Mercedes-F1-IT-Team balanciert Innovation und Stabilität

Das Mercedes-F1-IT-Team meistert den Spagat zwischen Innovation und Stabilität bei extremen Datenmengen und zeitkritischen Entscheidungen.

IT-Direktor Michael Taylor über die Herausforderungen der Datenverarbeitung und die geplante SAP-Migration in der Formel 1.
Highlights
  • Die Rennwagen generieren während der Fahrt über eine Million Datenpunkte pro Sekunde.
  • Das IT-Team führte die SAP-Migration acht Wochen früher als geplant durch.
  • Taylor setzt auf menschliche Aufsicht bei KI und plant großflächige Umsetzung in sechs bis zehn Monaten.

Das Mercedes-F1-IT-Team balanciert Innovation und Stabilität in einem Umfeld, das von extremen Datenmengen und zeitkritischen Entscheidungen geprägt ist. Michael Taylor, IT Director des Mercedes-AMG Petronas Formel-1-Teams, verantwortet eine 18-köpfige IT-Mannschaft, die einen der datenintensivsten Betriebsabläufe der Welt steuert. Die Rennwagen sind mit rund 300 Sensoren ausgestattet, die während der Fahrt mehr als eine Million Datenpunkte pro Sekunde generieren – mehr Daten, als die meisten Unternehmen in einem ganzen Monat verarbeiten.

IT-Balance-Akt nach Rennkalender

Das Spannungsfeld zwischen Innovation und Kontrolle baut sich in den meisten Unternehmen über Quartale oder Jahre auf. In der Formel 1 ist es ein wöchentlicher Prozess. „Das ist wirklich hart – und wir bekommen es nicht immer richtig hin. Branchenerfahrung ist bei Entscheidungen rund um Veränderungen wirklich wichtig“, gesteht Taylor. Sein Team arbeitet in zwei unterschiedlichen Modi: Zwischen den Rennwochenenden sind die Mitglieder im Werk in Brackley, Großbritannien, tätig. Der Hauptsitz des Mercedes-AMG-Teams dient der Konstruktion, Fertigung und dem Testen der Rennwagen sowie einem 60.000 Quadratmeter großen Technologiecampus, auf dem sich alles um Projektmanagement und Experimente dreht. Sobald das Rennwochenende naht, verlagert sich der Fokus vollständig auf die Umsetzung. Diese Dualität prägt jede technologische Entscheidung: Dieselbe Agilität, die unter der Woche Innovationen vorantreibt, muss zum Grand Prix der Stabilität weichen. IT Director Taylor bezeichnet dies als „ständigen Kampf“.

SAP-Modernisierung im Grand-Prix-Tempo

Wie kampferprobt das F1-IT-Team ist, zeigte sich bei der Modernisierung des SAP-Systems. Mercedes-AMG Petronas setzt seit 1999 auf die Plattform aus Walldorf. Sie bildet die Grundlage für den gesamten „Design-to-Track“-Prozess – von der Freigabe des Fahrzeugdesigns über Planung, Beschaffung, Fertigung, Tests und Entwicklung bis hin zum Wiederaufbau des Rennwagens an der Strecke. Für die Migration setzten Taylor und sein Team auf „RISE with SAP“. Dabei gingen sie wie bei einem Boxenstopp vor: Alles wurde auf die Sekunde genau geplant und präzise ausgeführt. Im Dezember 2024 wurde der Zeitplan erarbeitet, mit dem Ziel, das System im August 2026 in Betrieb zu nehmen – genau abgestimmt auf die zweiwöchige Rennpause. „Das ist der perfekte Zeitpunkt, um Änderungen vorzunehmen – erfordert jedoch auch, alles bis ins Detail zu planen“, erklärt Taylor. Am Ende hatte das IT-Team die SAP-Migration sogar acht Wochen vor dem geplanten Termin abgeschlossen. Dies erklärt Taylor mit der Natur des Motorsports: „Wir sind Kontrollfreaks – das liegt an unserem Sport und seinem zeitgebundenen Charakter. Mein Team zieht es vor, Systeme selbst zu besitzen und zu verwalten, anstatt sich auf große Systemintegratoren zu verlassen.“

