Xbox nach der Katastrophenwoche: 3.200 Stellen gestrichen

Die Entlassungswelle bei Xbox hat tiefe Wunden hinterlassen und wirft existenzielle Fragen zur Zukunft der Spieleentwicklung auf.

Microsofts Xbox-Sparte hat in einer Woche 3.200 Mitarbeiter entlassen und mehrere Studios geschlossen.
Highlights
  • Bei Xbox wurden 3.200 Mitarbeiter entlassen, darunter viele leitende Entwickler und Teamleiter.
  • Gewerkschaften kritisieren das Vorgehen von Microsoft als psychologische Kriegsführung gegenüber der Belegschaft.
  • Xbox-Chefin Asha Sharma wurde kurz nach den Massenentlassungen in den Beirat der US-Notenbank berufen.

Die vergangene Woche war eine der düstersten in der Geschichte von Xbox. 3.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden entlassen, ganze Studios geschlossen oder ihrer Substanz beraubt. Was als groß angekündigte Umstrukturierung begann, entpuppte sich als beispielloser Kahlschlag, der die Videospielsparte von Microsoft in ihren Grundfesten erschüttert. Die Art und Weise, wie die Führungsetage diese radikalen Einschnitte kommunizierte und umsetzte, hinterlässt tiefe Wunden – und wirft existenzielle Fragen auf.

Eine Woche der Verwüstung: Was genau geschah bei Xbox?

Am Montag dieser Woche versetzte Xbox-Chefin Asha Sharma die Belegschaft mit einem internen Memo in Schockstarre. Darin kündigte sie die sofortige Entlassung von 1.600 Angestellten an und stellte klar, dass bis zum Ende des Geschäftsjahres weitere 1.600 Mitarbeiter gehen müssen. Insgesamt sind es also 3.200 Jobs, die gestrichen werden. Die Nachricht traf die Branche hart, war aber lediglich der Auftakt zu einer Reihe von Enthüllungen, die im Laufe der Woche nach und nach ans Licht kamen.

Betroffen sind nicht nur einzelne Abteilungen, sondern namhafte Entwicklerstudios, die das kreative Rückgrat von Xbox bilden. Studios wie Double Fine, Compulsion Games, Ninja Theory und Undead Labs wurden umgehend geschlossen oder ihrer Führungsriege beraubt. Es ist der fünfte massive Stellenabbau bei Xbox innerhalb von drei Jahren – eine Entwicklung, die selbst Branchenkenner ratlos zurücklässt.

Wer sind die wahren Opfer des Stellenabbaus?

Sharma begründete die Maßnahme in ihrem Memo mit dem Ziel, Führungsebenen zu eliminieren und eine „flachere Organisation zu schaffen, die sich auf die Macher konzentriert“. Ein Blick auf die tatsächlich Gekündigten – ob durch offizielle WARN-Meldungen oder die stille Trauer auf LinkedIn – zeichnet jedoch ein völlig anderes Bild. Ein erheblicher Teil der Entlassenen sind leitende Angestellte, Teamleiter und Senior-Entwickler: genau jene „Macher“, die für die Videospielproduktion unverzichtbar sind. Die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität ist erschütternd.

Interne Quellen berichten, dass Xbox es nicht nur versäumt habe, die internen Kündigungen mit einem Mindestmaß an Mitgefühl zu gestalten, sondern dass Schlüsselstudios wie id Software und ZeniMax Online Studios durch die gezielte Entlassung von Führungskräften faktisch zu einem langsamen, quälenden Tod verurteilt wurden. Ausgerechnet in der Woche, in der id Software einen DLC für den populären Shooter Doom: The Dark Ages veröffentlichte, wurden 158 Mitarbeiter in Texas entlassen – die meisten von ihnen Gewerkschaftsmitglieder.

Warum streicht Xbox so viele Stellen? Die offizielle Begründung

Die offizielle Linie von Asha Sharma ist klar: Xbox habe sich finanziell übernommen, zu viel Geld für Akquisitionen und Expansion ausgegeben. Die Hardware-Sparte leide unter einer anhaltenden Komponentenkrise. In einem Interview mit Fortune wiederholte sie die altbekannten Ausreden und ließ wenig Hoffnung auf Besserung erkennen: „Ich glaube, unser Kerngeschäft muss gesund sein, und das ist notwendig, aber nicht hinreichend“, wird sie zitiert. Eine Aussage, die bei den verbliebenen Mitarbeitern wie blanker Hohn wirkt. Die Frage, die sich viele stellen: Wer soll Xbox retten, wenn keine Entwickler mehr übrig sind? Die C-Suite sicher nicht.

Die WARN-Meldungen: Ein genauer Blick auf die Zahlen

Da Microsoft es versäumte, die genauen Auswirkungen auf die einzelnen Studios offenzulegen, geben die in den USA veröffentlichten WARN-Meldungen (Worker Adjustment and Retraining Notification) ein genaueres Bild. Diese gesetzlich vorgeschriebenen Ankündigungen offenbaren das wahre Ausmaß des Blutbads:

  • Texas: 158 Mitarbeiter von ZeniMax wurden entlassen, darunter ein Großteil der Belegschaft von id Software.
  • Maryland: 379 Beschäftigte bei ZeniMax verloren ihren Job, darunter 213 Mitarbeiter von ZeniMax Online Studios (The Elder Scrolls Online). Dieses Studio hatte bereits im Juni 2025 Entlassungen hinnehmen müssen.
  • Kalifornien: Mindestens 52 Angestellte des renommierten Studios Obsidian (bekannt für The Outer Worlds und Avowed) wurden in die Arbeitslosigkeit geschickt.

Der Aufstand der Gewerkschaften: „Psychologische Kriegsführung“

Inmitten des Chaos begannen die Gewerkschaften innerhalb von Xbox, sich zu organisieren und zu wehren. In den USA und Kanada fanden Protestkundgebungen statt, die unter dem Motto „Save Our Devs“ standen. Die Kommunikationsgewerkschaft CWA Canada prangerte das Vorgehen von Microsoft scharf an. Carmel Smyth, Präsidentin von CWA Canada, erklärte in einer E-Mail an Game Developer, dass jeder einzelne in Montreal entlassene Mitarbeiter von Bethesda Game Studios ein Gewerkschaftsmitglied war. Sie beschrieb die Taktik von Microsoft als „psychologische Kriegsführung“ gegenüber der Belegschaft. Auch in China wurden bei Blizzard Entertainment eine „kleine Anzahl“ von Stellen gestrichen, wie Studio-Präsidentin Johanna Faries in einer internen E-Mail bestätigte.

Ein grotesker Hohn: Sharma im Beirat der US-Notenbank

Die Geschmacklosigkeit der Ereignisse gipfelt in einer Nachricht, die wie Satire wirkt, aber real ist: Nur wenige Tage, nachdem Asha Sharma tausende Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit entlassen hatte, wurde sie von der US-Notenbank Federal Reserve in deren neuen Beirat für „Produktivität und Arbeitsplätze“ berufen. Die Nachricht löste in der Branche blankes Entsetzen aus. Man müsse die Simulation neustarten, witzelten Beobachter. Diese Episode zeigt, wie weit die Unternehmensführung von der Realität der Belegschaft entfernt ist.

Die vergangene Woche hat eine unüberbrückbare Kluft offengelegt: zwischen den Versprechungen einer schlanken, kreativen Zukunft und der brutalen Realität einer auf Rendite getrimmten Konzernpolitik. Die Entwickler, die einst für die Seele von Xbox standen, sind gegangen. Wer bleibt, um das Haus wieder aufzubauen – und vor allem: mit welcher Motivation?

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