Der US-Senat hat eine umfassende Untersuchung gegen die Online-Spieleplattform Roblox eingeleitet. Die Vorwürfe sind weitreichend: Roblox stelle kommerzielle Interessen über die Sicherheit von Kindern und werde von Tätern genutzt, um Minderjährige sexuell zu missbrauchen, zu entführen und zu ermorden. In einem am 12. August 2026 veröffentlichten Brief fordern die Senatoren Josh Hawley (Republikaner) und Richard J. Durbin (Demokrat) – Vorsitzender und ranghöchstes Mitglied des Unterausschusses für Kriminalität und Terrorismusbekämpfung – CEO David Baszucki auf, umfangreiche Dokumente und Daten bis zum 31. August offenzulegen.
US-Senat untersucht Roblox: Gewinn vor Kindersicherheit?
In dem Schreiben heben die Senatoren hervor, dass Roblox sich selbst als sicheren digitalen Spielplatz für Kinder ab fünf Jahren vermarkte. Die öffentlich zugänglichen Fakten zeigten jedoch ein anderes Bild. So seien in den letzten zehn Jahren zahlreiche Personen verhaftet worden, die über Roblox Kontakt zu Kindern aufgenommen und diese missbraucht, entführt oder sogar getötet hätten. Der Brief verweist unter anderem auf den Fall einer 17-Jährigen, die nach einer über Roblox und Discord angebahnten Beziehung mit einem älteren Mann ums Leben kam. Die Senatoren werfen Roblox vor, ein Ort für den Tausch von Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger zu sein. Kinder würden in sexuell explizite, oft gewalttätige virtuelle Erlebnisse verwickelt, erpresst oder bestochen, um selbst solches Material zu produzieren, und schließlich zu persönlichen Treffen gelockt.
Nach Angaben des National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC) habe Roblox im Jahr 2025 insgesamt 65.381 Fälle mutmaßlicher sexueller Ausbeutung von Kindern gemeldet – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Dies sei ein Beleg dafür, dass Roblox Umsatz und Engagement über die Sicherheit der Kinder stelle, so die Unterausschussvorsitzenden. „Roblox scheint Umsatz- und Interaktionskennzahlen über die Sicherheit und das Wohl unserer Kinder zu stellen“, schreiben Hawley und Durbin in dem Brief. „Die mutmaßlichen kriminellen Aktivitäten auf Roblox verdienen eine Überprüfung durch den Kongress.“
Welche Daten und Dokumente fordert der Senat?
Der Unterausschuss hat einen umfangreichen Katalog an sogenannten Interrogatorien – schriftlichen Fragen im Discovery-Verfahren vor einem möglichen Prozess – sowie Dokumentenanforderungen an Roblox übermittelt. Die Frist zur Vorlage endet am 31. August 2026. Die Anfragen decken ein breites Spektrum ab, von Umsatz- und Nutzungsdaten bis hin zu internen Sicherheitsbewertungen.
Einnahmen und Nutzungsverhalten nach Altersgruppen
Roblox muss offenlegen, wie viel Umsatz die Plattform mit Nutzern verschiedener Altersgruppen erzielt – von Fünfjährigen bis zu über 50-Jährigen. Zudem verlangt der Senat detaillierte Angaben darüber, wie viele Stunden diese Nutzer pro Tag und pro Woche auf der Plattform verbringen. Auch die Frage, wie viel Prozent der unter 18-Jährigen eine elterliche Aufsicht auf ihren Accounts aktiviert haben, steht im Raum.
Moderationspraxis und technische Sicherheitsmaßnahmen
Die Senatoren möchten wissen, in welchem Umfang Roblox auf automatisierte Werkzeuge zur Kindersicherheit setzt. Konkret fordern sie eine Aufschlüsselung, wie viele der zwischen 2023 und 2025 gemeldeten Accounts mit Verdacht auf sexuelle Ausbeutung, Belästigung oder Missbrauch von Minderjährigen tatsächlich von einem Menschen überprüft wurden. Außerdem wird hinterfragt, warum die neuen Altersverifikationseinstellungen nicht für individuelle, von Entwicklern erstellte Chat-Funktionen innerhalb der Spiele gelten. Weitere Fragen betreffen die Löschung von Daten, die nicht den Bestimmungen des Children’s Online Privacy Protection Act (COPPA) entsprechen, sowie Maßnahmen, die verhindern, dass Erwachsene sich auf der Plattform als Kinder ausgeben, um mit anderen Kindern zu interagieren.