Assets schützen im High-Speed-Umfeld

Geistiges Eigentum zu schützen hat in der Formel 1 einen hohen Stellenwert – allerdings mit dem Unterschied, dass die Assets eine kurze Halbwertszeit aufweisen. Sobald ein neues Bauteil am Auto montiert und fotografiert wurde, erhält die Konkurrenz Einblicke. Der eigentliche Vorteil liegt nicht nur im Bauteil selbst, sondern in den Überlegungen, der Modellierung, der Simulation, den Fehlermodi, den Kompromissen und der Entwicklungsrichtung, die dabei eingeflossen sind. Um diese effektiv zu schützen, ist eine offensive Security-Strategie erforderlich. Der Sicherheitsverantwortliche des Mercedes-F1-Teams berichtet direkt an Taylor. Das Team testet aktiv die eigenen Abwehrmaßnahmen. „Verhalte dich wie ein Hacker, denke wie ein Hacker, arbeite wie ein Hacker. Wir machen uns Gedanken darüber, wie wir Bedrohungen abwehren können, ohne das Erlebnis der Endbenutzer zu beeinträchtigen“, sagt Taylor. In einer Kultur, die technisches Handeln fördert, wirke sich eine übertriebene Sicherheitspolitik schnell kontraproduktiv aus: „Perfektion ist der Feind des Fortschritts. Wenn die Sicherheit dem Business im Weg steht, werden Mittel und Wege gefunden, die Maßnahmen zu umgehen.“ Die Aufgabe der Security bestehe nicht darin, das Unternehmen auszubremsen, sondern den sicheren Weg zum einfachsten Weg zu machen.

KI-Pace ohne Überschwang

Weil sich künstliche Intelligenz rasant weiterentwickelt, führt Taylors Team regelmäßig unternehmensweite Pilotprojekte durch. Beispielsweise experimentieren sie mit Machine Learning für Simulationen, agentenbasierten Workflows in der Produktionsplanung und Coding-Assistenten für Entwickler. Dabei widersteht Taylor dem Drang, die Dinge zu überstürzen: „Wir sind noch dabei, unseren Weg zu finden. Eine Einheitslösung gibt es nicht. In sechs bis zehn Monaten werden wir entscheiden, was wir in großem Maßstab umsetzen.“ Vom Hype um autonom agierende KI lässt er sich nicht anstecken: „Ich bin nach wie vor fest davon überzeugt, dass es menschliche Aufsicht braucht. Wenn unsere Belegschaft mit der KI harmoniert, werden wir den echten Nutzwert der Technologie sehen – dort, wo sie unsere Mitarbeiter ergänzt.“ KI hat die Messlatte in Sachen Datenmanagement höher gelegt: „Gut genug bedeutet jetzt auch mehr Transparenz, klarere Berechtigungen und eindeutigere Zuständigkeiten. Man muss noch bewusster entscheiden, auf welche Daten die KI zugreifen darf.“

Taylors Rat an CIOs in anderen Branchen ist trügerisch simpel: „Beginnen Sie mit den Konsequenzen, nicht mit der Technologie. Sobald man diese versteht, kann man entscheiden, was die strengsten Kontrollen erfordert, was überwacht und aufbewahrt werden muss und an welchen Stellen es einfach nur einer besseren Grundhygiene bedarf.“ Dieser Ansatz – Geschwindigkeit mit Kontrolle zu verbinden, Menschen in Entscheidungsprozesse einzubinden und eine Governance zu etablieren, die gut genug ist – bietet einen Rahmen, der über die Boxengasse hinausweist.

Dieser Artikel ist im Original bei unserer Schwesterpublikation CIO.com erschienen.

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