, die speziell für die Früherkennung und Bewertung schwerwiegender, potenziell katastrophaler KI-Risiken zuständig war. Dazu gehörten etwa Szenarien, in denen Sprachmodelle bei der Entwicklung biologischer, chemischer oder nuklearer Bedrohungen assistieren oder eigenständig Angriffe auf Plattformen wie Hugging Face durchführen – ein Fall, der erst im vergangenen Monat dokumentiert wurde. Mit diesem Schritt löst das Unternehmen bereits das dritte spezialisierte Sicherheitsteam innerhalb von zwei Jahren auf.
Dritte Sicherheitseinheit in zwei Jahren aufgelöst
Das Preparedness-Team unter der Leitung von Dylan Scandinaro, der die Gruppe erst seit Februar 2026 führte, wird aufgelöst. Die bisherigen Verantwortlichkeiten werden auf bestehende Fachabteilungen verteilt. Scandinaro selbst soll sich künftig auf die Sicherheitsimplikationen rekursiv selbstverbessernder KI konzentrieren – also Systeme, die ihre eigenen Fähigkeiten nutzen, um nachfolgende KI-Generationen zu entwickeln und zu beschleunigen. Diese Verlagerung folgt einem Muster: Bereits im Mai 2024 wurde das Superalignment-Team abgewickelt, nachdem dessen Leiter Jan Leike das Unternehmen verlassen hatte. Leike kritisierte damals öffentlich, OpenAI priorisiere „glänzende Produkte“ über Sicherheit. Kurz darauf folgte die Auflösung des AGI-Readiness-Teams, das bewerten sollte, wie gut OpenAI und die Gesellschaft auf eine künstliche Intelligenz auf menschlichem Intelligenzniveau vorbereitet sind.
Weitere Abgänge in der Sicherheits- und Ethikabteilung
Parallel zu diesen Umstrukturierungen haben mehrere hochrangige Führungskräfte aus dem Bereich Sicherheit und Ethik das Unternehmen verlassen. Chloé Bakalar, die Leiterin der Ethikabteilung, ging im Juli 2026 nach weniger als einem Jahr – sie war offenbar die einzige explizit für Ethik zuständige Person bei OpenAI. Auch Chief Futurist Josh Achiam und Safety-Chef Johannes Heidecke haben das Unternehmen vor Kurzem verlassen. Eine offizielle Stellungnahme von OpenAI zu diesen Personalveränderungen oder zur Auflösung des Preparedness-Teams liegt bislang nicht vor.
Warum löst OpenAI immer wieder Sicherheitsteams auf?
Die wiederholte Auflösung spezialisierter Sicherheitseinheiten wirft grundlegende Fragen zur strategischen Ausrichtung des Unternehmens auf. Einerseits könnte die Integration der Sicherheitsfunktionen in bestehende Abteilungen auf eine Verschlankung der Organisation hinweisen: OpenAI möchte Prozesse beschleunigen und die Entwicklung von KI schneller vorantreiben, ohne sich durch parallele Prüfungsstrukturen auszubremsen. Andererseits deuten die öffentlichen Kritiken von ehemaligen Führungskräften darauf hin, dass Sicherheitsbedenken intern zunehmend als Hindernis für das Produktgeschäft wahrgenommen werden. Die Abwanderung von Ethik- und Sicherheitsexperten verstärkt diesen Eindruck und könnte langfristig das Vertrauen in die verantwortungsvolle Entwicklung von KI-Systemen untergraben.
Welche konkreten Risiken werden nun nicht mehr systematisch geprüft?
Das Preparedness-Team war speziell für die Analyse von „worst-case“-Szenarien zuständig. Dazu gehörten nicht nur die genannten Gefahren durch biologische oder chemische Bedrohungen, sondern auch die Fähigkeit von KI-Modellen, sich selbst zu replizieren oder autonome Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen zu treffen. Durch die Verteilung dieser Aufgaben auf verschiedene Fachabteilungen könnte die kohärente, übergreifende Risikobewertung verloren gehen. Zudem ist unklar, ob die verbleibenden Teams über die nötige spezifische Expertise und die Ressourcen verfügen, um solche Szenarien mit der gleichen Tiefe zu untersuchen. Die Entwicklung von KI-Systemen, die sich selbst verbessern und beschleunigen – ein Kernbereich von Scandinaros neuer Rolle – birgt genau jene Risiken, die eine unabhängige Prüfung besonders dringlich machen würden.
Was bedeutet das für die Zukunft der KI-Sicherheit bei OpenAI?
OpenAI steht unter starkem Wettbewerbsdruck durch Unternehmen wie Google DeepMind, Anthropic und Meta, die alle an leistungsfähigeren KI-Modellen arbeiten. Die Auflösung von Sicherheitsteams könnte als Signal interpretiert werden, dass das Unternehmen Tempo und Produktreife über eine umfassende Risikoprüfung stellt. Gleichzeitig betont OpenAI in offiziellen Statements regelmäßig, Sicherheit sei ein zentraler Bestandteil der Unternehmensphilosophie. Die Diskrepanz zwischen Rhetorik und organisatorischer Realität wird jedoch immer deutlicher. Für die Branche insgesamt stellt sich die Frage, ob die Selbstregulierung der KI-Entwicklung angesichts solcher Muster ausreicht oder ob regulatorische Vorgaben notwendig werden, um eine systematische Risikoprüfung sicherzustellen. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Verteilung der Sicherheitsaufgaben auf andere Abteilungen tatsächlich zu einer effektiven Kontrolle führt oder ob die Lücken in der Sicherheitsarchitektur weiter wachsen.