Finanzielle Aufwendungen für Sicherheit
Der Senat verlangt eine detaillierte Auflistung der Ausgaben für Trust & Safety (Vertrauen und Sicherheit) für jedes Geschäftsjahr von 2018 bis 2025 – sowohl in absoluten Zahlen als auch als Prozentsatz der gesamten Betriebsausgaben und Umsätze. Zudem muss Roblox ein Organigramm aller Mitarbeiter vorlegen, die seit dem 1. Januar 2016 in den Bereichen Trust & Safety, Content-Moderation oder Kindersicherheitspolitik tätig waren. Die geforderten Unterlagen umfassen auch alle Dokumente, die die Einnahmen aus virtuellen Erlebnissen belegen, bei denen später Ausbeutung, Grooming oder kriminelles Verhalten festgestellt wurde.
Kooperationen und finanzielle Risikoanalysen
Darüber hinaus verlangt der Unterausschuss Unterlagen zu den Kooperationen von Roblox mit der Sesame Workshop (Sesamstraße), der NFL und der FIFA – insbesondere zur Zielgruppe der jeweiligen Altersdemografie. Auch interne Bewertungen über die finanziellen Risiken möglicher Änderungen, die die Nutzung für unter 13-Jährige erschweren würden – etwa ein Verbot von Robux-Käufen für diese Altersgruppe –, sind gefordert. Die Senatoren wollen außerdem wissen, wie Roblox die elterlichen Kontrollen gestaltet und wie das Unternehmen mehrfache Konten von Straftätern verfolgt.
Frühere Vorwürfe und internationale Maßnahmen
Roblox sieht sich seit Jahren mit dem Vorwurf konfrontiert, die Plattform sei nicht sicher für Kinder. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, sowohl von der Arbeit Minderjähriger zu profitieren als auch sexuelle Übergriffe nicht ausreichend zu verhindern. Bereits im August 2024 verhängte die Türkei ein Verbot von Roblox mit Verweis auf Kindersicherheitsbedenken. Im August 2025 bezeichnete der Justizminister von Louisiana Roblox als „perfekten Ort für Pädophile“ und verklagte das Unternehmen. Im April 2026 warnte die australische Regierung, dass Roblox zusammen mit Steam, Minecraft und Fortnite Gefahr laufe, zu „Einstiegsportalen für Missbrauch, extremistischer Gewalt, Radikalisierung oder lebenslangen Schaden“ zu werden.
Roblox’ Sicherheitsmaßnahmen und Reaktion auf die Untersuchung
Roblox hat in den vergangenen Monaten mehrere Sicherheitsmaßnahmen eingeführt, darunter Gesichtsaltererkennungstechnologien und ein Verbot von Direktnachrichten für Spieler unter 13 Jahren. Der Chief Safety Officer des Unternehmens, Matt Kaufman, äußerte sich gegenüber der US-Senatsuntersuchung mit den Worten: „Roblox ist auf der Grundlage von Sicherheit aufgebaut. Wir machen keine Kompromisse bei dieser Verpflichtung. Wir freuen uns darauf, die Fakten darüber darzulegen, wie wir Kinder auf der Plattform schützen.“
Die bevorstehende Offenlegung der geforderten Unterlagen wird zeigen, ob der Senat die Vorwürfe erhärten kann. Sollte sich bestätigen, dass Roblox systematisch Sicherheitsmaßnahmen zugunsten von Umsätzen vernachlässigt hat, drohen nicht nur regulatorische Konsequenzen in den USA, sondern auch weiterer internationaler Druck. Die Plattform steht damit an einem Scheidepunkt: Entweder sie belegt die Wirksamkeit ihrer Schutzmaßnahmen oder sie riskiert ein nachhaltiges Verlust an Vertrauen bei Eltern und Aufsichtsbehörden weltweit.