Erholung erhält festen Platz im digitalen Arbeitsalltag

Ständige Erreichbarkeit in der digitalen Arbeitswelt erfordert einen Kulturwandel, damit Erholung als fester Bestandteil des Arbeitsalltags anerkannt wird.

Erholung muss als Voraussetzung für produktive Arbeit verstanden werden, nicht als Luxus.
Highlights
  • Fluglotsen zeigen, dass verbindliche Regenerationsphasen die Leistungsfähigkeit sichern.
  • Professorin Stefanie André von der IU Internationale Hochschule betont die Stärkung der Erholungskompetenz.
  • Eine gesundheitsorientierte Unternehmenskultur wird zum Wettbewerbsvorteil bei der Personalgewinnung.

Die digitale Arbeitswelt hat die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben vielerorts verschwimmen lassen. Ständige Erreichbarkeit und eine nie enden wollende Informationsflut setzen Beschäftigte zunehmend unter Druck. Ein grundlegender Kulturwandel ist nötig, damit Erholung nicht mehr als Luxus, sondern als fester Bestandteil eines gesunden und produktiven Arbeitsalltags verstanden wird.

„Digitale Erreichbarkeit ist nicht automatisch ungesund“

Menschen reagieren empfindlich auf digitale Reize und ständige Unterbrechungen, weil die Belastung chronisch werden kann. Digitale Kommunikation an sich ist nicht gesundheitsgefährdend, sie bietet viele Vorteile und erleichtert soziale Kontakte und die Organisation des Alltags. Problematisch wird es, wenn Menschen nicht mehr loslassen können. Die Angst, etwas zu verpassen – bekannt als Fear of Missing Out (FOMO) –, der permanente Vergleich mit anderen und das Gefühl, ständig sichtbar und messbar zu sein, treiben die Belastung in die Höhe. Hinzu kommen persönliche Antreiber wie das Unvermögen, Grenzen zu setzen oder Nein zu sagen. Treffen solche inneren Erwartungen auf eine Umgebung permanenter Erreichbarkeit, kippt das System.

Woran erkennen Unternehmen, dass das System bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist? Körperliche Symptome wie innere Unruhe, Nervosität, Kopfschmerzen, Schlafprobleme oder eine erhöhte Infektanfälligkeit sind erste Warnsignale. Im mentalen Bereich äußert sich die Belastung durch Gereiztheit, Konzentrationsprobleme oder sogenannten Brain Fog. Ein häufig unterschätzter Faktor ist die soziale Gesundheit: Dauerhafter Stress führt zu Konflikten mit Partnern oder Kollegen. Verschlechtert sich die Zusammenarbeit, fallen soziale Ressourcen weg, die sonst als Puffer gegen Stress wirken. Aus einzelnen Symptomen können so gefährliche Abwärtsspiralen entstehen.

„Erholung genauso ernst nehmen wie Leistung“

Da sich digitale Belastungen nicht vollständig vermeiden lassen, müssen Unternehmen die Arbeitsorganisation anpassen. Professorin Stefanie André von der IU Internationale Hochschule betont, dass es nicht für jedes Problem eine perfekte Lösung gebe, Unternehmen aber offen und ehrlich mit den Herausforderungen umgehen müssten. Ein eindrucksvolles Beispiel liefert die Flugsicherung. Fluglotsen arbeiten über bestimmte Zeiträume hinweg mit höchster Konzentration. Fehler können dort Menschenleben gefährden. Deshalb sind verbindliche Regenerationsphasen fest in den Arbeitsablauf integriert – ohne Ausnahmen, unabhängig von der Auslastung. Die Regeneration wird als notwendige Voraussetzung dafür behandelt, die geforderte Leistung überhaupt zuverlässig erbringen zu können. Dieses Prinzip lässt sich auf andere Tätigkeiten übertragen: Wenn Arbeitgeber dauerhaft hochkonzentrierte Leistungen erwarten, müssen sie entsprechende Erholungszeiten ermöglichen. Die gesetzlich vorgesehenen Pausen reichen dafür häufig nicht aus, da sie oft nur grundlegende Bedürfnisse decken. Angesichts der Informationsdichte und ständigen Unterbrechungen muss Erholung daher ein Bestandteil der Arbeitsorganisation sein – nicht erst nach Feierabend beginnen.

Als erster Schritt empfiehlt André, die Erholungskompetenz der Beschäftigten zu stärken. Viele Menschen wüssten grundsätzlich, was gesund ist, aber nicht, wie sie im Alltag tatsächlich regenerieren können. Das habe eine Studie zum Phänomen der „Leisure Sickness“ gezeigt, bei dem Menschen gerade in der Freizeit krank werden. Vor allem jüngere Beschäftigte und Auszubildende brächten oft wenig Gesundheits- und Erholungskompetenz mit. Unternehmen sollten hier gezielt ansetzen und gemeinsam trainieren, wie gesunde Erholung im Arbeitsalltag aussehen kann. Mindestens genauso wichtig ist die Rolle der Führungskräfte. Sie müssen mit gutem Beispiel vorangehen und offen über ihre eigenen Pausen und Erholungsstrategien sprechen. Solange Präsenz und Überstunden als Zeichen besonderer Leistungsbereitschaft gelten, wird sich die Unternehmenskultur kaum verändern. Gleichzeitig sind Führungskräfte häufig selbst stark belastet und vermitteln zwischen Geschäftsleitung und Belegschaft. In Trainings zeigt sich immer wieder, wie erleichtert alle Seiten sind, wenn sie feststellen, dass sie mit ihren Belastungen nicht allein sind.

„Gesunde Arbeit ist längst ein Wettbewerbsvorteil“

Die wirtschaftliche Begründung für eine stärkere Erholungskultur ist klar. Professor Timo Kortsch verweist auf zahlreiche Studien und Erfahrungsberichte, die belegen, dass mehr Erholungszeit nicht automatisch zu geringerer Produktivität führt – häufig ist das Gegenteil der Fall. Gerade bei wissensintensiver Arbeit steigt die Leistungsfähigkeit, wenn Menschen sich ausreichend regenerieren können. Ein Handwerksbetrieb, der aus gesundheitlichen Gründen neue Arbeitsmodelle einführte, machte durchweg positive Erfahrungen. Interessant war, dass selbst die Kunden dafür großes Verständnis hatten. Der Betrieb verzeichnete einen wachsenden Zulauf von Fachkräften – nicht wegen höherer Gehälter, sondern weil sich herumgesprochen hatte, dass Gesundheit im Unternehmen einen hohen Stellenwert besitzt. Eine gesundheitsorientierte Unternehmenskultur ist damit längst ein zentrales Argument im Employer Branding.

Technische Maßnahmen wie das Ausblenden von Uhrzeiten in E-Mails können helfen, den sozialen Druck zu reduzieren. Solche Systeme sind jedoch nur die zweitbeste Lösung. Wichtiger ist es, einen Orientierungsrahmen mit klaren Leitplanken zu schaffen, der Autonomie ermöglicht, ohne zu überfordern. Viele Probleme entstehen durch implizite Erwartungen: Beschäftigte glauben, ihre Führungskraft erwarte eine Antwort am späten Abend, obwohl diese Erwartung gar nicht besteht. Die Aufgabe der Unternehmen ist es, diese Unterschiede sichtbar zu machen und eine Kultur zu etablieren, in der Erholung genauso selbstverständlich ist wie Leistung. Nur so kann die digitale Arbeitswelt langfristig gesund und produktiv gestaltet werden.

Diesen Artikel teilen